Power 100 - Artreview

Wer reinkommt, ist drin

Seit 2002 stellt die britische Zeitschrift "Artreview" ihre umstrittene, aber unersetzliche Rangliste der Kunstwelt zusammen. In der jüngsten Ausgabe steht erneut eine Frau auf dem ersten Platz. Wir ordnen die Aufsteiger und Absteiger, Trends und Moden des Jahrgangs 2013 ein.
Die neue Nummer eins:Die Khalifa Al-Thani

Al-Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al-Thani bei der Eröffnung des Museums für Islamische Kunst 2008, das von den Architekten I.M. Pei und Jean-Michel Wilmotte enworfen wurde

Die Kunst hat eine neue Königin: Carolyn Christov-Bakargiev dankt im Jahr nach der Documenta ab und macht den ersten Platz in der Rangliste der mächtigsten Mitglieder der Kunstwelt für Al-Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al-Thani frei. Die 14. Tochter des vormaligen Emirs von Katar gilt als treibende Kraft hinter der kulturellen Offensive des Königshauses, das einen beträchtlichen Teil seines fabelhaften Reichtums in westliche Kunst und Museumsneubauten investiert. Ihr wird, als Irene Ludwig der Königsfamilie, auch deswegen enormer Einfluss zugeschrieben, weil niemand sicher weiß, ob es einen katarischen Peter Ludwig gibt.

Nachdem die Großsammler in der Power-100-Liste der britischen Zeitschrift "Artreview" in den letzten Jahren immer mehr an Boden verloren haben, spricht die wie gewohnt durch eine anonyme Jury der mutmaßlich Eingeweihten und gut Informierten vorgenommene Wahl für die Wertbeständigkeit des Petrodollars. Ansonsten wirft die aktuelle "Artreview"-Rangliste vor allem Fragen auf: Sind Frauen die Zukunft? Was wird aus dem von Christov-Bakargiev geforderten Wahlrecht für Gemüse? Und welchen Sinn hat ein Ranking, das sich im Gegensatz etwa zum deutschen Kunstkompass oder dem amerikanischen Mei Moses Fine Art Index nach weitgehend subjektiven Kriterien zusammensetzt? Auf die letzte Frage fällt die Antwort leicht: Zum einen lässt sich trefflich darüber streiten, ob die Kräfteverhältnisse zwischen Kunsthändlern, Sammlern, Museumsdirektoren, Kuratoren und Künstlern in der Liste realistisch abgebildet werden. Und zum anderen gilt das Klatschkolumnen-Prinzip von Baby Schimmerlos: Wer reinkommt, ist drin und drin sein will jeder. Am schönsten hat es der New Yorker Kunstkritiker Jerry Saltz formuliert: "Bevor ich es auf die Liste schaffte, habe ich mich über sie lustig gemacht. Jetzt fürchte ich mich davor, wieder aussortiert zu werden."

Für Saltz wurde die Furcht übrigens rasch zur traurigen Gewissheit, und überhaupt ist das Kommen und Gehen gerade auf den hinteren Rängen so rege, dass man leicht den Überblick verliert. Auf den Spitzenpositionen hinter Platz 1 herrscht hingegen eine gewisse Stabilität: Unter den mächtigsten Zehn finden sich regelmäßig die Galeristen Iwan Wirth (von Hauser & Wirth), Larry Gagosian und David Zwirner, die Museumsdirektoren von Tate London (Nicholas Serota) und Moma New York (Glenn D. Lowry) und als kulturelles Feigenblatt mindestens auch ein Künstler – in diesem Jahr Ai Weiwei (auf Platz 9 nach Platz 3 in 2012). In dieser Sphäre sind die Veränderungen eher graduell, aber nicht weniger bedeutend: Nachdem Gagosian einige wichtige Künstler an Zwirner verlor, ist es nur konsequent, dass er sich nur noch auf Platz 5 wiederfindet und Zwirner seinen zweiten Platz einnimmt.

Auch wenn zum zweiten Mal in Folge eine Frau die Mächtigste der Kunstwelt sein soll, sind die Männer insgesamt deutlich in der Überzahl. Frauen nehmen ein gutes Viertel der Hunderter-Liste ein, die am besten platzierte Künstlerin ist Marina Abramovic, die auch den größten Satz nach vorne machte (von Rang 35 auf 11). Ranghöher sind nur Julia Peyton Jones (Serpentine Gallery, Platz 5) und Beatrix Ruf (Kunsthalle Zürich, Platz 7), Christov-Bakargiev (Platz 20) wird – wie alle Documenta-Leiter vor ihr – vermutlich nach einer Schamfrist aussortiert. Der beste Neuzugang der Liste ist mit der Schweizer Kunsthändlerin Eva Presenhuber (Platz 59) ebenfalls eine Frau, der beste Rückkehrer mit dem Installationskünstler Thomas Hirschhorn (Platz 39) ein Mann. Als Absteiger des Jahres darf Damien Hirst gelten, der nach Platz 41 im letzten Jahr (und den Spitzenplätzen 2006 und 2008) überhaupt nicht mehr dabei ist.

Eine erstaunliche Neuerung ist die Berufung zweier Institutionen: die Kunstschulen Bard (USA) und Städel (Frankfurt). Man fragt sich, warum hier nicht auch die jeweiligen Leiter nominiert werden, wie es bei Museen oder Messen die Regel ist. Für die Städelschule ist es natürlich trotzdem eine schön Nachricht, und überhaupt ist Deutschland mit David Zwirner, Gerhard Richter (Platz 16), dem Museumsdirektor Klaus Biesenbach (Platz 23), Anselm Franke, dem Leiter Kunst und Film am Haus der Kulturen der Welt (neu auf Platz 92) oder der Filmemacherin Hito Steyerl (neu auf Platz 69) erneut einigermaßen prominent vertreten. Kunsthistoriker und Kunstkritiker jeder Nationalität bleiben dagegen Mangelware, was für den Realitätssinn der Jury spricht. Auch die Riege der Großsammler war – Kalifin hin oder her – schon mal besser repräsentiert. So sind Arm und Reich wenigstens im Ausschluss vereint.

Power 100

Die komplette Liste für 2013 steht hier:
http://artreview.com/power_100/

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