Die Zukunft - Halle/Leipzig

Jeder vierte Passagier ist ein US-Soldat

Ein Kunstprojekt im Rahmen des Festivals "Theater der Welt", das die militärische Nutzung des Flughafens Halle/Leipzig aufdeckt, wurde verboten. art sprach mit einem der Künstler, Jan Wenzel, über ominöse Fluglinien und GIs auf der Durchreise.
Brisantes Kunstprojekt verboten:Künstlerkollektiv deckt Flughafenskandal auf

Die verbotene Wandarbeit ist jetzt in bearbeiteter Form auf dem Gelände der Baumwollspinnei zu sehen

Das Wandbild des Leipziger Künstlerkollektivs erzählt die Geschichte einer wundersamen Verwandlung: Ein amerikanischer Soldat wird eingezogen. Er bekommt eine Uniform, steigt in ein Flugzeug und landet als Zivilist am Flughafen Halle/Leipzig. Dort wird er verköstigt und fliegt dann weiter an seinen Bestimmungsort – wo er schließlich wieder als Soldat in Kampfhandlungen verwickelt wird.

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Strecken Teaser

Als die Künstler und Publizisten Jan Caspers, Anne König, Vera Tollmann und Jan Wenzel dieses Bild, das für das Kunstprojekt "AusFlughafenSicht" entstanden war, bei einem Treffen vorstellten, "dauerte es keine drei Minuten", erinnert sich Jan Wenzel, "da kam das Veto vom Flughafen, dass das nicht gezeigt werden kann". Und es blieb dabei. Die Wandarbeit, die für den Ort zwischen Check-In und Abflughalle gedacht war, durfte nicht realisiert werden. Auch der zweite Teil der Arbeit, eine Zeitung mit dem Titel "Was du wissen solltest (Die Zukunft)", in der auch Flughafenkritiker zu Wort kommen, wurde verboten.

Dabei hatten die Künstler viel Zeit in diese Arbeit investiert. Sie waren von den Kuratoren des Festivals "Theater der Welt", einem großen internationalen Theaterfestival, das von 19. Juni bis 6. Juli in Halle stattfand, eingeladen worden an einem Workshop in Kursdorf teilzunehmen, bei dem es um die Zukunft der Flughafenregion und seiner lärmgeplagten Bewohner gehen sollte. "Ausgehend von diesem Workshop wollten wir eine künstlerische Dokumentation entwickeln", erzählt Wenzel. Bei den Recherchen vor Ort sind den Künstlern dann Flugzeuge von "World Airways" aufgefallen – einer Fluglinie mit auffällig hoher Präsenz am Flughafen Leipzig/Halle, von der aber keiner bisher etwas gehört hatte.

"Verwischung von Militärischem und Zivilem"

Bei den darauf folgenden Nachforschungen sind Wenzel und seine Mitstreiter dann über den Kontakt zu Flughafenkritikern wie Lutz Metzger von der Aktionsgemeinschaft "Flughafen Nato-Frei" der ominösen Fluglinie auf die Spur gekommen. "World Airways" ist ein Privatunternehmen im Auftrag des amerikanischen Militärs, das die Überführung von GIs leistet. "In den letzten zehn Jahren wurden in Amerika, aber auch in Deutschland, Teile der militärischen Aufgaben an Privatunternehmen abgegeben. Das hat dann natürlich eine Verwischung von Militärischem und Zivilem zur Folge", sagt Wenzel.

Das große Problem sei dabei, dass es in dem Moment, wo diese Unterscheidung verschwimmt, schwierig werde, bestimmte demokratische Kontrollmechanismen greifen zu lassen. "Diese Fluggesellschaften fliegen zwar im Auftrag des Pentagons, sind aber unternehmensrechtlich Zivilgesellschaften und müssen daher nicht über ihre Kunden Auskunft geben. Das ist eine Argumentation, die sich der Flughafen dann auch in den letzten Jahren zu Eigen gemacht hat, um keine Informationen über die militärische Funktion an die Öffentlichkeit zu geben, der er ausfüllt." Fluggesellschaften wie "World Airways" würden sich nach außen als zivile Fluggesellschaften ausgegeben, aber, da es in Leipzig eine Nachtflugbeschränkung für Passagierflugzeuge gibt, würden sie bei Anbruch der Dunkelheit als Militärflüge etikettiert, um in dieser Zeit trotzdem eine Flugerlaubnis zu bekommen.

Fragwürdige Nutzung der öffentlichen Infrastruktur

"Jeder vierte Passagier in der offiziellen Passagierstatistik ist mittlerweile ein US-Soldat", sagt Thomas Pohl, Vorstandsmitglied der "IG Nachtflugverbot Leipzig/Halle e.V." im Gespräch mit den Autoren der Künstlerzeitung. Jan Wenzel macht darauf aufmerksam, dass im Zuge der Geheimhaltungspolitik des Flughafens dessen militärische Nutzung in der städtischen Öffentlichkeit überhaupt kein Thema bisher gewesen sei. In den Medien werde nur über das Transportdrehkreuz Leipzig berichtet. "Über das Militärdrehkreuz findet man in den Artikeln nicht ein einziges Wort."

Nachdem das Projekt nicht in geplanter Form ausgeführt werden konnte, versuchen die Künstler dieses Kommunikationsdefizit des Flughafens auf andere Wege zu überbrücken. Das Wandbild, das auf eine Größe von 30 Metern angelegt war, wird nun in bearbeiteter Form auf einem Display vor der Dogenhaus Galerie auf dem Gelände der Baumwollspinnerei in Leipzig gezeigt. Mit dem Entwurf eines länglichen Plakatbands und den an verschiedenen Orten in Halle und Leipzig ausgelegten Zeitungen habe man "eine Präsentationsform gefunden, die auch im städtischen Kontext funktioniert", glaubt Wenzel. Eins ist sicher: Das Projekt hat viele Menschen auf die fragwürdige Nutzung einer öffentlichen Infrastruktur aufmerksam gemacht, entscheidender noch: Es hat fruchtbare Diskussionen unter den Bürgern in Halle und Leipzig angeregt, und das ist ganz in Wenzels Sinne, denn für ihn ist Zukunft "etwas, das permanent ausgehandelt wird".