Alfred Flechtheim - Debatte

Missglücktes Friedensangebot

15 Museen machen öffentlich, wie sie an die Bilder des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim kamen. Dessen Erben reagieren dennoch mit Kritik.

1933 stand sein Entschluss fest: "Ich habe gestern Berlin und zwar für immer verlassen", schreibt Alfred Flechtheim, "Meine Galerien da und in Düsseldorf werden geschlossen. Kein Platz mehr für mich".

Der jüdische Kunsthändler war in Deutschland Diffamierungen ausgesetzt, Hetzartikel wurden publiziert, seine Galerien in Düsseldorf und Berlin wurden liquidiert, Werke verschleudert. Flechtheim ging nach London und starb 1937 verarmt, seine Frau nahm sich nach einem Deportationsbescheid das Leben – zahlreiche Kunstwerke wurden von der Gestapo beschlagnahmt.

Nun ist die Homepage www.alfredflechtheim.com online gegangen, die viele Einblicke in das Leben des berühmten Kunsthändlers gibt, der die Sammlungen deutscher Kunstmuseen entscheidend prägte. 15 deutsche Museen, die Werke besitzen, die einst durch Flechtheims Hände gingen, haben auf der Homepage ihre Forschungsergebnisse zu Flechtheim zusammengetragen.

Eine einmalige und bemerkenswerte Aktion. Dass die Museen offensiv an die Öffentlichkeit gehen, hat allerdings seine Gründe: 2008 haben erstmals Erben von Alfred Flechtheim Eigentumsansprüche an die Museen gestellt – bereits mit Erfolg. Das Kunstmuseum Bonn einigte sich im vergangenen Jahr als erstes Haus mit ihnen. Das Bild "Leuchtturm mit rotierenden Strahlen" (1913) von Paul Adolf Seehaus durfte im Museum bleiben, die Erben erhielten eine Entschädigung.

Mit dem Online-Portal wollen die Museen nun signalisieren, dass sie um Aufklärung bemüht sind und Erben berechtigtes Eigentum nicht vorbehalten wollen. Trotzdem gab es sofort Kritik. Kaum war die Homepage online gestellt, wandten sich die Erben mit anwaltlicher Unterstützung an die Öffentlichkeit. Sie werfen den Museen vor, sie nicht in das Projekt eingebunden zu haben und mit der Homepage die Geschichte Flechtheims "einseitig zu schreiben". Das Projekt sei zwar "grundsätzlich begrüßenswert", sagte Michael Hulton, Flechtheims Großneffe, aber "das Verhalten einiger Einrichtungen entspreche "in keiner Weise den Grundsätzen der ,Gemeinsamen Erklärung’ von 1999", so Hulton.

Die Vorwürfe richten sich konkret an die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die noch immer nicht die Besitzverhältnisse eines Bildes von Paul Klee geklärt hat. Für die Flechtheim-Erben ein Beleg dafür, dass eine Entscheidung verschleppt werde. Vorwürfe formulierten sie auch gegen die Bayerische Staatsgemäldesammlung in München, die die Gespräche mit ihnen eingestellt hat, obwohl die Erben weiterhin an ihr Recht glauben.

So hat die teure und arbeitsintensive Aktion der Museen letztlich doch nicht ihr Ziel erreicht – und es steht weiterhin der Vorwurf im Raum, dass einige Häuser die Ansprüche der Erben ignorieren. Trotzdem ist das neue Portal, das vorerst zwei Jahre im Netz stehen wird, ein wichtiger Schritt hin zu mehr Transparenz. Immerhin wurden Herkunftsgeschichten und Handelswege von 324 Werken nachgezeichnet. Ein mühsames Unterfangen.

Denn Flechtheims Testament wurde im Krieg verbrannt, häufig existieren keine Rechnungen und Verkaufsakten mehr, und wenn doch, heißt das keineswegs, dass es sich dabei um verlässliche Quellen handelt. So hat der Stuttgarter Sammler Hugo Borst beispielsweise bei Flechtheim ein Bild von Willi Baumeister gekauft, es später aber gegen ein anderes ausgetauscht. Baumeisters "Läuferin II" von 1925 hängt heute in der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart.

Bei den Recherchen sind die Provenienzforscher auch auf manche Unsauberkeit gestoßen – wenn auch jenseits von Restitutionsforderungen. So wurde das "Stillleben mit Vase, Kanne und Fruchtkorb" von Maurice de Vlaminck (1907) 1959 von der Staatsgalerie Stuttgart gekauft aus der Sammlung eines norwegischen Reeders – angeblich. Doch die Provenienz war gefälscht, die Marlborough Gallery hatte das Bild unter die Sammlung gemogelt, um es interessanter zu machen.

Das Flechtheim-Projekt

Die teilnehmenden Museen: Kunstmuseum Bonn, Kunsthalle Bremen, Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund, Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Städel Museum, Frankfurt, Hamburger Kunsthalle, Sprengel Museum Hannover, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Museen der Stadt Köln, Museum der bildenden Künste Leipzig, , Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, Museum für Kunst und Kultur, Westfälisches Landesmuseum, Münster, Staatsgalerie Stuttgart, Museum Rietberg Zürich
http://www.alfredflechtheim.com