Bar „Karriere“ - Kopenhagen

Für Szene-Freaks und Wannabes

Der dänische Künstler Jeppe Hein hat im ehemaligen Kopenhagener „Fleischdistrikt“ eine ganz besondere Bar eröffnet. In der "Karriere" ist Kunst das große Thema
Jeppe Hein als Kneipier:Wo die Kunstszene feiert

Die neueröffnete “Karriere"-Bar von Jeppe Hein

Weil die Schlachtereiindustrie in Kopenhagen, der Hauptstadt von Dänemark, in der übers Jahr gesehen mehr Schweine als Menschen leben, weniger Platz braucht als früher, können sich in dem ehemaligen Schlachthof Kødbyen nun andere breitmachen: Die Kreativbranche hat den ehemaligen Kopenhagener „Fleischdistrikt“ für sich entdeckt, und der dänische Künstler Jeppe Hein hat dort nun seine eigene Bar „Karriere“ eröffnet. Bestückt haben sie unter anderen Heins Künstlerkollegen Olafur Eliasson, Dan Graham und Monica Bonvicini.

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Strecken Teaser

Am ersten Abend war der Laden Dank des Ansturms der lokalen Kunst- und Wannabe-Kunstszene so voll, dass die Werke kaum zu sehen waren. Drogenabhängige und Prostituierte säumen beidseitig die Straße Istedgade, in den Untergeschossen der Häuser haben sich vornehmlich Stripteaseclubs und Pornoshops angesiedelt. In den letzten Jahren ist das Viertel besonders bei der so genannten kreativen Klasse hip geworden, und jetzt werden hier, wo früher kaum jemand hinzog, der sich etwas anderes leisten konnte, Zweizimmerwohnungen für 300 000 Euro verkauft. Das ist etwas weniger als der Preis, den die Galerie Bo Bjerggaard hier für ein ungefähr sieben Quadratmeter großes Gemälde von Georg Baselitz verlangt. Die Ausstellung war angeblich schon vor der Eröffnung komplett ausverkauft.

Bjerggaard war der Erste, der im Herbst dieses Jahres mit dem Umzug seiner Galerie die Kunst mitten in den Schlachthof Kødbyen, der zu Vesterbro gehört, brachte. Gleichzeitig mit Bjerggaards Baselitz-Ausstellung eröffnete im Nachbargebäude Jeppe Hein seine Bar. „Karriere“ steht in Schreibschrift aus rosa Neonröhren am Eingang – ein Werk des dänisch-norwegischen Künstlerduos Elmgreen & Dragset. Auch für die Innenausstattung hatte Hein Künstlerfreunde gebeten, Werke beizusteuern, die in irgendeiner Weise die Lokalität thematisieren und über das Künstlerische hinaus eine Funktion erfüllen – so wie Elmgreen & Dragsets Leuchtschrift, die zugleich Türschild ist.

Um 19 Uhr hat die Bar bereits seit zwei Stunden geöffnet, und vor dem Eingang stehen mehr als ein Dutzend Menschen in der Novemberkälte; viele von ihnen rauchen. Es ist nicht klar, ob das dänische Rauchverbot, das in größeren Kneipen gilt, die Leute nach draußen getrieben hat, oder ob sie dort stehen, um sich den Beitrag „Divided Wall“ von Dan Graham anzuschauen. Der amerikaische Künstler hat inmitten der Biergartenbänke und –tische, die trotz der niedrigen Temperaturen vor der Bar stehen, eine Mauer aus Glas und Stahl gezogen. Das Glas spiegelt leicht und ist zugleich lichtdurchlässig, so dass die Gäste, die sich hinsetzen, registrieren, dass auf der anderen Seite der Wand auch jemand am Tisch sitzt, aber zugleich ihr eigenes Spiegelbild über den Nachbarn gelegt sehen.

An der mit verspiegelten Kacheln beklebten Bar (eine Arbeit von Hein selbst) stehen unter anderem die dänische Künstlerin Marianne Grønnow, der Kurator der Edvard-Munch-Ausstellung in der Fondation Beyeler, Dieter Buchhart, und der aus Norddeutschland stammende Künstler Hartmut Stockter, der in seinen Werken immer wieder die Natur und deren Beobachtung durch den Menschen thematisiert. Dafür, dass er seine Künstlerkollegen gut beobachten kann, sorgen die Lampen von Olafur Eliasson, die in drei verschiedenen Größen an den Decken hängen und im Raum stehen – "Local Career" heißt das kleine Modell über den Tischen, "National Career" nennt Eliasson die größeren Exemplare an den Wänden und "International Career" die riesigen Deckenleuchter.

Wie die anderen Künstler hat auch Eliasson Hein seine Werke zum Freundschaftspreis überlassen. Hein zahlte lediglich die Produktionskosten, das Werk bleibt Eigentum der Künstler, ist aber Leihgabe an die Bar. Den Namen "Karriere" erfanden Michael Elmgreen und Ingar Dragset als Anspielung darauf, dass viele Künstler für ihre Karriere wichtige Verbindungen in einer Bar eingehen. Die 600 Quadratmeter große Bar präsentiert mehr Werke als so manche Kunsthalle. Selbst die Bierdeckel unter den Tischbeinen sind Kunst – eine Arbeit von Ceal Floyer. Allerdings waren etliche der Deckel schon am frühen Abend verschwunden. Gefeiert wurde auch dann noch, als um acht Uhr das Freibier versiegte und für die kleine Flasche für dänische Verhältnisse günstige 30 Kronen (4 Euro) fällig wurden.

Ob der vielen großen Namen auf der Liste der teilnehmenden Künstler und dem stylischen Interieur konnte es sich der ein oder andere nicht verkneifen, Jeppe Hein vorzuwerfen, nun etwas zu kommerziell zu werden. Kommerzialismus hin oder her, Heins Idee ist es zu verdanken, dass Kopenhagen nun eine attraktive Lokalität mehr hat, der zu wünschen ist, nicht nur die so genannte kreative Klasse anzuziehen.