Interview mit Jacob Appelbaum

Art Invaders

Bekannt machte ihn in Deutschland vor allem sein Engagement für den Whistleblower Edward Snowden. Jacob Appelbaum ist politischer Aktivist, Experte für Datensicherheit, preisgekrönter Journalist – und jetzt auch Künstler. Erstmals sprechen er und sein Berliner Galerist Luca Barbeni über seine bevorstehende Einzelausstellung, die Notwendigkeit politischer Kunst und ihre Abneigung gegen die Post-Internet Art.
Art Invaders

Netzaktivist Jacob Appelbaum im Gespräch mit art.

art: Sie sind Internetaktivist und Spezialist für digitale Sicherheit. Warum wollen Sie in Ihrer Ausstellung nun ausgerechnet analoge Fotografien zeigen?

Jacob Appelbaum: Das liegt unter anderem daran, dass ich den analogen Film für ästhetisch überlegen halte. Ich arbeite viel mit Infrarotfilm, der nur auf einen bestimmten Teil des Lichtspektrums reagiert und somit auch sichtbar macht, was für das menschliche Auge nicht zugänglich ist.

Ein anderer Grund, warum ich gerne mit Film fotografiere, ist, dass er privater ist. Wenn ich ein digitales Foto aufnehme und auf den Computer ziehe kann es sein, dass jemand anderes automatisch eine Kopie davon macht. Wenn man dagegen analogen Film verwendet, müsste man schon in dein Haus einbrechen und ihn einscannen, um eine Kopie zu machen. Aufgrund meiner Arbeit stehe ich seit Jahren unter Beobachtung – ich wollte es diesen Leuten schwerer machen, in meine Privatsphäre einzudringen. Je mehr ich in den letzten zehn Jahren unter Beobachtung stand, desto mehr Spaß brachte mir die analoge Fotografie. Es ist einer der wenigen privaten Räume, die mir bleiben, auf die niemand Zugriff hat – es sei denn, ich entscheide mich wie jetzt bewusst dafür, sie zu zeigen. Das ist mir sehr wichtig. Ich mag die Idee, die Dinge für mich zu behalten, solange ich will. Im Umgang mit Bildern bin ich generell sehr privat und zeige sie eigentlich nie jemandem.

Dennoch wollen Sie jetzt in der Ausstellung ihr privates Netzwerk aus Freunden und Kollegen öffentlich machen.

Jacob Appelbaum: Ich zeige Menschen, die ich bewundere und mit denen ich zusammenarbeite. Ich wollte ein Bild machen, das zeigt wie sie sind – als ein Geschenk für sie. Ich habe diese Bilder nicht mit der Absicht geschossen, sie auszustellen – abgesehen von dem Bild von Sarah Harrison. Es war eher eine Herzensangelegenheit.

Das klingt fast ein wenig nostalgisch...

Jacob Appelbaum: Mir gefällt die Idee einer Geschenkkultur anstelle eines kapitalistischen Warenaustauschs. Laura Poitras, Glenn Greenwald, David Miranda, Julian Assange, Sarah Harrison, William Binney und Ai Weiwei haben mir so viel gegeben, das jenseits von Tauschgeschäften steht. Wir handeln nicht mit Dingen. Es ging mir aber nicht nur um reine Nostalgie, vielmehr um etwas, das jeden betrifft: Ich wollte meine persönliche Bewunderung und Anerkennung für ihre Arbeit ausdrücken und etwas an sie zurückgeben.

Die Etablierung einer Geschenkkultur verbindet man im ersten Moment nicht unbedingt mit einer – in der Regel doch eher kommerziell ausgerichteten Kunstgalerie. Herr Barbeni, Sie handeln mit Medienkunst. Die aktuelle Tendenz der Post-Internet Art steht häufig unter dem Verdacht der Kommerzialisierung, der trivialen "Verdinglichung" digitaler Kultur. Wie stehen Sie dazu?

Luca Barbeni: Ich möchte in keiner Weise mit der sogenannten Post-Internet Art in Verbindung gebracht werden. Daher habe ich mich auch dazu entschlossen, Künstler wie Paolo Cirio, James Bridle oder eben
Jacob Appelbaum auszustellen. Ich bin der Meinung, dass das Label Post-Internet Art digitale Medien nur als formales Werkzeug benutzt. Die meisten der Projekte aus diesem Bereich erscheinen mir sehr kurzlebig. Sie sehen im ersten Moment sehr spannend aus, aber es ist nicht viel dahinter.

Die Kunst, die ich hier zeige, nennen viele Journalisten Surveillance Art. Das ist vielleicht etwas zu eng gefasst, ich sehe es lieber als politische Kunst, schließlich geht es den Künstlern darum, das Publikum mit wichtigen Themen unserer Zeit zu konfrontieren, nicht nur mit der Kunstgeschichte. Natürlich folgen auch die Künstler, die ich zeige, dem Weg der Kunstgeschichte, setzen sich aber mit aktuellen Problemen auseinander und präsentieren einen anderen Blick darauf, was gerade passiert.

Post-Post-Internet
Das Kunstkollektiv DIS arbeitet so zukunftsweisend, dass man kaum hinterherkommt. Ein Gespräch mit Lauren Boyle, Marco Roso, David Toro und Solomon Chase, den Kuratoren der nächsten Berlin Biennale

Wo finden Sie Ihre Künstler und wie wählen Sie sie aus?

Luca Barbeni: Es begann alles mit Paolo Cirio, mit dem ich befreundet bin. Nachdem wir uns entschieden hatten, die erste Ausstellung mit ihm zu machen, brauchte ich für die nachfolgenden Ausstellungen Künstler, die ein gemeinsames Rahmenkonzept bilden. Nach Paolo habe ich Arbeiten von James Bridle produziert, denn er begann wirklich starke Werke zu machen und gewann an Bekanntheit. Schließlich stellte Tatiana Bazzichelli mir Jacob Appelbaum vor, die beiden sind eng befreundet – und seine Arbeiten fügten sich ideal in unser Konzept.

Mich faszinierte sehr, dass die Arbeiten von Appelbaum ein Gegenstück zu Paolo Cirio darstellen: Während Paolo mit seiner "Overexposed"-Serie nichtautorisierte Bilder von hochrangigen amerikanischen Geheimdienstbeamten verbreitet, die für die Massenüberwachungsprogramme zuständig sind, porträtiert Jacob politische Aktivisten, die selbst Opfer der Massenüberwachung sind. Es geht um dasselbe Thema, aber aus verschiedenen Perspektiven.

Haben Sie künstlerische Vorbilder, Herr Appelbaum?

Appelbaum: Einige der Menschen, die ich im Katalog erwähnen werde: Kate Young, die mich in die Infrarotfotografie eingeführt hat, Laura Poitras und Trevor Paglen, die mir seit Jahren künstlerisch zur Seite stehen. Es gibt natürlich auch viele Künstler, die ich sehr bewundere und nie getroffen habe, wie H.R. Giger, der nicht mehr lebt.

Die Ausstellung im September wird Ihre erste Austellung sein. Was bedeutet das für Sie?

Appelbaum: Es ist meine erste Einzelausstellung, aber ich habe meine Arbeiten bereits andernorts gezeigt. Im Rahmen einer Parsons-Residency war ich vor fast zehn Jahren im Museumsquartier in Wien tätig. Im Whitney Museum wurden ein paar meiner Arbeiten in die ständige Ausstellung eingezogen. Es gab dort eine Guerilla-Hängung mit zwei meiner Arbeiten während der Whitney Biennale. Ich habe sie allerdings nicht signiert. Technisch gesehen sind es also Fälschungen. Ich schätze, das zählt nicht.

Mit meiner jetzigen Ausstellung wollte ich etwas für die Kuratorin Tatiana Bazzichelli tun, die ich wirklich schätze. Als ich nach Berlin kam, gab sie mir direkt die Schlüssel zu ihrer Wohnung, da wir aufgrund sehr
ernster Angelegenheiten im Bezug zu Snowden Angst hatten. Sie bot mir buchstäblich ihr Zuhause als Schutzraum an. Als sie vorschlug, mit der NOME-Galerie zusammenzuarbeiten, dachte ich: "Sie muss es wissen!" Sie sprach davon, die Arbeiten mit einem politischen Bewusstsein zu präsentieren und eben nicht einem Kontext von Kunst als Markt – das fand ich spannend. Die Galerie hat mich dann sehr unterstützt und viel Arbeit investiert. Das rechne ich ihnen hoch an. Es gibt viele Orte, an denen ich diese Fotos zeigen könnte, aber hier ergibt es am meisten Sinn.

Schließlich wollte ich sicherstellen, dass, wenn ich eine Schau in Berlin mache, es mit Menschen sein muss, die auch über ein Bewusstsein darüber verfügen, dass es hier um politische Themen geht, die jeden betreffen. Wir müssen die Kulturszene erreichen, um die Politik zu verändern.

So gesehen ist das hier ein neuer Weg für Sie, politisch aktiv zu werden. Erhoffen Sie sich davon mehr Aufmerksamkeit? Ist das Ihr Motiv?

Appelbaum: In erster Linie wollte ich persönliche Bezüge für andere Menschen schaffen. Berlin steht zur Zeit im Zentrum der Gegenwartskunst und ich denke, es hilft dabei, mehr Menschen zu erreichen. Sie sehen die Fotos auch, wenn sie keine Magazine gelesen haben, wenn sie den Film "Citizenfour" nicht gesehen haben und sie die ganze Geschichte gar nicht erreicht hat. Vielleicht werden diese Bilder zu ihrem besseren Verständnis beitragen, denn sie zeigen auch andere Menschen als Edward Snowden. Es geht mir darum, echte aktive Revolutionäre, die in ihrem Aktivismus erfolgreich waren, von ihrer menschlichen Seite zu zeigen. Ich möchte, dass Besucher Laura Poitras sehen, in einer Momentaufnahme in ihrem Berliner Apartment, 2013, im Sommer der Snowden-Affäre. Oder Sarah Harrison – ohne sie hätte Snowden nicht befreit werden können. Dank ihr befindet er sich in politischem Asyl. Auch Ai Weiwei ist involviert, weil er im Besonderen dabei hilft, Dinge zu erschaffen, die Menschen auf ganz verschiedene Arten erreichen. Beim P2P-Projekt ("Panda-to-Panda"), dass ich auch ausstellen werde, geht es genau darum: Menschen zu erreichen, die sich für Technik überhaupt nicht interessieren.

Bei dem "Panda-to-Panda"-Projekt werden ausgehöhlte Stofftiere mit neuen Inhalten – brisanten Daten – befüllt und in Museen geschickt...

Appelbaum: Das "Panda-to-Panda"-Projekt haben Ai Weiwei und ich in Peking gemacht und Laura Poitras hat es für die "New York Times" dokumentiert. Mit diesem Projekt machen wir die Leute quasi zu menschlichen Kurierboten illegaler Informationen – oder mutmaßlich illegaler Informationen. Wir verwenden ein Kunstobjekt als Vermittler, um über diese Dinge sprechen. Und stellen Sie sich mal vor, wie es aussieht, wenn die Polizei in eine Galerie einbricht, um einen Pandabären zu zerstören. Selbst Menschen, die sich sonst nicht für das Thema Überwachung interessieren, werden denken: "Das ist eine Gräueltat".

Graffiti mit einem Porträt Ai Weiwei
Für Ai Weiwei ist jede Äußerung politisch. Mit seiner Berliner Ausstellung "Evidence" setzt der chinesische Konzeptkünstler wieder ein deutliches Zeichen: für mehr Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Zivilcourage