William Forsythe - London

Forsythes Fadentanz

London widmet dem Choreographen William Forsythe zur Zeit eine mehrwöchige Retrospektive. Seit langem arbeitet der in Frankfurt und Dresden tätige Amerikaner nicht nur auf der Ballettbühne, sondern auch in Galerien und Museen. In seinen Installationen konfrontiert er oft seine Tänzer und auch das Publikum mit Hindernissen, die ihre Bewegungsfreiheit einengen, aber so neue räumliche Konstellationen schaffen.
Forsythes Fadentanz:Retrospektive des Choreographen William Forsythe

Flüchtige Berührungen und federnde Körperbewegungen: "Nowhere and Everywhere at the Same Time"

Mehr als 200 silberne Pendel hängen an Fäden von der Decke im hinteren Teil der gewaltigen ehemaligen Turbinenhalle der Tate Modern. Sie berühren fast den Boden, hängen bewegungslos, im leicht düsteren Dämmerlicht hat man den Eindruck, als falle sanfter Regen. Dann betreten nach und nach die 17 Tänzer den Raum, an allen vier Seiten umgeben von Zuschauern auf Bänken und Kissen. Sie beginnen, sich zwischen den Pendeln zu bewegen, erst zögernd, um auf den engen Passagen einen Rhythmus zu finden, dann immer zuversichtlicher und schneller. Auf konzentrierte Ruhe folgen wilde Bewegungen, leicht federndes Spazieren geht über in hektisches Rennen. Immer im Angesicht der im Wege hängenden Pendel.

Ab und zu versetzt ein Tänzer einige der Pendel in Schwingungen, oft in parallelen Reihen, die dann ihre eigenen, ständig langsamer werdenden Rhythmen entwickeln. Die meist abgehackten, stakkatohaften Bewegungen der Tänzer stehen in starkem Kontrast zu diesen eleganten, regelmäßigen Schwingungen. Hier wird es für sie besonders schwer, sich in dem nun in Bewegung geratenen Pendelwald zu behaupten.

In der ersten Hälfte konzentrieren sich die Tänzer fast ausschließlich auf sich selbst. Dann erste, flüchtige Berührungen, Körperbewegungen übertragen sich von einem Tänzer auf den anderen, werden wieder zuückgegeben, verschmelzen miteinander. Bis dann zwei Tänzer zu einem durchchoreographierten pas de deux zusammenfinden. Das ist alles interessant zu beobachten, vor allem, wenn man sich über längere Zeit auf den Fortgang eines Tänzers konzentriert. Doch irgendwie verschmilzt "Nowhere & Everywhere at the Same Time" nicht zu einem Ganzen.

Hypnotische Wirkung auf den Betrachter

Ganz besonders schön eine kurze, dem Zufall entsprungene Sequenz: ein wohl unfreiwilliger, improvisierter pas de deux. Eine Tänzerin versucht, drei ineinander verhedderte Fäden zu entzerren. Ihre Konzentration und die Kreiselbewegungen der Pendel haben eine hypnotische Wirkung auf den Betrachter. Dann springt ihr ein Kollege bei. Gemeinsam drehen und wenden sie die drei Fäden und Pendel, winden sich ineinander, schlüpfen unter den Armen des Anderen durch. Nach getaner Arbeit blicken sie sich triumphierend und zufrieden an und gehen ihrer eigenen Wege.

In einer riesigen aufgelassenen Lagerhalle in der Nähe des Bahnhofs Kings Cross hat Forsythe einen weiteren Raum mit Hindernissen aufgebaut, dieses Mal einzig und allein für sein Publikum. "Scattered Crowd" besteht aus 7000 weißen Luftballons. Schwerelos schweben sie, paarweise zusammengebunden. Oben ein undurchsichtiger, mit Helium gefüllter Ballon, der untere durchsichtig. Man bewegt sich durch den weißen Raum, schiebt Ballons vor sich her, zerteilt sie mit dem Körper, sie schlagen Wellen. Vor allem Kinder haben natürlich ihren Spaß. Im hinteren Teil des Raums ist Zutritt verboten. Dort soll man das weiße Ballonmeer auf Distanz bewundern. Auch hier wieder: eine angenehme Erfahrung, die aber wenig bleibenden Eindruck hinterlässt.

"William Forsythe - Focus on Forsythe"

Termine: bis 10. Mai, Sadler's Wells, London's Dance House; 13. bis 15. Mai, Les Halles de Schaerbeek, Brüssel
http://www.sadlerswells.com/show/Focus-on-Forsythe

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