Kunstschau - Berlin

Denkmal für Wowereit

Bewerben darf sich jeder, der in Berlin wohnt und sich Künstler nennt. Nach dem Ende der Temporären Kunsthalle plant Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit jetzt die große "Leisstungsschau junger Kunst aus Berlin". Dafür erinnerte er sich sogar an einen alten Liebling: das seelenlose Investorenprojekt Humboldthafen.
Berlin vor der Mappenflut:Wowereit plant Leistungsschau

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit

Es fehlten nur noch Pauken und Fanfaren: "Wowereit plant Leistungsschau junger Kunst aus Berlin", teilte die Pressestelle des Berliner Bürgermeisters mit. Endlich will der amtierende Kultursenator also sehen, was in den Ateliers der Stadt so produziert wird: "Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ruft Berliner Künstlerinnen und Künstler zu einer umfassenden Bestandsaufnahme ihrer künstlerischen Produktion auf." Jeder in Berlin lebende und arbeitende Künstler kann in den ersten beiden Dezemberwochen also sein Portfolio an der Pforte der Stadtagentur Kulturprojekte Berlin einreichen. Alles wird begutachtet. Wirklich alles? Spätenstens hier
reibt man sich die Augen: Meint er das tatsächlich ernst?

Es wäre ja in den vergangenen Jahren so leicht gewesen, die Nähe zur Szene zu suchen. An Galerien, Projekträumen, Museen und Kunstvereinen mangelt es ja in der Hauptstadt wahrlich nicht. Gelohnt hätte sich auch der Besuch der Temporären Kunsthalle auf dem Schlossplatz, nur einen Steinwurf entfernt von Wowereits Büro. Dort fand in den letzten beiden Jahren genau das statt: eine aktuelle Bestandsaufnahme der künstlerischen Hauptstadt-Produktion. Nun ist sie geschlossen und wird abgebaut. Viel hätte Wowereit sicherlich auch in den Workshops der Kunsthallen-Initiative erfahren, die sich um die Etablierung eines Kunst- und Kreativquartiers am ehemaligen Blumengroßmarkt
bemüht. Die Gründe für das ostentative Desinteresse lagen auf der Hand: Es waren nicht Wowereits Kunsthallen-Initiativen, und es ging nicht um die von ihm präferierten Orte.

Nachdem er die Diskussionen um Kreuzberg und Schlossplatz ausgesessen hat, bringt er nun seinen Liebling, das seelenlose Investorenprojekt Humboldthafen, verpackt als süße Pille, erneut als Kunsthallen-Standort ins Spiel: Dort nämlich sollen die Ergebnisse seiner Kunst-Initiative im Sommer 2011 als Ausstellung präsentiert werden. Hier
will sich Wowereit sein Denkmal bauen, und die übrigen Kunst-Institutionen mit den schmalen Ausstellungs- und Ankaufsbudgets, die ihren Betrieb teilweise mit ausbeuterischen Anstellungsverhältnissen aufrechterhalten, schauen entgeistert zu. Die Verteilungskämpfe um die knappen Mittel werden in Zukunft eher härter. Glaubt man
angesichts der Situation im Roten Rathaus tatsächlich an die Notwendigkeit eines weiteren Mitbewerbers?

Auch wenn sich Wowereit nun der Hilfe von Kunstwelt-Schwergewichten wie Klaus Biesenbach, Christine Macel und Hans Ulrich Obrist versichert hat, sowie jungen Kräften wie Angelique Campens, Magdalena Magiera, Jakob Schillinger und Scott Weaver die Durchsicht der Mappenflut übertragen will: der Eindruck bleibt, dass es sich bei der
Hau-Ruck-Initiative wohl vor allem eines handelt. Den durchsichtigen Profilierungsversuch eines Politikers, der sich in den vergangenen Jahren eher stiefmütterlich um die zeitgenössische Kunstszene kümmerte. Dabei müsste er statt einer neuen Kunsthalle einfach ein bisschen Spielgeld für die bestehenden Institutionen herausrücken: Ewige Dankbarkeit in der Szene wäre ihm sicher.