Der Fall Gurlitt - Zusammenfassung

Alles über die Sammlung Gurlitt

Auch 2014 geht das Verfahren um die Sammlung Gurlitt weiter – mit einer überraschenden juristischen Entwicklung. art informiert über den Stand der Dinge.

Ein Betreuer und drei Anwälte für Gurlitt

Kurz vor Weihnachten ging durch die Presse, dass sich Cornelius Gurlitt aus gesundheitlichen Gründen im Krankenhaus befinde und das Amtsgericht München eine vorläufige Betreuung angeordnet hat. Nun melden "Focus" und die Münchner "Abendzeitung" den Namen von Gurlitts Betreuer. Es ist der Anwalt Christoph Edel, der zeitweise Justizopfer Gustl Mollath vertreten hatte. Auch über Edels erste Entscheidung als vorläufiger gesetzlicher Betreuer berichtet "Focus Online". Edel habe drei Anwälte beauftragt, Cornelius Gurlitt bei den Rechtsverfahren in Augsburg zu vertreten. "Focus" zitiert eine Mitteilung des Anwalts vom Dienstag: "Gemäß interner Aufgabenverteilung übernehmen Herr Rechtsanwalt Prof. Dr. Tido Park mit Unterstützung von Herrn Rechtsanwalt Derek Setz die Bearbeitung des Falles auf dem Gebiet des Strafrechts und Herr Rechtsanwalt Dr. Hannes Hartung auf dem Gebiet des Zivilrechts". Über Cornelius Gurlitts Gesundheit spekuliert der "Focus", Gurlitt habe "Herzbeschwerden, ihm könnte ein Bypass gelegt werden".

Wo befindet sich Gurlitt?

Der Vizepräsident des Amtsgerichts, Rolf Werlitz, sagte dem "Focus", dass sich dieser noch immer im Krankenhaus befinde. Dem Gericht sei der Aufenthaltsort bekannt. Nun müsse man den gesundheitlichen Zustand des Kunstsammlers genau überprüfen. Im schlechtesten Falle könnte das für den 81-Jährigen bedeuten, dass er für immer seine Rechte abgeben müss

Zwei israelische Experten in Taskforce zu Raubkunst

In die Taskforce zur Identifizierung von NS-Raubkunst in der Sammlung Gurlitt sollen nach einem Bericht der Zeitung "Times of Israel" auch zwei israelische Experten aufgenommen werden. Es handele sich um Jehudit Schendar, Vize-Direktor und Chef-Kurator der Museums-Abteilung in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, sowie um die Expertin für europäische Kunst, Schlomit Steinberg, vom Israel Museum ebenfalls in Jerusalem, schrieb die Zeitung am Dienstag. In Israel hatte es Kritik an mangelnder Transparenz der deutschen Behörden gegeben.

Schendar habe das Forschungszentrum für Holocaust-Kunst gegründet. Steinberg habe ihr Museum bei Konferenzen zu Fragen der Restitution von Kunstwerken vertreten und 2008 die vielbeachtete Ausstellung organisiert "Suche nach Eigentümern: Schutz, Suche und Rückgabe von in Frankreich während des Zweiten Weltkrieges geraubter Kunst", schrieb die Zeitung weiter.

Debatte um Gesetzesänderung: Anwälte rügen Vorstoß

Der Streit über den Umgang mit NS-Raubkunst in Deutschland geht in eine neue Runde. Kunstrechtsexperten haben die Bundesratsinitiative des bayerischen Justizministers Winfried Bausback (CSU) zur Verjährung bei NS-Raubkunst kritisiert. "Das hilft den Betroffenen nicht weiter", sagte die Rechtsanwältin Sabine Rudolph dem "Focus" (Montag). Rechtsanwalt Markus Stötzel, der mehrere Erbenfamilien vertritt, sagte dem Magazin: "In der Praxis wird die Gesetzesänderung keine Bedeutung haben."

Bausback will eine Verjährung ausschließen, wenn der derzeitige Besitzer von NS-Raubkunst "bösgläubig" war - also etwa gewusst hat, dass ein Kunstwerk geraubt wurde. Der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Hartwig Fischer, sieht auch die Museen in einer historischen Verantwortung. Aber sie bräuchten mehr und geschultes Personal zur Provenienzforschung. Die neue Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hatte die bayerische Initiative zu einer konsequenteren Rückgabe von Raubkunst begrüßt.

Topographie-Chef fordert Stiftung für die Raubkunst

In einem Interview mit der Berliner Boulevardzeitung "BZ" hat Andreas Nachama, Direktor der Topographie des Terrors, "Manchmal habe ich den Eindruck, es wird kein Fettnäpfchen ausgelassen im Umgang mit der Raubkunst", sagt Nachama im Gespräch mit der Zeitung. "Eine Lösung ist nicht leicht, gibt Nachama zu. Er plädiert für die Einrichtung einer Stiftung, "ungefähr so wie die EVZ". Die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", die sich um die Auszahlung humanitärer Ausgleichsleistungen an ehemalige Zwangsarbeiter und andere Opfer des nationalsozialistischen Unrechts kümmert. Auch die Übernahme der Raubkunst in die Zuständigkeit der EVZ wäre für ihn denkbar "und eine gute Lösung".

Das Victoria & Albert Museum veröffentlicht das einzige erhaltene Exemplar der vollständigen Liste der "Entarteten Kunst"

"Das weltgrößte Museum für Kunst und Design, das Victoria & Albert Museum in London, besitzt die "einzige bekannte Kopie der vollständigen Liste der ‚Entarteten Kunst‘, die von dem Nazi-Regime aus öffentlichen Institutionen in Deutschland meist zwischen 1938 und 1938 konfisziert worden sind". Das schreibt das renommierte Institut in einer Presseerklärung, in der es gleichzeitig mitteilt, dass das mit einer Schreibmaschine geschriebene Dokument Ende Januar online für die Öffentlichkeit publik gemacht wird. Bislang durften nur Wissenschaftler Einblick in das Dokument nehmen.

Warum brach die Polizei Anfang Dezember in Cornelius Gurlitt Wohnung ein?

Die Polizei ist am Donnerstag in die Wohnung des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt in München eingedrungen. Ein Angehöriger hatte sich Sorgen um den herzkranken 81-Jährigen gemacht, weil er ein Lebenszeichen vermisst hatte.Ein Polizeisprecher bestätigte einen entsprechenden Bericht der "tz" (Freitag) und erklärte, der besorgte Verwandte habe die Polizei informiert. Gurlitt habe am Nachmittag auf Klingeln nicht reagiert. Darauf hätten die Beamten die Wohnungstür von der Feuerwehr öffnen lassen und Gurlitt wohlauf angetroffen: "Er hat geruht", sagte der Polizeisprecher. Laut "tz" hatte der 81-Jährige mit Ohrstöpseln auf seinem Bett gelegen. Die Zeitung zitierte seinen Schwager aus Kornwestheim bei Stuttgart: "Ja, ich war besorgt." Die "Süddeutsche" hatte berichtet, dass die Leiterin der Taskforce, Ingeborg Berggreen-Merkel Cornelius Gurlitt einmal getroffen hat. Berggreen-Merkel sagte aber nichts über Ort und Inhalt des Treffens.

Steuerfahnder waren im Februar 2012 in Gurlitts Wohnung eingedrungen und dabei überraschend auf 1406 Bilder gestoßen - darunter auch wertvolle Gemälde von Matisse und Dix. Bei der Hälfte der beschlagnahmten Werke könnte es sich um Nazi-Raubkunst handeln.

Wie viele Bilder sind umstritten?

Es wurden 1406 Werke bei Cornelius Gurlitt gefunden. Da einige Künstlermappen mit mehreren Werken dabei sind, listet die Beschlagnahmliste nur 1280 Positionen auf.

303 Werke gehören laut Ingeborg Berggreen-Merkel unstrittig der Familie Gurlitt.

977 Werke müssen auf ihre Herkunft überprüft werden.

593 davon stehen unter dem Verdacht des NS-verfolgungsbedingten Entzugs, sind also mutmaßliche Raubkunst aus jüdischem Besitz.

Die 384 restlichen Werke stehen im Zusammenhang mit der Aktion "Entartete Kunst". Auch darunter können sich Bilder befinden, die mutmaßliche Raubkunst sind.

(Alle Angaben stammen aus dem Interview der "Süddeutschen Zeitung" mit Ingeborg Berggreen-Merkel vom 11.12.2013.)

Welche Bilder werden auf der Datenbank "Lost Art" veröffentlicht?

Alle, die mutmaßlich Raubkunst sind. (Quelle: "SZ", 11.12.2013)

Werden die Geschäftsbücher veröffentlicht?

Nein. Sie wurden laut Ingeborg Berggreen-Merkel beschlagnahmt, aber da sie Eigentum von Cornelius Gurlitt sind, werden sie nicht veröffentlicht, sondern nur für die Arbeit der Taskforce genutzt. (Quelle: "SZ", 11.12.2013)

Wie schnell wird die Taskforce fertig sein?

"Nicht fünf Jahre, ich hoffe sehr, dass wir weit früher fertig sind," sagt Ingeborg Berggreen-Merkel der SZ.

Welche Erben haben Rückgabeanträge gestellt?

Wie läuft das Verfahren weiter?

Die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelt weiter wegen angeblicher Steuervergehen und des Verdachts der Unterschlagung gegen Cornelius Gurlitt.

Eine "Taskforce" soll die Herkunft aller Bilder schnell klären und Ansprüche von Erben beantworten und untersuchen.

Wer ist in der Taskforce?

Geleitet wird sie von Ingeborg Berggreen-Merkel, zuletzt Stellverteterin von Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Zur Taskforce gehören 10 Mitglieder, die weitgehend anonym bleiben sollen. Forscher
aus dem In- und Ausland sollen mitwirken, ebenso wie ein Staatsanwalt. Wissenschaftlicher Leiter ist Uwe Hartmann, Leiter der Forschungsstelle "Entartete Kunst" in Berlin, weiter dazu gehört auch Provenienzforscherin Meike Hoffmann. Auch zwei Vertreter die Jewish Claims Conference erhalten einen Platz in der Taskforce "Schwabinger Kunstfund". Die Experten arbeiten in einem "geschützten virtuellen Raum", so Ingeborg Berggreen-Merkel. So sollen auch Fachleute aus Israel, Frankreich und den USA mitarbeiten.

Wer fordert die Überprüfung von Verjährungsfristen:

Das amerikanische Außenministerium, Susanne Ackermann, Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die Autoren Tobias Timm und Stefan Koldehoff in der Wochenzeitung "Die Zeit".

Die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim (1878-1937) fordern ein Bundesgesetz zur Rückgabe von NS-Raubkunst. Die Weigerung von Cornelius Gurlitt, Bilder aus dem Münchner Kunstfund zurückzugeben, sei "eine schmerzhafte Nachricht für die noch lebenden Opfer des Nationalsozialismus und ihre Nachkommen", teilten die Anwälte der Erben Flechtheims am 19. November mit. Die Aussichten, Werke zurückzubekommen, seien "verschwindend gering", da es für solche Fälle in Deutschland kein Gesetz gebe, das die Rückgabe von Raubkunst aus öffentlichem oder privatem Besitz
regele.