Preis der Nationalgalerie - Berlin

Countdown!

Der Preis der Nationalgalerie für junge Kunst ist Deutschlands wichtigster Preis für junge Künstler – schon die Nominierten werden heiß diskutiert. art porträtiert die vier Kandidaten und zeigt dazu exklusive Filme, die von der Deutschen Welle (DW-TV) in Zusammenarbeit mit den Künstlern produziert wurden. Außerdem können Sie abstimmen: Wählen Sie jetzt den Publikumspreis 2011, präsentiert von art und BMW, und gewinnen Sie ein exklusives Wochenende in Berlin und weitere wertvolle Preise.
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Am 28. September vergibt eine hochrangig besetzte Jury den diesjährigen Preis der Nationalgalerie. Cyprien Gaillard, Klara Lidén, Kitty Kraus und Andro Wekua heißen die vier Nominierten, deren Arbeiten vom 9. September bis 8. Januar in einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof zu sehen sind. Der Publikumspreis wird erst am Ende der Ausstellung ermittelt. Bis dahin können Sie Ihren persönlichen Favoriten unter den vier Kandidaten wählen. art stellt Sie Ihnen vor.

Kandidat 1: Cyprien Gaillard

Cyprien Gaillard, geboren 1980 in Paris, beschäftigt sich in seinem Werk vor allem mit den Wechselwirkungen zwischen Architektur und Gesellschaft. Die einstige Documenta-Leitfrage, ob die Moderne unsere Antike sei, hat er für sich längst beantwortet. In seinen archäologisch inspirierten Feldforschungen zeigt der Teilnehmer der 5. Berlin-Biennale 2008 jedoch nicht nur Interesse für die Überreste des Modernismus, sondern für Ruinen aller Art, die Landschaften, die sie konstituieren und der Umgang mit ihnen: "Meine Arbeit beginnt, wenn die Archäologen gegangen sind."

Die künstlerische Umsetzung seiner Recherchen endet meist in überraschenden Aktionen. So ließ Gaillard vor zwei Jahren für die In-situ-Arbeit "Dunepark" in Scheveningen einen Nazi-Militärbunker aus dem Zweiten Weltkrieg ausgraben, der nach Kriegsende aus Kostengründen nicht abgerissen worden war, sondern einfach unter einem Sandberg verschwand. "Ich fand es interessant, einen Bunker wie eine klassische Ruine zu behandeln, oder einen Tempel, begraben unter der Wüste in Ägypten – für dessen Ausgrabung man einen Raupenbagger benützt, statt einer Pinselquaste."

An die Spektakelfunktion von archäologischen Tourismuszielen erinnerte in diesem Frühjahr hingegen die Installation "The Recovery of Discovery" in der Haupthalle der Berliner Kunst-Werke an der Auguststraße. Gaillard ließ insgesamt 72 000 Flaschen der türkischen Biermarke "Efes" in die Kunstinstitution bringen und errichtete aus den mit den Flaschen gefüllten Kartons eine treppenartige Pyramidenstruktur: das große Besäufnis als Happening. Zwi­schen Alkohol und Architektur gibt es für Gaillard gewisse Verbindungen: Je fortgeschrittener der Abend, desto ruinierter waren sowohl die reale als auch die soziale Skulptur – betrunkene Gäste, zersetzte Form. Dass die Biermarke ihren Namen der antiken Stadt Ephesos verdankt, die mit dem Tempel der Artemis einst eines der Sieben Weltwunder beherbergte, passt ins Bild.

So könnte man Cyprien Gaillard auch als einen Künstler beschreiben, der sich mit den Übergängen zwischen Landschaften beschäftigt. Es ist ein kühler, nicht kommentierender oder wertender Blick, den er auf Prozesse von Zerstörung und Verwahrlosung ehemaliger Utopien richtet. So interessiert er sich zum Beispiel sehr für Golfplätze, hinter deren Beschaulichkeit die kompromisslose Durchsetzung von Landschaftlichkeit steht. Werden sie verlassen, erobert die Natur ihren Raum zurück.

Kandidat 2: Klara Lidén

Der städtische Raum und die vielfältigen Möglichkeiten seiner künstlerischen Aneigung sind das Thema der 1979 in Stockholm geborenen Schwedin Klara Lidén. Ihre Aktionen lassen jedoch den heiligen Ernst vermissen, mit dem etwa Gentrifizierungskritiker aus dem Kunstfeld oft auf den Plan treten. Ein Teil von ihr sei zwar "diese arme Architektin" erklärt Lidén "die sich mit den Problemen existierender Strukturen in Städten auseinandersetzt". Doch da gibt es eben auch "diese Amateurtänzerin oder Performerin, die dem Bauen eine Form von Rhythmus zurückgeben möchte und sich die gebaute Umwelt wieder aneignen will". Wie diese Inbesitznahme funktioniert – das sieht man in den Videos, Diaprojektionen, Performances und Installationen der in Berlin lebenden Künstlerin, die auf der diesjährigen Venedig-Biennale eine lobende Erwähnung erhielt.

Mit Lust attackiert Lidén die verschiedenen Ideen, mit denen gewisse Sorten von Räumen unveränderlich verbunden scheinen: Im Pariser Museum Jeu de Paume stapelte sie kürzlich so viele von Plakatwänden gerissene und anschließend gefaltete Werbeposter übereinander, bis der Ausstellungsraum unbetretbar wurde. In einer New Yorker Galerie installierte sie 2008 einen Taubenschlag: Die Tiere blieben für die Besucher unsichtbar, ihr Gurren war jedoch deutlich vernehmbar. Im Bonner Kunstverein schließlich waren im letzten Winter zehn verschiedene Abfallbehälter ausgestellt, die Lidén in Städten wie New York, Stockholm oder Zürich eingesammelt hatte. Der alte Trick mit der Kontextverschiebung pro­faner Objekte funktioniert noch immer: Mit Interesse studierte das Publikum abgerocktes Stadtmobiliar, welches im öffentlichen Raum ansonsten unbeachtet bleibt.

Schon kleine Veränderungen können also den theatralischen Aspekt, der im Konzept der Straße ohnehin schlummert, zutage bringen. Für ihr Video "Der Mythos des Fortschritts (Moonwalk)" von 2008 führt die Künstlerin auf nächtlichen Plätzen den berühmten Michael-Jackson-Tanz auf. Das Pop-Zitat wird in die öf­fentliche Sphäre verfrachtet, als Mittel der Fortbewegung wie auch des Stillstands. Plötzlich fallen Zuschauer und Akteure in eins, und die Straßenlichter mutieren zu Bühnenlicht. Eine Straße ist nie nur eine Straße – es ist die Bühne des Augenblicks.

Kandidat 3: Kitty Kraus

Wahrscheinlich erinnert man sich im Kunstverein Heilbronn noch gut an die Einzelschau der Berliner Konzeptbildhauerin Kitty Kraus im Winter 2008. Jedenfalls klingt der Bericht, den man im dazugehörigen Katalog nachlesen kann, fast schon dramatisch: "Die Besucher der Ausstellung meinten, sie müssten die Luft anhalten", schreibt Matthia Löbke, Ausstellungsleiterin des Hauses.

Besonders einer Installation aus drei großen Glasscheiben galt die Sorge: "Ich war jeden Morgen, wenn ich die Türe zu unserem großen Saal öffnete, gespannt, ob die drei Glasscheiben noch stehen und bemühte mich, jeden Lufthauch und vielleicht auch lautes Türeschlagen zu vermeiden."

Der Zusammenbruch blieb aus, die Vorsicht der Ausstellungsmacherin war dennoch nicht unbegründet, ist doch Kraus’ bildhauerische Arbeit von einer prozesshaften Auffassung ihres Materials geprägt: Auflösungen, Verflüssigungen, Fragilitäten und Dekonstruktionen gehören zum Programm. Die 1976 in Heidelberg geborene Künstlerin, die an der Berliner Universität der Künste studierte, zelebriert die Kunst der scheinbaren Kunstlosigkeit, indem sie etwa feine Nadelstreifenanzüge zerschneidet und sie in geometrischen Formen im Raum ausbreitet oder einen Eisblock aus Tintenwasser mit Hilfe einer Glühbirne zum langsamen Schmelzen bringt.

Für die Berliner Gruppenausstellung "Based in Berlin" lieferte Kraus kürzlich einen zugeschnittenen Rollladen, der sich so vor die Tür eines Lastenaufzugs in den Berliner Kunst-Werken schmiegte, dass es für Nichteingeweihte schwer gewesen sein dürfte, das Objekt überhaupt als Kunst zu identifizieren. Dieses präzise Understatement in der Tradition der Minimalisten-Experimente der sechziger und siebziger Jahre und eine Widerständigkeit gegen die Gefälligkeit macht die Kunst der Berlinerin paradoxerweise international attraktiv: Im vorletzten Jahr wurden ihre Werke in der New Yorker Hype-Show "Younger Than Jesus" des New Museum gezeigt, ebenso wie in der von Klaus Biesenbach 2008 kuratierten Themenausstellung "Political/Minimal".

Kandidat 4: Andro Wekua

"Gott ist tot aber das Mädchen nicht" – so lautete der von Nietzsche inspirierte Titel einer Installation Andro Wekuas, die im letzten Jahr im Berliner Schinkel-Pavillon zu sehen war. Ausgestellt wurde eine große Glasvitrine, in der eine androgyne Kindergestalt in einem weiß gerippten Unterhemd und Sneakers auf einem Stuhl trotzig die Arme verschränkt. Seine Inszenierungen ähnelten Filmstills, sagt Wekua. "Der Ausstellungsraum wird als Bühne benutzt, und ein Moment von etwas, das eigentlich am Laufen ist, wird eingefroren und gezeigt." Nur: Was für eine Sorte von Film läuft da gerade?

So füttert der in Berlin und Zürich lebende Künstler seit Jahren die Fantasie seines Publikums: provozierende Titel, unfertig wirkende, oft gesichtslose Figuren in seltsamen Posen und Konstellationen, die in ihrer Zerstückelung und Ungeschütztheit an Schaufensterpuppen in einem Depot denken lassen. Viele Betrachter deuten die Traumata des Bürgerkriegs in das Œuvre hinein, denn der 1977 in der georgischen Schwarzmeerstadt Sochumi geborene Künstler war Mitte der neunziger Jahre aufgrund der gewaltsamen Auseinandersetzung gezwungen, seine Heimat zu verlassen.
Doch den biografischen Zugang lässt Wekua, der von 1995 bis 1999 in Basel Kunst studierte, bevor er nach Zürich ging, nur bedingt gelten. Es stimme zwar, dass seine Biografie "eine starke Rolle" spiele, da er durch sein Leben "an manchen Themen einfach mehr Interesse" entwickelt habe. Andererseits: Für welchen Künstler gilt der biografische Faktor nicht? Und so darf sich das Publikum angesichts der frostigen Skulpturen und der brüchigen Materialästethik des Künstlers auch auf die eigenen Schrecknisse und Fantasien zurückgeworfen fühlen. In der Tradition der Surrealisten begreift Wekua den dargestellten Körper als Instrument zur Wahrheitssuche, die mit einiger Rücksichtslosigkeit betrieben wird. Gegen das einvernehmliche Augenzwinkern zwischen Kunst und Betrachter wehrt er sich erfolgreich, indem er die Augen und Münder seiner Figuren meist einfach übermalt oder versiegelt. Das macht seine Kunst so unheimlich.

Der Preis der Nationalgalerie für junge Kunst


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