OZ - Nachruf

Die Stadt als Leinwand

Der Graffiti-Sprayer Oz prägte mit seiner Minimalst-Kalligrafie das Bild von Hamburg – jetzt ist er bei der Ausübung seiner Kunst gestorben.
Die Stadt als Leinwand:Oz prägte das Bild von Hamburg

Instant-Memorial an der Roten Flora in Hamburg

Wenn man etwas Tröstliches an den Umständen finden möchte, unter denen Walter Josef Fischer Donnerstag Nacht den Tod fand, dann ist es sicherlich, dass er in seinem Atelier mitten bei der Arbeit starb. Das wünscht sich vermutlich mancher auf das Pensionsalter zulebende Künstler. Nur hat Fischers Atelier kein Dach und nur sehr verstreute Wände. Denn für den 64-jährigen Sprayer mit dem Pseudonym "OZ" war sein Studio fast 40 Jahre lang die Stadt. Seit 1977, als er im Zuge der RAF-Prozesse in seiner damaligen Heimatstadt Stuttgart das Sprühen als sein persönliches (und vielleicht auch politisches) Ausdrucksmittel entdeckte, hat OZ die Stadt als Leinwand betrachtet.

Vor allem Hamburg wurde OZ-Town, seit Fischer 1992 hierher zog, und es sind im Kern drei Tags, mit denen er in unfassbarer Beharrlichkeit seine Stadt markierte: Das "OZ"-Zeichen mit dem Punkt, ein Kringel und der Smiley. Dazu tauchten in den vergangenen Jahren vermehrt seine Tags USP (für: "Ultra St. Pauli") und DSF (für: "Der Staatsfeind") auf. Kaum ein Telefonkasten, keine Brücke oder Betonwand in der inneren Stadt, die nicht mindestens einmal in den vergangenen 20 Jahren Fischers Marken trug. Gullideckel, Verkehrsschilder, Gehwegplatten, Häuserwände und Gleisanlagen zählten zu seinen Untergründen – und in eben einem solchen Gleisbett fand OZ nun den Tod, als er beim Besprühen eines Stromabnehmers für die S-Bahn zwischen Hamburg Hauptbahnhof und Berliner Tor den Zug nicht kommen hörte.

Eine Würdigung von Fischer of OZ als Künstler, so wie er sich selbst immer begriff, fällt trotzdem nicht ganz leicht und bedarf einiger historischer Referenzen. Denn vom ästhetischen Standpunkt aus waren seine Arbeiten weder gekonnt noch originell. Für unkundige Betrachter sind die stets gleich und schwarz gesprühten Signaturen kaum zu unterscheiden von dem autistischen Edding-Vandalismus jener jungen Tagger, die in den Zentren deutscher Städte wahllos die Sockelzonen von Häusern mit banalen Kürzeln beschmieren. Enstprechend fiel bei der sich auch in Bürokratie und Justiz langsam breitmachenden Unterscheidung zwischen Street-Art (die erhalten werden kann) sowie Tags und Graffitis (die konsequent als Sachbeschädigung verfolgt werden) OZ bis zuletzt juristisch ins zweite Lager.

Tatsächlich hat "Der Staatsfeind" in seinem Leben mehrmals und zusammen über acht Jahre im Gefängnis gesessen, weil er regelmäßig bei seiner Arbeit erwischt und wegen Sachbeschädigung auch verurteilt wurde. Zwar fiel das letzte Urteil gegen OZ halbwegs gnädig mit einer Geldstrafe aus, nicht zuletzt, weil das Hohe Gericht die Einsicht formulierte, dass der Mann durch Knast einfach nicht von seinem Tun zu kurieren ist. Aber die staatliche Würdigung als "Kunst" – wie sie etwa Banksy in England oder Harald Oskar Naegeli als "Sprayer von Zürich" schließlich zuteil wurde – ist OZ immer versagt geblieben. Obwohl es auch ein paar farbige und aufwendigere Wand- und Auftragsarbeiten von OZ in Hamburgs Szenevierteln gibt, findet das hundertausendfache stereotype Sprühen von Kürzeln einfach keinen gesetzlichen Schutz im Namen der Kunstfreiheit.

Auch gemäß den strengen Regeln, mit denen sich Graffiti-Crews und Street-Artists bis heute voneinander abgrenzen, war OZ eigentlich ein typischer Wandale. Während Street-Art sich bewusst an die breite Öffentlichkeit richtet und versucht, allgemeinverständlich, schön und populär zu sein, kommunizieren Tagger nur für sich untereinander und suchen keine Aussage, sondern höchstens einen persönlichen Schriftstil, der in dieser reinen Männer-Konkurrenz am lautesten "Ich" schreit. Das Auftauchen der Graffiti in den Siebzigern in New York, von wo aus sich diese "Sprache der Sprachlosen" – wie sie von französischen Modephilosophen soziologisiert wurde – auf der ganzen Welt verbreitete, ist trotzdem historisch gesehen die stärkste Wurzel des Street-Art-Bewusstseins gewesen.

Die meisten Stars der Szene begannen fasziniert von New Yorks Graffiti-Szene selbst als Sprayer. Aber auch das Weiterleben dieser notorischen Kürzel- und Synonym-Kultur, die im Gegensatz zur Street Art eher nicht von gebildeten Schichten praktiziert wird, ist nicht einfach ein Sachbeschädigungsdelikt, wie der Gesetzgeber es gerne sehen möchte. Selbst wenn sie weder eine Botschaft an die Mitmenschen beinhalten, noch bezaubernden Reiz ausüben, muss auch in der Monotonie des Letterings ein ästhetisches Phänomen sowie eine künstlerische Rebellion gewürdigt werden, die sich gegen ein zunehmend gleichgeschaltetes und langweiliges Stadtbild aus Investorenarchitektur und Werbung richtet.

Jedenfalls verstand sich OZ nach eigener Aussage so: als Korrektor eines staatlichen Ordnungs- und Sauberkeitssystems, dem man besser nicht trauen sollte. Und im Gegensatz zu all den anonymen Stadtvollschreibern gelang es OZ tatsächlich, selbst in der Inflation der Drei-Buchstaben-Tags mit seiner Minimalst-Kalligrafie auffällig zu sein. Die extreme Konsequenz und Allgegenwärtigkeit seiner nächtlichen Schriftzüge ließ nicht nur massenweise Facebook-User die Frage stellen, was bedeutet eigentlich "DSF", sondern schrieb in das Stadtbild auch die Geschichte eines ewigen Wanderers ein, der den Blick überall hinlockte, wo man normalerweise nichts Interessantes zu sehen vermeint.
Vielleicht ist OZ viel weniger als Graffiti-, denn als Landschafts- oder Flaneurkünstler zu verstehen, der seine eigene Karte der Aufmerksamkeit über die Stadt legte und somit eine neue Lesart unserer Bewegungen und Kenntnisnahmen schrieb. Und dabei ganz nebenbei für viele Menschen ein Heimatgefühl kreierte, das die sich umbauende Stadt immer weniger bereit hält. Wie es einige Unterstützer bei einem der vielen Prozesse gegen Walter Josef Fischer mal auf ein Schild schrieben: "Hamburg ohne Oz ist... München".

Man mochte also von Oz als Kirchenstifter des Edding-Wandalismus genervt sein, die Einfachheit seiner Sprühzeichen stupide finden, die Egomanie seiner zwanghaften Selbstnennung im Zeitalter des Selfie-Wahns als wenig revolutionär empfinden – die Konsequenz und Weitschweifigkeit dieser Stadtbeschriftung hat aber durchaus die Tiefe eines Konzepts, das viele Ebenen der Betrachtung erlaubt. Und es stellt eine brisante Frage für die Straßenkunst, die im musealen und Markt-Betrieb der akzeptierten Ästhetik schon seit vielen Jahrzehnten beantwortet ist: Muss Kunst immer schön sein?

Free OZ! Streetart zwischen Revolte, Repression und Kommerz

Im März erschien ein neuer Text- und Bildband zu "OZ", der den Fragen nach dem Kunstwert seiner Tätigkeit ausführlich nachgeht.
Andreas Blechschmidt, KP Flügel, Jorinde Reznikoff (Hrsg): ; Assoziation A, Hamburg; 156 S., Zahlreiche Abbildungen; 18 €

http://www.assoziation-a.de/neu/Free_OZ.htm

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