Moritzplatz - Kollektive Kreativität

Gentrifizierung von unten

Im art-Schwerpunkt zu neuen kreativen Kollektiven stellen wir die Macher und Orte einer neuen Kultur der Zusammenarbeit vor: Der Moritzplatz in Berlin ist einer von ihnen.
Herz der Kreativität:Kollektive am Moritzplatz

Gemeinsames Arbeiten an den Tischen der Open Design City

65 Jahre war der Platz an der Grenze von Kreuzberg und Mitte vergessen, eine urbane Ödnis. Auch in den 20 Jahren nach dem Mauerfall lagen die Grundstücke brach, Gebrauchtwagenhändler und Flohhmarkt brachten kein Leben.

Heute kommt Wolfgang Tillmans regelmäßig aus seinem Studio zum Mittagessen ins Restaurant "Coledampf". Tausende besuchen Tag für Tag die Prinzessinengärten, wohl die bekannteste urbane Landwirtschaft der Republik. Im "Aufbauhaus" sitzen nicht nur der gleichnamige Verlag, der Club "Prince Charles" in einem alten Schwimmbecken und eine Kita auf dem Dach, sondern vor allem das Kreativkaufhaus Modulor. In den Höfen rundherum findet man nicht nur Orte neuen Arbeitens wie das Coworkingspace Betahaus oder die Designwerkstatt Open City Lab, sondern einige der weltweit erfolgreichsten Kunst und Design-Netzwerke. Sie sind längst zu erfolgreich, um noch "Startup" genannt zu werden. Im Garten, in den Büros oder im Café: Überall reden Menschen miteinander, telefonieren oder beugen sich über Laptops. Es ist eine entspannte Produktivität, die in der Luft liegt und die Kreuzberger Müdigkeit durch eine höchst urbane Geschäftigkeit ersetzt hat.

Andreas Krüger ist der Mann, der diese Gentrifizierung von unten in Gang gebracht hat. Er nennt es "partizipative Gestaltung. Wir nehmen unser Schicksal selbst in die Hand", ergänzt er. 57 Jahre alt, kommt er mit Zeitungsjungenmütze zum Rundgang durch Aufbauhaus und Modulor. Krüger hat als Geschäftsführer von Modulor den Umbau eines Werkstattgebäudes aus den siebziger Jahren zum "Aufbau Haus" organisiert – man könnte ihn den inoffiziellen Kreativbürgermeister des Moritzplatzes nennen. Modulor ist seit Jahrzehnten die Anlaufstelle für Künstler und Architekten, für Farben und Materialien. Ins neue Domizil hat Krüger befreundete Gewerke vom Laserbrenner über Tischler und Näherei bis zu den Mosaiklegern, die schon für David Chipperfield gearbeitet haben, mitgenommen. So kann man unter einem Dach den ganzen kreativen Prozess durchziehen. "Tätig werden können, das sorgt für Inspiration", sagt Krüger. Heute führt Krüger seine eigene Firma, er berät neben Berlin auch außerhalb Deutschlands Städte wie Wien zur kreativen Gestaltung. Den gemeinsamen Geist am Moritzplatz beschreibt er so: "Hier sind die Wachen."

Dass die Gemeinschaft um den Moritzplatz höchst wach ist, merkte 2012 vor allem der Berliner Liegenschaftsfonds. Er wollte das Grundstück, auf dem die Prinzessinengärten seit 2008 ihre mobilen Beete angelegt haben, meistbietend verkaufen. Vor dem Krieg war hier das erste Wertheim-Kaufhaus und jetzt war es gerade durch den Garten weltweit bekannt geworden – sogar die New York Times hatte Reporter geschickt. Gut 12 Millionen Euro wären möglich gewesen. Doch mit über 30&nbsp000 Unterschriften auf einer Petition bei Change.org setzten die Gartenfreunde durch, dass das Grundstück dem Bezirk Kreuzberg rückübertragen wird. Dann kann der Bezirk es für mindestens fünf bis zehn Jahre an die Gärten vermieten. Den ersten Mietvertrag hatte noch Andreas Krüger unterschrieben, weil die urbanen Gärtner dem Liegenschaftsfonds nicht ganz vertrauenswürdig erschienen. Für Berlin und Deutschland ist dies eines der herausragenden Beispiele, wo die Interessen von Anliegern, Mietern und der Kommune sich gegen Investoren durchgesetzt haben.

Die ausführliche Reportage über die neuen kreativen Kollektive rund um den Moritzplatz finden Sie in der Dezember-Ausgabe von art, jetzt am Kiosk