Virtuelle Kunsträume - NRW-Forum

Wir erreichen unser Publikum da, wo es zuhause ist

Mit dem iPhone ins Museum: Das NRW-Forum in Düsseldorf bietet seinen Besuchern seit neuem eine Applikation für den Museumsbesuch an. Ausstellungsmanager Werner Lippert stellt Tech-Trends vor, die neue Fragen aufwerfen. Werden Museen in Zukunft nur noch als virtuelle Kunsträume Bestand haben?
Mit dem iPhone ins Museum:Applikation für den Museumsbesuch im NRW-Forum

Mobiler Zugang zum NRW-Forum Düsseldorf: die neue Applikation für das iPhone

Telefonverbot im Museum? Abgeschafft! Neuerdings sieht man im NRW-Forum in Düsseldorf immer häufiger Besucher mit einem Handy am Ohr durch die Ausstellungsräume spazieren. Gesprächsfetzen hört man allerdings keine, sondern sie lauschen stumm wandelnd ihren technischen Multimedia-Geräten.

Das NRW-Forum hat unter 100 000 bereits existierenden Applikationen für iPhone oder iPod eine neue Nische gefüllt: die erste deutsche App für den Museumsbesuch. Diese soll laut Werner Lippert, Leiter des Ausstellungsmanagements, ein "Führer zum und durchs Museum" sein. Neben Besucherinformationen werden darin Einführungen zu aktuellen Ausstellungen gegeben. Der Location-Guide "Around the NRW-Forum" porträtiert die Umgebung des Ausstellungshauses als Googlemap-Anwendung und in einem aktuellen Twitter- sowie Flickr-Feed können sich Kunstinteressierte austauschen. Als wichtigstes Angebot der NRW-App gilt bislang der mobile Audioguide, der auch von gewöhnlichen Mobiltelefonen zum Ortstarif abgerufen werden kann. In historischen Dialogen, Miniatur-Hörspielen und Rollenspielen geben Journalisten, Rundfunkexperten und Wegbegleiter der ausgestellten Künstler weiterführende Informationen zu den ausgewählten Werken und skizzieren Situationen, unter denen die Werke entstanden sind. "Feature-like" beschreibt Lippert diese neue Form der Informationsübermittlung. Aufgrund der heutigen massiven Informationsüberflutung kommt es dabei weniger auf einen wie bisher rein enzyklopädisch-beschreibenden, sondern vielmehr auf einen induktiven Ansatz an: fokussiert wird nicht die bloße Wiedergabe von Informationen, vielmehr soll der Besucher erzählerisch und spielerisch in die Inhalte verwickelt werden, um dadurch eine Emotionalisierung zu erreichen und sein Verständnis zu fördern. "Die Führung von heute weicht stark von einem früheren klassischen Museumsbesuch ab. Wir wollen unsere Besucher in die Idee der Ausstellung hineinziehen, wollen ihnen Entertainment – solange es sachbezogen ist – bieten und eine inspirierende Umgebung schaffen, in der man mehr über ein Bild erfährt", erklärt Lippert.

"Alle Kanäle müssen bedient werden"

Die Neuheit der NRW-App liegt ebenso in ihren Inhalten wie in ihrer Technik. Anstatt klobiger Leihgeräte und schwerer Ausstellungskataloge erlangt man mit dem eigenen iPhone mobilen Zugang zur Audioführung sowie zu relevanten Informationen. Neben der Präsenz auf Facebook, Twitter und einem Blog hat das NRW-Forum vor Monaten seine Besucher bereits durch Bluetooth-Anwendungen und QR-Codes überrascht. Für die Zukunft sind iPhone-Konzerte sowie Videostreams zu Künstlern und diversen Veranstaltungen im Ausstellungshaus in Planung. Ein modernes und medienaffines Publikum formiert sich als Zielgruppe, das durchschnittliche Besucheralter liegt dabei unter 35 Jahren. "Wir erreichen unser Publikum da, wo es zuhause ist", stellt Lippert fest. Junge Besucher leben in einer digitalen Welt und deswegen reichen Radio und Print als Medien nicht aus, sondern es müssen laut Lippert vielmehr "alle Kanäle bedient werden": "Die Response auf den digitalen Kanälen nimmt zu, und die Akzeptanz des Services ist gegeben. Jeder hat heute sein eigenes Multimediagerät dabei, und zunehmend werden neue Medien alle Altersschichten durchdringen, so dass sich die App nicht nur auf junge Rezipienten beschränkt."

Momentan werden 500 Downloads der NRW-App pro Tag verzeichnet - eine beachtliche Zahl nach nur vier Wochen seit ihrem Erscheinen. Museumsinhalte haben für die neuen Informationstechnologien an Bedeutung gewonnen. Aufgrund ihrer strukturierten, gesammelten und in der Regel kommentierten Quellen erfüllen Museen die Hauptkriterien für die digitale Aufbereitung und Vermarktung. Die Informationseinheiten sind auch außerhalb des Museums nutzbar, und Ausstellungsmanager machen davon Gebrauch, indem sie ihre Ausstellungshäuser immer weiter mit modernen Technologien vernetzen. Kann in Zukunft also eine App ein ganzes Museum ersetzen? Wie lange sind Museen überhaupt noch existent, wenn sie ebenso als virtuelle Kunsträume realisierbar sind? Und welche langwierigen Veränderungen wird das Erscheinen des iPads Ende April mit sich bringen?

"Remix MoMA!" und mit Promis durchs Museum

Das NRW-Forum in Düsseldorf ist mit seinen innovativen Medienangeboten nicht alleine, und Werner Lippert prognostiziert, dass man als Ausstellungshaus "mittelfristig an den neuen Medien gar nicht vorbeikommt". Vergangenes Jahr hatten erstmals das Brooklyn Museum in New York und der Pariser Louvre eine Museums-Applikation präsentiert, die kostenlos zum Download bereit steht. "Perhaps you can’t come to the Louvre? No matter – The Louvre will come to you" lautet der dazugehörige Slogan im App-Store. Das Museum of Modern Art in New York überzeugt durch avancierte Audioguides und animiert Besucher unter dem Titel "Remix MoMA!" selbst Audiorezensionen über Werke zu produzieren, damit sie im Kanon der Museumspodcasts aufgenommen werden. Und in Deutschland konkurriert das Frankfurter Städel-Museum mit dem Düsseldorfer NRW-Forum: Es publiziert interaktive Hörbücher zu Ausstellungen, bloggt, twittert, stellt Videos zu Ausstellungen auf Youtube online und ist auf Flickr, Facebook und Friendfeed vertreten. Bei einem persönlichen Museumsbesuch werden sieben verschiedene Audiotouren von Prominenten angeboten, die die Sammlung aus sieben Perspektiven neu beleuchten und erklären. Ausstellungsmanager nutzen als entscheidende Option neuer Medien die individuelle, erzählerische und emotionale Ansprache des Rezipienten und werden das Spektrum an Möglichkeiten zunehmend weiter ausschöpfen. Der Museumsbesuch wird so zu einem rundum medialen Reizerlebnis.

Und so erscheint es heute wohl nur noch kurzzeitig als verwunderlich, wenn uns im Museum Besucher begegnen, die mit ihrem iPhone verschmolzen zu scheinen. Eine App gibt es momentan eben für so gut wie alles – da kommt sie auch am Museum nicht vorbei.