Staatsgalerie - Stuttgart

Heiliger Hort hehrer Meisterwerke

Die neue Direktorin Christiane Lange hat die Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart neu gehängt – und setzt auf den kunsthistorischen Kanon. Keine Inszenierungen, keine eigenen Akzente, auch wenig Sinneslust, dafür werden die Meisterwerke sehr korrekt "In neuem Glanz" präsentiert.
"In neuem Glanz":Neuhängung der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart

Ausstellungsraum Italienische Malerei mit: Canalettos "Die Schleusen von Dolo an der Brenta", um
1732/35, Öl auf Leinwand; Antonio Balestras "Errettung der
 Heiligen Cosmas und Damian", 1717/18, Öl auf Leinwand; Francesco Maffeis "Porträt des Giambattista Bufalini", um
1650/60, Öl auf Leinwand

Es ist wie ein Déjà-vu: "In neuem Glanz" hat die Direktorin Christiane Lange, ihre Neuhängung der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart überschrieben. Dabei sind zahllose Werke wieder an ihren angestammten Platz zurückgekehrt, dorthin, wo sie hingen, bevor Sean Rainbird das Stuttgarter Museum auf den Kopf stellte.

Der Brite hatte die Zeitgenossen in die Alte Staatsgalerie gehängt und die Alten Meister in den postmodernen Stirling-Bau geholt, aber auch Werke über Epochen und Stile hinweg konfrontiert – Barnett Newman und Herrenberger Altar im Dialog.

Christiane Lange hält wenig von solchen Inszenierungen. Sie setzt weder auf Dramaturgie noch auf die stimmungsvolle Wirkung der Kunst, sondern arbeitet sehr korrekt den Kanon ab. Sie versteht Museum als eine "Schule des Sehens", die der Kunstgeschichte verpflichtet sei. Sie hat sich für einen "ganz klassischen Ansatz" entschieden, wie sie es nennt: chronologisch und nach Stilen gruppiert – Altdeutsche Malerei, Niederländer, Italiener bis hin zu internationaler Kunst nach 1960. Hinzu kommen Räume, die einzelnen Künstlern gewidmet sind wie Pablo Picasso, Joseph Beuys, Rosemarie Trockel oder Bridget Riley.

8000 Werken standen zur Auswahl, 50 Säle mit 9000 Quadratmetern Fläche – viel zu tun also für Lange, die doch erst im Januar ihr Amt angetreten hatte. Ihr Ziel war es, einen halbwegs chronologischen Rundgang anzubieten – keine einfache Aufgabe bei den diversen Gebäudeteilen und Stockwerken. Dennoch ist es ihr gelungen: Die Staatsgalerie zeigt sich aufgeräumter, die Präsentation wirkt strukturiert und weitgehend übersichtlich – und vor allem sehr würdig und edel.
Denn auch Christiane Lange setzt wie viele ihrer Kollegen auf Farbe. Die Altdeutsche Malerei ist auf Braun gehängt, die Italiener auf gediegen wirkendem Weinrot, die Klassische Moderne wird in vornehm grau gehaltenen Sälen gezeigt. Gerade bei den Altdeutschen Meistern funktioniert die Farbgestaltung gut, die Werke werden mit Spots aus dem Dunkel hervorgeholt. Die "Graue Passion" von Hans Holbein d.Ä. oder Lucas Cranachs "Judith mit dem Haupt des Holofernes" (um 1530) kommen so gut zur Geltung.

Ohnehin gelingt es Lange, die auch viele Werke wieder aus dem Depot geholt hat, die Stärken der Stuttgarter Kollektion deutlicher zu akzentuieren, die Meisterwerke herauszustellen – Rembrandt und Rubens, van Ruisdael und de Heem, Beuys und Beckmann. "In neuen Glanz" heißt eben auch, dass sich die Staatsgalerie wieder als heiliger Hort hehrer Meisterwerke versteht.

Während das "Triadische Ballett" von Oskar Schlemmer und seine Gemälde nun höchst imposant ausgeleuchtet wurden, gelingt es in einigen Räumen nicht annähernd, die Kunst angemessen zur Geltung zu bringen. Die Wandfarben rauben den Werken häufig die Kraft, gerade die Pleinairmalerei der Franzosen wirkt auf dem Mauve, einem Violettton, nur stumpf. Camille Pissarros "Der Gärtner" scheint wie eingezwängt und kann keine Weite entfalten. Arnold Böcklins "Villa am Meer" (um 1877) ist so unvorteilhaft beleuchtet, dass man kaum eintauchen kann in dieses düstere Stimmungsbild. Manche Räume der Staatsgalerie sind wahrlich nicht einfach zu bespielen, aber die schnell durchgezogene Neupräsentation hat eben auch wenig Zeit gelassen, um bessere Lösungen zu suchen. So wurde die Barockmalerei in Petersburger Hängung so penetrant symmetrisch zwischen den marmornen Pilastern aufgeteilt, dass es steif und wie auf dem Reißbrett abgezirkelt wirkt. Die lustbetonte Malerei kann sich in dieser zwanghaften Systematik kaum mehr entfalten.

Aber mit Leidenschaft und Sinneslust hat diese Neuhängung der Staatsgalerie Stuttgart ohnehin wenig zu tun. Letztlich wird hier der Sieg der Kunstgeschichte über die Kunst zelebriert, und die einzelnen Werke dienen dazu, die Stile und Ismen zu exemplifizieren. So sympathisch es ist, dass Lange nicht ihren eigenen Geschmack allein zum Maßstab genommen hat, aber ihre Neuhängung ist auch eine Absage an ein lebendiges Museum, an ein "Museum in Motion", wie es einer ihrer Vorgänger, Christian von Holst genannt hatte. Es passt ins Konzept, dass Lange sich auch von der Langen Nacht der Museen verabschiedet hat – ihre strenge, rein akademisch orientierte Hängung ist ein klares Statement gegen jede Form der Popularisierung des Museums.

Immerhin, die Bilder sind tiefer als bisher gehängt, also quasi auf Augenhöhe mit dem Betrachter. Aber vom Museum als Lernort, als "Schule des Sehens", wie sie es nennt, ist Lange dennoch weit entfernt. Dazu sind allein die Saaltexte viel zu spröde und akademisch formuliert – um "Tympanonbild" und "reich nuanciertes, höchst kultiviertes Kolorit" geht es da, um "individuelle Beseelung der Figuren" und "lyrische Gestimmtheit". Einladend ist das nicht.

Nicht nur, weil vieles wieder dort gelandet ist, wo es vor Jahren schon hing, auch konzeptionell ist diese klassische Hängung letztlich ein Schritt zurück. So verständlich es ist, dass Lange sich von einer Eventkultur abwenden will und wieder zu den ursprünglichen Idealen des Museums zurückkehrt, so hat sie eben doch nur ein altes Rezept solide und sehr korrekt reaktiviert. Sie gibt aber keine Antwort darauf, wie sich eine klassische Präsentation mit den aktuellen Fragen verbinden ließe: nämlich wie Kunst die Gesellschaft bereichern kann – und wie sie sich dabei selbst entfalten kann. Stattdessen ist die Staatsgalerie Stuttgart nun wieder das, was Christianes Langes Vorgänger doch überwinden wollten: ein glanzvoller, musealer Tempel.

In neuem Glanz

Neupräsentation der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart,
Erstmals werden alle Werke, die in der Sammlung ausgestellt sind, im Online-Katalog abrufbar sein
http://www.staatsgalerie.de/ausstellung/neupraesentation/

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