Harald Falckenberg - Interview

Mir ist die Haltung eines Künstlers wichtig

Mit einer Werkschau des amerikanischen Künstlers Paul Thek eröffnete der Unternehmer und Sammler Harald Falckenberg, 64, seine erweiterten Ausstellungsräume in Hamburg-Harburg. Mit insgesamt 6200 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist er nun der Besitzer von Deutschlands größtem Privatmuseum. Im exklusiven art-Interview spricht Falckenberg über seine Lust und Sucht am Sammeln, infantile Künstler – und die lange Tradition der grotesken Kunst.
"Mir ist die Haltung eines Künstlers wichtig":Interview mit Harald Falckenberg

Harald Falckenberg, 64, vor der Eröffnung: "Ich will durch die Kunst etwas in mir aufbrechen"

Herr Falckenberg, was sind die wichtigsten Prinzipien eines Sammlers?

Harald Falckenberg: Man sollte vor allem nicht zu viel handeln und zügig seine Rechnungen bezahlen. Dann bieten Galeristen und Kunsthändler einem zuerst die besten Werke an. Und man sollte sich fragen, warum man eigentlich sammelt. Viele sammeln Kunst, um sich zu zelebrieren. Andere wollen sich mit Kunstwerken als Prozess der Selbsterfahrung befassen. Mir ist die Haltung eines Künstlers im gesellschaftlichen Kontext wichtig.

9901
Strecken Teaser

Geht es Ihnen dabei um eine Haltung, die Ihnen selbst sympathisch ist?

Das hat mit Sympathie nichts zu tun. Das hat mit Wirklichkeit zu tun. Wir sind laufend dabei, die Wirklichkeit zu verdrängen und uns nach bestimmten Normen zu verhalten. Die Beschäftigung mit Kunst führt dazu, sich kritisch mit den Normen auseinanderzusetzen, die einen Tag für Tag in Anspruch nehmen und leiten.

Sie haben gesagt, dass Sie aufgrund einer Midlife-Crises 1994 mit dem Sammeln angefangen haben. Warum sammeln Sie – fast 15 Jahre später – eigentlich noch immer?

Das mit der Midlife-Crises war zugleich scherzhaft und ernst gemeint. Ich hatte einfach das Bedürfnis nach einer Veränderung. Warum ich heute noch sammle, frage ich mich manchmal auch. Da müsste ich wohl einen Psychologen aufsuchen. Sigmund Freud hat einmal gesagt, dass Kunstsammeln mit Infantilität zu tun hat. Es gibt das bekannte Beispiel, als Dalí eine Therapie wollte – und Freud ihm sagte, dass er Künstler grundsätzlich nicht therapiere, weil er ihnen ihre Infantilität und Neurosen nicht nehmen wolle, die zum Kunstmachen erforderlich seien. Viele Künstler sind infantil. Und das in einem positiven Sinne: Ein Kind unterwirft sich keinen Normen, sondern nimmt sich alle Freiheiten bis hin zur totalen Egozentrik. Ähnlich kann man Sammler sehen. Sie haben meist auch einen großen Spieltrieb und müssen offenbar etwas kompensieren. Freud meinte, ein Sammler kompensiere mangelnde Mutterliebe. Er brauche wie ein Kind neue Puppen und Teddybären eben Kunstwerke. Was jetzt auf mich zutrifft, kann ich nicht sagen. Aber ich denke schon darüber nach. Das Ergebnis muss ich nicht mit anderen teilen.

Wie sammeln Sie eigentlich? Besuchen Sie viele Kunstmessen?

Galeristen, Händler und auch Künstler kommen auf mich zu und ich auf sie. Gern gehe ich auch auf Kunstmessen, weil man Freunde trifft, sich austauschen kann und last but not least interessante Kunstwerke sieht. Die besten Arbeiten habe ich auf Empfehlung von Galeristen erworben, die meine Sammlung gut kennen.

Viele Sammler scheinen eher für sich und ihre Villa zu sammeln oder verstecken ihre Kunstwerke in Depots. Sie dagegen zeigen Ihre Werke gern – sonst hätten Sie ja wohl kaum Deutschlands größtes Sammlermuseum mit 6200 Quadratmetern Ausstellungsfläche gebaut.

Sammlermuseum ist ein problematischer Begriff, da er die Öffentlichkeit im Sinne eines Museums impliziert und in der Regel nur für die Präsentation der Sammlung gebraucht wird. Beides trifft bei mir nicht zu. Ich mache Ausstellungen im Rahmen meiner Sammlung – zuletzt Paul Thek – und lasse Öffentlichkeit nur in Form von Führungen zu. Und was heißt "größtes" Museum? Von einer solchen Einordnung muss ich mich distanzieren. Ich habe große Installationen, die Raum benötigen, so wie die Hallen für Kunst in Schaffhausen – immer schon ein Vorbild für mich. Im übrigen, Größe wird an der Qualität und nicht am Raum gemessen.

Aber warum stellen Sie dann aus?

Sie fragen immer: Warum? Das kann ich Ihnen nicht beantworten! Warum existiere ich überhaupt? Warum haben mich meine Eltern gezeugt? Ich weiß es nicht! Ich kann Ihnen nicht die Welt erklären. Ich weiß nur: Ich will Erfahrungen machen, also mehr leben, als ich vorher gelebt habe. Ich will durch die Kunst etwas in mir aufbrechen. Wie für den Künstler ist Kunst auch für den Sammler ein Stück Selbsterfahrung im wortwörtlichen Sinne.

Was für ein Ausstellungskonzept haben Sie?

Ich zeige die Kollektionen anderer Sammler, die in einen Dialog mit Werken aus meiner Sammlung treten. Bereits in Planung sind Ausstellungen mit Helga de Alvear und Wilhelm Schürmann. Außerdem zeige ich Werkschauen exemplarischer Außenseiter, die von den Künstlern hoch angesehen, aber vom Kunstbetrieb weitgehend ausgeschlossen sind, Künstler wie Öyvind Fahlström, Otto Mühl, Peter Weibel oder jetzt Paul Thek. Ich möchte mich damit ganz bewusst von öffentlichen Institutionen abgrenzen – und zeigen, dass es Alternativen zu Caspar David Friedrich gibt.

Vergleichen sich Sammler eigentlich untereinander? Also im Sinne: Mein Museum ist größer als deins?

Nein, ich nicht. Größe und Bedeutung sind – wie gesagt – Kategorien, die sich nicht notwendig in Qualität umsetzen, und darum geht es letztlich. Aber es gibt ja die verschiedensten Sammlertypen, auch solche, die sich über ihre Kollektion profilieren möchten.

Sie sind für die wahrscheinlich sperrigste Sammlung Deutschlands bekannt. Niemand sammelt so viele subversive und radikale Arbeiten. Wie kam es dazu?

Der Hamburger Künstler und Dozent Werner Büttner meinte einmal, dass der beste Teil meiner Sammlung der ist, der sich mit grotesker Kunst, Zynismus und Sarkasmus beschäftigt. Ich konnte durch Büttner einige Arbeiten von Albert Oehlen und Martin Kippenberger erwerben. Diese Gemälde habe ich dann durch Werke von Öyvind Fahlström und Dieter Roth ergänzt. Dann kamen schnell die amerikanischen Gegenspieler dazu: Paul McCarthy, Richard Prince, Mike Kelley und John Baldessari. Die Arbeiten dieser Künstler bilden das Rückgrad meiner Sammlung. Erst ab 1999 habe ich dann angefangen, junge Kunst zu sammeln, die sich der langen Tradition der Groteske verpflichtet fühlt. Deshalb habe ich es übrigens auch abgelehnt, die Leipziger Schule zu sammeln – ich mag die neoromantischen, nostalgischen und manieristischen Bezüge nicht.

Sie sprechen immer von grotesken Arbeiten. Ist dieser Humor nicht nur eine Maske, und sind die meisten Ihrer Arbeiten in Wirklichkeit nicht radikal politisch?

Nein! Jonathan Meese, Martin Kippenberger, John Bock und Christian Jankowski sind radikal unpolitisch. Und vielleicht in diesem Sinne wieder politisch. Präziser: Die genannten Künstler wenden sich gegen jede Form der Ordnung und Unterordnung. Sie sind ausgeprägte Individualisten, die sich nie einer Partei verschreiben würden.

Meese wiederholt doch immer wieder, dass er die Revolution sucht und will!

Um Meese zu verstehen, muss man sich auf ein dadaistisches Grundverständnis einlassen. Mit der Forderung einer "Diktatur der Kunst" spricht Meese ihre Autonomie an und deutet auf die alte unrealistische Formel einer Vereinigung von Kunst und Leben.

Aber Dada war politisch.

Das kommt drauf an. In der ersten Phase war Dada politisch, später nicht mehr. Einfach, weil Kinder letztlich nicht den Ernst aufbringen können, um politisch zu sein. Politisches Denken erfordert Überzeugung. Die genannten Künstler zeichnen sich aber durch wechselnde Überzeugungen aus.

Und wie geht es mit Ihrer Sammlung jetzt weiter?

Ursprünglich war geplant, dass ich 2008 mit der Arbeit aufhöre und hatte dies auch gleichzeitig als den Abschluss meiner Sammlung im Sinne eines Weitersammelns geplant. Ich wollte mich von da an um die Konzentration und Verfeinerung der Sammlung kümmern. Jetzt ist die Entscheidung ein wenig aufgeschoben: Ich werde bis 2010 weiter arbeiten. Im übrigen hat jede Sammlung einen Anfang und ein Ende. Spätestens ist sie mit dem Tod des Sammlers beendet. Danach gehen die Werke in andere Hände und in einen neuen Kontext.

"Paul Thek"

Termin: bis 14. September, Sammlung Falckenberg, Phoenix Kulturstiftung, Hamburg-Harburg.
http://www.sammlung-falckenberg.de/index-e.htm