Texte zur Kunst - Interview

Wo stehst Du, Kollege?

Dem Berliner Kunstmagazin "Texte zur Kunst" eilt der Ruf einer intellektuellen Kaderschmiede voraus: gegründet 1990 in Köln von Stefan Germer und Isabelle Graw feiert die Redaktion an diesem Wochenende in Berlin das 20-jährige Bestehen. Freitag Abend eröffnet in der Sammlung Haubrok eine von Künstlerin Annette Kelm und dem Münchner Kurator Matthias Mühling zusammengestellte Ausstellung "Mit Deiner Kunst, Editionen 1990-2010". Am Samstag findet im Berliner Theater Hebbel am Ufer ein internationales Kunstkritik-Symposium unter dem Motto „Wo stehst Du, Kollege?" statt. art-Korrespondent Kito Nedo traf sich in Berlin mit dem neuen Chefredakteur Sven Beckstette und seinem Vorgänger André Rottmann.
Kunstkritik als Gesellschaftskritik:20 Jahre "Texte zur Kunst" – ein Resumee

Das Team von "Texte zur Kunst" (von rechts nach links): Alida Müschen, Sabine Ofenbach, Anke Ulrich, Isabelle Graw, Sven Beckstette, Nele Grsozer, André Rottmann, Susann Kowal, Jenni Tischer

art: Herr Rottmann, Herr Beckstette, das Magazin "Texte zur Kunst" nimmt sein 20-jähriges Bestehen zum Anlass für eine Ausstellung, mehrere Reader sowie eine Tagung zur Kunstkritik, Motto: "Wo stehst Du, Kollege? Kunstkritik als Gesellschaftskritik" – Wie ist das gemeint?

Rottmann: Bei dem Motto der Tagung handelt es sich um den Titel eines Immendorff-Gemäldes, das wir uns erlaubt haben, auseinanderzunehmen: "Mit Deiner Kunst" heißt die Ausstellung der "Texte zur Kunst"-Editionen, die in den letzten Jahren entstanden sind. Die Tagung heißt "Wo stehst Du, Kollege?", weil wir dort versuchen wollen, eine Auseinandersetzung über die Methoden zu führen, mit denen Kunstkritik heute operiert. Wir haben das Gefühl – und das ist durchaus auch selbstkritisch gemeint – dass sich die Kunstkritik oft an verschiedene theoretische Modelle anlehnt, ohne im Alltagsgeschäft immer reflektieren zu können, welche Prämissen eigentlich mit bestimmten Methoden verbunden sind. "Wo stehst Du, Kollege?" spielt aber natürlich auch mit dem Ruf von "Texte zur Kunst", eine Art Zentralkomitee zu sein und sich in der Kritik öfter herauszunehmen, gewisse künstlerische Phänomene rigoros in Frage zu stellen. Mit diesem Titel wollten wir also schon einerseits mit dieser Reputation humorvoll umgehen. Auf der anderen Seite ist das schon so gemeint, dass die Form von Kunstkritik, die "Texte zur Kunst" zu praktizieren versucht, eine ist, die zwar differenziert, aber klar Position bezieht. Auch wenn sich die Zeitschrift in den vergangenen Jahren bestimmt auch thematisch breiter aufgestellt hat, ist sie nach wie vor kein pluralistisches Magazin, das jedes Segment des Kunstbetriebs freundlich bedienen muss. Es gab immer die Idee, dass Kritik zumindest so viel Autonomie beanspruchen muss, dass sie auch mal etwas zurückweisen kann.

Beckstette: Schon unsere Erscheinungsform spricht dagegen, den ganzen Kunstbereich abdecken zu wollen: vier Hefte im Jahr, das bedeutet maximal 100 Rezensionen zu Filmen, Ausstellungen, Büchern. Uns kann es also nicht darum gehen, einen kompletten Überblick über die zeitgenössische Kunstszene zu geben, sondern eher darum, "Kunstkritik als Gesellschaftskritik" zu praktizieren, nicht umsonst lautet ja auch der Untertitel der Konferenz so. Das bedeutet, die gesellschaftlichen Bedingungen und Hintergründe zu reflektieren, die die heutige Kunstproduktion prägen. Ich würde sagen, dass ein sozialgeschichtlicher Ansatz nach wie vor ein wichtiger Ausgangspunkt ist, um analytische Kunstkritiken zu verfassen, die in der Regel vom Werk und seiner Präsentation ausgehen. Eher affirmativere Formate, wenn ich das einmal hier so nennen darf, wie Atelierbesuche oder Interviews, gibt es nicht in unseren Heften, dafür Gesprächsrunden, in denen mehrere Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu ganz speziellen
Themen eingeladen werden.

Rottmann: In der Geschichte der "Texte zur Kunst" gibt es dementsprechend nur ganz wenige monografische Essays und Features im klassischen Sinne. Und von Beginn an wurde vermieden, dass bestimmte Arbeiten von Künstlern auf das Cover gehoben werden.

Was ist im Sinne der Kunstkritik falsch an klassischen journalistischen Formaten wie dem Atelierbesuch oder dem Interview?

Beckstette: Die journalistische Praxis des Interviews oder Studiobesuchs konzentriert sich naturgemäß eher auf die Person des Künstlers und sein Umfeld. Diese Perspektive interessiert uns nicht.

Sondern?

Beckstette: Kontexte herauszubilden oder zu untersuchen, vor welchemHintergrund, diese oder jene Position entsteht. Außerdem: Eine künstlerische Position ist selten singulär, sondern sie ist vielmehr Teil bestimmter Strömungen. Warum treten bestimmte Phänomene zu einer bestimmten Zeit in der Kunst auf? Was könnte das für gesellschaftliche Begründungen haben? Was könnte das für ökonomische Gründe haben? Das sind Dinge, die wir zu beleuchten versuchen.

In den Neunzigern war noch viel die Rede von einer "linken Kunstkritik" – spielt so etwas in Ihren Überlegungen heute noch eine Rolle?

Beckstette: Ein gewisser Teil einer ambitionierteren Theorie- und Begriffsbildung zur Kunst entwickelte sich durch das 20. Jahrhundert hindurch in der Auseinandersetzung mit dem Marxismus. Diese Genealogie kann für bestimmte Fragen nach wie vor Ansatzpunkte liefern, ohne sich konkret hierauf zu berufen. Denn auch Theorien und ihr Vokabular haben eine eigene Geschichte, deren Entwicklung immer berücksichtigt werden muss, wenn man sich auf bestimmte Begriffe bezieht.

Rottmann: Dieses Label, dass man "linke Kunstkritik" macht, würde ich zwar so nicht verwenden. Wenn damit allerdings gemeint ist, dass man künstlerische Praktiken nicht rein formal, sondern in gesellschaftlichen und damit auch politischen Zusammenhängen verhandelt, und man dabei selbst eine Position einnimmt und solche Praktiken privilegiert, die Fragen von Macht, Ökonomie und Subjektivität oder politisch explizit engagierte oder aktivistische
Formate einbeziehen – damit hätte ich überhaupt kein Problem, sondern ich würde im Gegenteil sagen: Das ist Kritik, die den Begriff wert ist. Und ich denke, das spiegelt sich in den künstlerischen Positionen, die eng mit der Zeitschrift assoziiert sind: von der Institutionskritik bis über die sogenannte Kontextkunst der Neunzigerjahre bis hin etwa zu modernekritischen Positionen und dem, was Isabelle Graw als "marktreflexive" Praktiken definiert hat.

In der Außensicht entspringt das Magazin dass sich Anfang der neunziger Jahre in Köln gegründet hat, einem gewissen Milieu, was man früher einmal mit "Poplinke" umschreiben konnte. Wie hat sich das mit dem Umzug nach Berlin verändert?

Rottmann: Vielleicht muss man noch mal betonen, daß "Texte zur Kunst" ja keine Zeitschrift ist, die sich einem bestimmten Segment des Kunstfelds ganz verschrieben hätte. Genauso wie es immer Beitrage über und von Andrea Fraser, Creischer/Siekmann und Christian Philipp Müller gab, so gab es auch immer Interesse an Lüpertz, Immendorff, Gerhard Richter, aber auch Daniel Richter, Oehlen, Carpenter, Koether, Krebber, Kippenberger und der "Appropriation Art". In diesem Sinne ist Texte zur Kunst, auf der Ebene der Autoren, der Redaktion oder dem Beirat auch weniger homogen als es manchmal wahrgenommen wird. Dass was Sie mit "Köln" assoziieren, also eine Art Milieu, dass sich abends in der Kneipe trifft und informell solche Debatten aushandelt: Das hat sich grundlegend geändert, was aber nichts mit Berlin als Standort zu tun hat. Sowohl die akademische Welt wie auch die Kunstwelt haben sich in den vergangenen Jahren einfach weiter ausdifferenziert und professionalisiert. Deswegen kommt es nicht mehr zu dieser "Kesselbildung": Die Leute haben alle Termine, Verpflichtungen, DFG-Projekte und Ausstellungsbeteiligungen. "Texte zur Kunst" selbst ist inzwischen institutionalisiert.

Welche Funktion hat der englischsprachige Mittelteil, den es seit einigen Jahren gibt?

Rottmann: Im angloamerikanischen Raum gab es immer das Bedürfnis, die Debatten in "Texte zur Kunst" besser mitverfolgen zu folgen – zumal ja auch viele Autorinnnen aus diesem Kontext stammen. Zu Beginn war es ja so, dass nach dem Vorbild der amerikanischen Zeitschrift "October" viele Texte einfach ins Deutsche übersetzt wurden, weil die überhaupt nicht zugänglich waren. Als "Texte zur Kunst" angefangen hat, waren etwa die Schriften von Clement Greenberg, die in den USA eine sehr komplexe Modernismus-Debatte nach sich gezogen hatten, in Deutschland
überhaupt nicht präsent oder auch nur übersetzt. Irgendwann hat sich dann die Frage gestellt, wie man mit der Situation umgeht, dass man nicht mehr in der Situation ist, importieren zu müssen, sondern selbst Diskurs bildend ist. Das Interesse in den USA wurde so stark, dass es sich lohnte, die Mittel und die Mühe auf sich zu nehmen, die
es braucht, um zumindest Teile der Zeitschrift ins Englische zu übersetzen.

Zum Fest erscheinen zwei mit "Erste Wahl" betitelte Anthologien und ein weiterer Sammelband von Isabelle Graw-Texten. Was macht für Sie die optimale Kunst-Kritik aus? Worauf achten Sie, wenn Sie sich mit Texten beschäftigen?

Beckstette: Es muss eine Position, eine Stimme erkennbar sein, die sich in dem Text manifestiert. Eine Besprechung darf nicht rein beschreibend sein und schlicht Referenzen aufzählen. Wichtig ist mir, dass künstlerischen Positionen kritisch reflektiert werden, dass man lieber einen Schritt zurückgeht und schaut: Was wird da eigentlich auf der formalen und inhaltlichen Ebene genau verhandelt und aus welcher Motivation? Was sind die Folgen und was wird damit bedient? Das sind Punkte, die ich in einer Kunstkritik lesen wollen würde.

Rottmann: Dadurch, dass das Heft alle drei Monate erscheint, ist der Produktionsvorlauf relativ lang. Das heißt: Die Leute haben auch relativ viel Zeit, an ihren Texten zu arbeiten und bekommen sie nach Abgabe auch mehrfach von der Redaktion zur Überarbeitung zurück. Das ist etwas anderes, als wenn man zu einem Pressevorbesichtigungstermin
geht, sich das anguckt und dann zwei Stunden später irgendetwas abgeben muss. Da ist natürlich die Tendenz, etwas deskriptiver zu sein oder das eine oder andere aus der Pressemitteilung unhinterfragt zu übernehmen, wesentlich größer. Und offensichtlich sind die Texte im Heft auch viel länger als in Tageszeitungen, was zum Teil in der
Redaktion zu Verzweiflung führt, weil es nicht selten so ist, dass Ausstellungsbesprechungen dreimal länger sind als ursprünglich vereinbart.

Es gibt ja auch den Vorwurf, akademisch und verkopft zu sein.

Rottmann: Ist mir lieber als lieber als populistisch und unreflektiert. Und mir war immer sehr bewusst, dass einige Texte so anspruchsvoll sind, dass auch ich sie mehrfach oder portionsweise lese.

In der Film- oder Popkritik etwa gibt es im Blogzeitalter keine kritischen Autoritäten mehr – warum ist es in der Kunstkritik bislang nicht zu einem derartigen Effekt gekommen?

Beckstette: Schwer zu sagen. Vielleicht liegt das an der Art und Weise, wie über Kunst gesprochen wird, was die Organe sind, in denen über Kunst geschrieben wird und wer die Leute sind, die das dann rezipieren. Modeblogs haben den Modejournalismus grundlegend verändert. Dort geht es aber auch um eine gewisse Art von Geschwindigkeit, mit der Trends ausgerufen werden, und auch um eine Individualisierung. Vielleicht lässt sich dieser Ansatz nicht auf die
Kunstkritik übertragen. Bei den Modeblogs ist kritische Reflexion – mit einigen Ausnahmen - relativ selten: In erster Linie geht es darum, welchen Style man auf der Straße oder dem Laufsteg gesehen hat, welche Dinge man in dieser Saison interessant findet. Das funktioniert bei Kunstkritik nicht. Natürlich könnte man über eine Messe oder durch die Galerien laufen, Fotos machen und anschließend ins Netz stellen. So etwas passiert ja auch. Aber Kunstkritik fordert
immer auch eine Form von inhaltlicher Auseinandersetzung. Die Mechanismen unterscheiden sich also. Das Fan-Sein, das etwa für die Popkritik an einem gewissen Punkt wichtig ist, unterscheidet sich
davon, wie man Kunst betrachtet.

Sie stellen die Editionen aus der Heftgeschichte in den Räumen der Sammlung Haubrok aus: Wie hat sich das Verhältnis zwischen Sammlern und dem Heft in den letzten Jahren verändert, wie verhält sich das Magazin zum Markt?

Beckstette: Als das Heft 1990 – also im Prinzip nach dem Kunstmarkt-Boom – gegründet wurde, wurden von Anfang an Galerienausstellungen gleichberechtigt mit Museumsausstellungen besprochen. Es ist also nicht so, dass die Gründer sich darauf kapriziert hätten, was in den Museen passiert. Schon damals hat man erkannt, dass ein wichtiger
Teil der Gegenwartskunst auf dem Feld der Galerien und damit im Kunstmarkt stattfindet.

Rottmann: Kritik ist eine Wert bildende Instanz ist. Entsprechend funktioniert auch "Texte zur Kunst" nicht unabhängig vom Markt. Sonst gäbe es ja auch keine Editionen und keine Anzeigen.Trotzdem versucht man sich gerade über die Editionen und Anzeigen den Freiraum zu schaffen, auch Einspruch einzulegen, wenn man glaubt dass bestimmte
Marktphänomene kunsthistorisch oder kunstkritisch irrelevant sind – auch nur eine bestimmte Ausstellung nicht die Erwartungen erfüllt hat. Mit den Konsequenzen muss man dann gegebenenfalls leben!

Wo stehst du Kollege? Kunstkritik als Gesellschaftskritik

Symposium imHebbel am Ufer (HAU), Stresemannstraße 29, Berlin; Die Ausstellung "Mit Deiner Kunst, Editionen 1990-2010" in der Sammlung Haubrok, Strausberger Platz 19, Berlin

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