Transmediale - Berlin

Das Unbehagen an der Technik

Die Transmediale, wichtigstes Festival für Kunst und Medien, untersucht dieses Jahr den Nerdhumor im Angesicht der Vergänglichkeit der Technik. art-Korrespondent Kito Nedo berichtet.
Als Pluto noch Planet war:Die Transmediale 2013

"Snake River and Grand Tetons go BWPWAP" – die Fotomontage der Transmediale zeigt Ansel Adams' Bild des Grand Tetons Nationalpark in Wyoming, es wurde zu einem Zeitpunkt fotografiert, als Pluto noch als Planet galt

Die Kongress-Teilnehmer der Internationalen Astronomischen Union hatten keinen Witz im Sinn, als sie am 24. August 2006 in Prag Pluto – dem bislang äußersten und kleinsten Planeten unseres Sonnensystems – aufgrund neuer Klassifizierungsregeln den Planetenstatus aberkannten.

Doch die Sache mit Pluto entwickelte sich schnell zum Running Gag im Netz und in den Medien: Satiriker geißelten das Planeten-Mobbing, auf Demonstrationen in den Vereinigten Staaten wurden Transparente wie "Size doesn't matter!" oder "How would you feel?!" in die Kameras gehalten ,und ein New Yorker Rapper veröffentlichte die Solidaritätsnote "Bring back Pluto!" auf CD. Indem die Transmediale nun das geflügelte Netz-Akronym BWPWAP – Back When Pluto Was a Planet – zum Festival-Motto erhebt, bekennt sie sich zum Nerd-Humor und treibt ihn zugleich auf die Spitze. Für die am Dienstagabend stattfindende Eröffnung im Haus der Kulturen der Welt hat Festivaldirektor Kristoffer Gansing nicht nur den US-Astronomen Mike Brown (den sie im Netz als "the man who killed Pluto" bezeichnen) als Eröffnungsredner eingeladen: in der Kongresshalle soll in einer Art Re-Enactment auch erneut über den Status von Pluto abgestimmt werden.

Dass die diesjährige Transmediale im Streit um Zwergplaneten versandet, steht dennoch nicht zu befürchten: Auf den knapp 90 Veranstaltungen mit über 200 internationalen Gästen beschäftigt man sich, wie in den Vorjahren auch, im weitesten Sinne mit den kulturellen Krisen und Utopien im aktuellen wie historischen Medienzusammenhang: Gansing und sein Team haben das Festival um die vier Kernbegriffe "Users", "Networks", "Paper" und "Desire" herum gebaut. Der Pluto-Klassifizierungsdiskurs dient erklärtermaßen lediglich als populäres Diskurs-Vehikel: als eine Art aufblitzender Techno-Skeptizismus, der sich noch an ganz anderen kulturellen Phänomenen ablesen lässt.

Da wäre zum Beispiel das Unwohlsein, dass die Apple-Gemeinde seit einiger Zeit befällt. In der Transmediale-Ausstellung läuft der erste Apple-Werbespot von 19841: Ridley Scott setzte damals eine blonde Olympionikin in Szene, die das von Steve Jobs als autoritär empfundene IBM-Empire mit einem Vorschlaghammer in Stücke schlägt. Daher rührt also der lange Zeit unkaputtbare Urmythos von Apple als Alternative zur bösen Microsoft-Welt des Bill Gates. Das ist, so weiß man jetzt, lange vorbei. Spätestens seit den Berichten über die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen in chinesischen Produktionsbetrieben, die Missachtung minimaler Öko- und Recyclingstandards oder die erbitterten Patentkriege mit den Konkurrenten ist klar, dass Mac-Produkte nichts mit besserer Welt zu tun haben. Im Gegenteil: Es ist der gleiche alte stumpfe Kapitalismus, er war nur besser verpackt.

So passen auch Apple-Sachen gut in das "Evil Media Distribution Centre" welche das Künstlerduo YoHa (Matsuko Yokokoji und Graham Harwood) inspiriert durch das Buch Evil Media von Matthew Fuller und Andrew Goffey im HKW Untergeschoß aufgebaut haben. YoHa baten rund 50 Autoren ein "graues Medium" auszuwählen und dazu einen Text zu schreiben: Das so entstandene Archiv "böser Medien" gehört zu den schönsten Exponaten auf der Transmediale. Es reicht von Post-Its, über Dongle-Kopierschutzstecker bis hin zum Staubsauger-Roboter Roomba, der zwar praktisch ist, aber leider vom US-Hersteller IRobot kommt, der sich auch im militärischen Bereich betätigt. Wohin soll der User also heute sein Geld und seine Begeisterung investieren? Vielleicht in das imposante Rohrpost-System Octo-P7C-1, einem Joint Venture von Telekommunisten und den Raumlabor-Architekten? Zumindest atmet das System eine für angehende Medienimperien eine sympathische Offenheit: Im Logo ist die Krake schon integriert.

Transmediale

29.1.–3.2.2013
Haus der Kulturen der Welt, Berlin
Transmediale

Club Transmediale
Berlin, verschiedene Orte
http://www.ctm-festival.de/