Lieblink

The Sound of eBay

Lieblink: The Sound of eBay

LIEBLINK: THE SOUND OF EBAY

Jeden Dienstag präsentieren wir Ihnen einen neuen Klicktipp. Diesmal: das Netzkunstprojekt The Sound of eBay. art sprach mit Ubermorgen.com, dem österreichischen Künstlerpaar Hans Bernhard und Lizvlx, über den dritten Teil ihrer EKMRZ-Trilogie, das Internet und Netzaktivismus.
// ALAIN BIEBER

Hans Bernhard, Lizvlx, Euer neues Netzprojekt "Sound of eBay" verwandelt eBay-Userdaten, wie Passwörter, Bankdaten, Kreditkartennummern oder ge- und verkaufte Produkte, in elektronische Musik. Klingt abenteuerlich, aber was soll das?

Hans Bernhard, Lizvlx: Wir haben als drittes Projekt in unserer EKMRZ-Trilogie einen poetisch affirmativen Ansatz gewählt mit dem Ziel etwas Schönes und Sinnvolles zu erschaffen. Nachdem die beiden ersten Projekte der Trilogie, GWEI – Google Will Eat Itself und Amazon Noir – The Big Book Crime, als kritische und aggressive Projekte rezipiert wurden, haben wir zwar erneut den experimentellen Ansatz gewählt, nun aber mit der Vision, eBay-Daten positiv aufzuladen und zu veredeln. Zudem transformieren wir dieses Netzprojekt in verschiedene interaktive audio-visuelle Installationen, zuletzt ausgestellt in Madrid (El Aguila) und Mexico-City (Laboradores Alameda).

Und warum werden die Daten-Songs in einer Teletext-Porno-Optik präsentiert?

Erstens um keinen aktuellen Web-Style zu verwenden, zweitens weil wenn man schon Pixel verwendet, dann doch bitte welche mit anregender Anordnung. Der Teletext-Stil, als Vorläufer der Web-News-Ästhetik, hat in unserer visuellen Arbeit immer schon Einfluss gehabt und bekommt nun auch mal voll den Scheinwerfer ab. Die Website ist auch mehr als Präsentation gedacht, sie steht für sich selbst als visuelle Ausarbeitung des Themas.

"The Sound of eBay" ist, wie schon erwähnt nach GWEI (eine Vielzahl von Werbebannern wurde auf versteckte Webseiten gestellt, um so Werbegelder von Google zu generieren, damit Google-Aktien zu kaufen und so Google den Nutzern zurückzugeben) und Amazon Noir (Mittels der "Search Inside"-Funktion wurden einzelne Buchseiten wieder zu einem kompletten Buch zusammengefügt und zur Verfügung gestellt) der dritte Teil der "EKMRZ-Triologie". Wofür steht das Kürzel EKMRZ eigentlich?

EKMRZ steht für E-Commerce. Es ist im Gegensatz zu so vielen Netzwörtern kein Akronym, sondern einfach eine lautmalerische Darstellung des Dot.com-Boomcrashs. Während des Höhepunktes des Dot.com-Booms wurde eine E-Commerce-Software nach der anderen produziert, und eine war redundanter als die andere, wie sie auch alle einfach technisch mehr als mangelhaft waren. Eben mehr holrpiges "Ekmrz" als elegantes "e-Commerce". Zudem repräsentieren die drei Grossen (eBay, Amazon und Google) eine Überlebensstrategie des zeitgenössischen e-Commerce. Sie haben den Crash erfolgreich überlebt und werfen entgegen aller Prognosen massiv Gewinne ab.

Und warum dieser künstlerisch-aktivistische Angriff auf Google, Amazon und eBay?

In klassischer Hacker-Manier versucht man anfangs natürlich die Systemschwachstellen zu orten. Bei Google hat es ein Jahr gedauert um die mikroökonomischen Bugs zu finden und diese in einem autokannibalistischen Prozess kurz zu schließen. Bei Amazon war es mehr ein Zufallstreffer, da die "Search Inside the Book"-Software unerwartet Löcher aufwies und wir dort – zwar mit erheblichem Programmieraufwand, aber ansonsten einfach einsteigen konnten. Und bei eBay gibt es so viele Schwachstellen wie es User gibt – das war hier gar nicht mehr Thema. Zudem verwenden wir bei eBay ja eine rein affirmative Strategie, mit Kuschelfaktor und Synästhesie. Wir verdammen die großen Dot.com's nicht. Wir verwenden sie genauso – wahrscheinlich um vieles mehr als der Durchschnittsuser, also wäre es ja lächerlich, sozusagen den eigenen Kochlöffel im Ofen zu verbrennen. Es wäre ja "schrecklich", wenn unsere iPhones keine Google-Maps hätten. Wie sollten wir sonst bei einem unserer nächsten Projekte den Slum in Nairobi finden?

Eure Arbeiten sind konzeptionell und finden im Netz statt. Mal generell gefragt: Was bedeutet Euch das Internet?

Es ist der kommunkative, ökonomische und soziale Raum in dem wir uns am meisten bewegen, am meisten Zeit verbringen und am meisten Energie investieren, neben den normalen menschlichen Realräumen. Lizvlx: Ich fasse es in einer Anekdote zusammen: Nachdem ich in den frühen neunziger Jahren das erste Mal im Netz war, und danach nach Hause ging, da schlenderte ich an einem Bankomat vorbei. Der Anblick des Bildschirms erfreute mich, weil ich wusste, dass der Bankomat ans Netz, also als Zugang zur digitalen Welt, angeschlossen ist. Gleichzeitig war ich gefrustet, weil da kein offenes Terminal war, um Zugang zu erhalten. Zuhause hatte ich dann wieder ein Terminal (mein uralter PC), aber kein Netz. Die Folge: Doppelter Frust.

Und angenommen es gäbe eine Internet-Regierung und ihr wäret Netzkanzler: Was würdet ihr tun?

Hans Bernhard: Sofort jemanden fähigeren als mich installieren. Ich tauge überhaupt nicht für verantwortungsvolle Positionen und für Politik. Lizvlx: Den Ingenieuren des Internets bei Strafe verbieten sich mit Inhalt zu beschäftigen. Und dann abgeben, wie Hans auch, an Leute die gerne Kompromisse machen und ihre Zunge bändigen können.

Und was treibt Euch an?

Die Neugierde, der Drang den Pixel immer wieder Neu zu positionieren, dem User immer wieder was neues zu präsentieren. Mehr machen zu können, weil man schon mehr ausprobiert hat (Addition & Multiplikation). Unsere Arbeit ist größtenteils analytisch, es braucht teils sehr viele Vorläufe, um entscheiden zu können, in welche Richtung man sich in Zukunft wieder orientieren wird. Ein weiterer großer Antrieb ist die dem Durchschnittskonsumenten gebotene Medienlandschaft – eine wunderbare Welt voll mit inhaltlichen und systematischen Dummheitsblüten, die einfach angegangen und in unserem Style aufgeklärt, oder zumindest experimentell untersucht, werden müssen. Weitere Beispiele unserer Arbeit finden sich unter Ubermorgen.com.

Und letzte Frage: Habt ihr auch einen Lieblink? Und vielleicht auch einen Hasslink?

Lieblink! Einen Hasslink haben wir nicht – und wenn wir einen hätten, dann würden wir an dieser Stelle auch keine Promotion dafür betreiben.

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo