Kreative in New York - Porträts

New York und ich

Irgendwann brachen sie auf, verließen Deutschland oder Österreich, um in der fernen Metropole als Künstler, Designer, Galeristen oder Kuratoren Fuß zu fassen. Es in New York zu schaffen ist ein ehrgeiziges Ziel, zumal die Stadt noch immer als das Zentrum der westlichen Kunstwelt gilt. Wir fragten erfolgreiche Exilanten nach ihren Erfahrungen.
Verwirklichte Träume:Aufbruch nach New York. Exilanten berichten

Stefan Sagmeister auf dem Dach des Penthouses in der 14th Street, wo er lebt und arbeitet

"Ich fühle mich frei"

Stefan Sagmeister, 46, aus Bregenz, weltweit bekannter Grafikdesigner:
"Seit 15 Jahren lebe ich in Manhattan in der 14th Street und habe meine Heimat Österreich als Ort selten vermisst. Wenn New York nicht in Amerika wäre, würde ich nicht in diesem Land leben, ich bin wegen New York hier. Die Stadt hält im Großen und Ganzen, was das Klischee verspricht: Ich fühle mich relativ frei, schätze die Vielfalt der Möglichkeiten und der Menschen, die ich hier getroffen habe, wie die Architekten David Rockwell und Rem Koolhaas, den Schauspieler Quentin Crisp oder Musiker wie David Byrne und Lou Reed.

Weil sie ursprünglich nicht aus New York kommen, sind die meisten Menschen hier freundlicher und offener für neue Begegnungen als in Europa. Dort erscheint es, wenn man die 30 überschritten hat, gar nicht leicht, neue Freundschaften zu schließen, weil viele immer noch mit ihren ursprünglichen fünf Schulfreunden engen Kontakt haben. Ich wurde in New York nie als zweitklassig behandelt, weil ich Ausländer bin. Mein Lieblingsbeispiel für den Wandel, der in dieser Stadt möglich ist, ist die Lebensgeschichte von zwei über 50-jährigen Druckern, mit denen ich früher arbeitete. Der eine wollte lieber klassische Konzerte organisieren, der andere Schauspieler werden – ein paar Jahre später hatte er sogar eine Sprechrolle in einem Film mit Robert De Niro. In Europa sind die Kulturen getrennter: Ein Drucker geht nicht in die Oper. Grafik hat nichts in einer Galerie zu suchen. Ich selbst hatte vor nicht langer Zeit eine Ausstellung in der Deitch Gallery in SoHo, obwohl ich keine Kunst mache. Ich visualisierte 20 meiner Lebensweisheiten mit Blumen, Bananen und Spinnweben. Es waren einfache, fast banale Maxime wie, dass Sorgen keine Probleme lösen, dass Mut sich auszahlt, auch wenn ich mich immer wieder überwinden muss. Mich interessieren Dinge, die in der Qualität hochstehend sind und die trotzdem jeder kennt wie das Empire State Building, auf das ich von meinem Bett, vom Schreibtisch und von der Dachterrasse im 15. Stock blicke. Vor einem Fenster baute ich 134 Miniatur-Empires auf, einige von ihnen überragen das Original optisch, so dass die Ikone in der Masse der Nachbildungen untergeht. Ich habe den größten Respekt vor Matt Groening, dem Erfinder der Simpsons, weil er es schafft, ein riesiges Publikum mit Arbeiten von hoher Qualität anzusprechen. Mein absoluter Traum wäre es, mit Grafik das Gleiche zu erreichen, nämlich die Massen zu berühren.“

"Die Amerikaner haben frappierend wenig Humor“

Josephine Meckseper, 44, aus Lilienthal bei Worpswede, Installationskünstlerin:
"Die Stadt prägt mich in meiner Kunst sehr, fast alle Arbeiten stehen im direkten Dialog mit New York. Die Schaufenster, das sich ständig ändernde Stadtbild – auch wenn New York konservativer geworden ist, bleibt es für mich die größte Fundgrube. Einer der Gründe, warum ich Ende der achtziger Jahre nach Amerika zog, war, dass die Hochschule der Künste in Berlin ziemlich antiquiert und frauenfeindlich war. Die Distanz zu meinen deutschen Wurzeln war wichtig, um meine eigene Sprache zu entwickeln. Ich wechselte deshalb an das marxistisch angehauchte California Institute of the Arts bei Los Angeles. Während es in Berlin hieß, dass ich mich zwischen Malerei und Skulptur entscheiden müsste, ließ man uns an der Kunsthochschule in Kalifornien experimentieren. Ich fing dort an, Installationen zu machen, und zog 1992 nach New York, wo ich seitdem lebe. Nach meinem Studium hatte ich eine skeptische Einstellung zum Galeriensystem und zum Kunstmarkt an sich. Fast zehn Jahre arbeitete ich zurückgezogen in meinem Atelier in Little Italy, bis Künstlerfreunde mich dazu aufforderten, meine Gegenposition endlich aufzugeben. Sie schickten einen Kurator vorbei, danach verselbständigte sich alles: Ich nahm an der Biennale in Lyon teil, ein Jahr später an der Whitney-Biennale in New York. Das Dilemma, Teil des kommerziellen Kunstmarkts zu sein, mache ich seitdem oft zum Thema meiner Installationen. Jede meiner Ausstellungen hat eine Art Konsumkritik eingebaut. Mit meinen Arbeiten versuche ich auch, Scheinrealitäten wie die nicht unmittelbar erlebbaren Kriege, die dieses Land führt, zum Ausdruck zu bringen. In Amerika wird jedoch die Ironie, die bei meinen Arbeiten eine wichtige Rolle spielt, kaum wahrgenommen. Es ist frappierend, wie wenig Humor die Amerikaner haben.“

„Manhattan entspricht meinem Wesen“

Klaus Biesenbach, 42, aus Kürten bei Köln, Kurator am Museum of Modern Art (MoMA):
"Ich habe einmal in München eine Ausstellung mit dem Titel ,Loop‘ gemacht. Es ging um Zeitschleifen. Die Ausstellung hatte viel damit zu tun, wie ich auf Kunst und das Leben blicke. Wenn man die Welt als Schleifen denkt, macht es Sinn, dass ich am MoMA das Department für „time-based art“ leite. Es hat mit Zeit zu tun und mit Künstlern, die Zeit abbilden. Dies zu verstehen ist eine Obsession von mir. Als ich 1989 während eines Aufenthalts in New York die Bilder vom Mauerfall sah, ging ich nach Berlin. Dort startete ich die Kunst-Werke, später die Berlin Biennale. Bis 2004 verbrachte ich mehr Zeit in Berlin und unterwegs in der Welt als in New York, wo ich seit 1996 als Kurator am P.S.1 arbeitete. Seit 2004 bin ich nun am MoMA. In Berlin hatte ich immer den Eindruck, dass ich zu schnell war. Manhattan entspricht eher meinem Wesen, hier habe ich einen normalen Zeitschlag. Das Interessante ist, dass man in New York nie wirklich ankommt. Die Traumatisierung des 11. September war eine Herausforderung für die Stadt. Der Umgang miteinander hat sich seitdem positiv verändert, ist freundlicher geworden. Aber das Teure lähmt die Stadt. Wenn die Lebenshaltungskosten, die Mieten etc. weiter ansteigen, wird irgendwann nichts Spontanes und Experimentelles mehr möglich sein.“



Gekürzte Fassung. Lesen Sie drei weitere Porträts – Annabelle Selldorf, Leo Koenig und Henriette Huldisch – in der aktuellen art-Ausgabe 10/2008.