Michaela Meise - Berlin

Eine feste Burg für den Kunsthandel

Johann König lud zum ersten Mal in die Kirche ein, in der er 2013 seine Galerieräume eröffnen will. Neben katholischem Liedgut, ironiefrei vorgetragen, lieferte der Abend eine Ahnung davon, wie König mit dem neuen Domizil in die erste Garde der Berliner Galeristen aufsteigt

Manchmal kann man sich nur noch wundern, mit welcher Geschwindigkeit in der Hauptstadt habituelle Geschmacksmuster wechseln. Gerade noch war es schick, sich in modrigen Kellerlöchern oder einsturzgefährdeten Industrieruinen bei Bass-Musik mit Drogen vollzustopfen. Im nächsten Moment geht es so gesittet zu wie bei einem Ökumene-Workshop auf dem Kirchentag. Von letzterer Qualität war der Mittwoch-Abend in Berlin, als der Galerist Johann König seine Schäfchen in das ehemalige St. Agnes-Gemeindezentrum rief, um sowohl die Vergangenheit wie auch die Zukunft des imposanten Baus des Berliner Architeken und TU-Professors Werner Düttmann aus der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre zu feiern.

König, der im Herbst 2013 im der ehemaligen Kirche des Kreuzberger Gemeindezentrums an der Alexandrinenstraße seine Galerie nach umfangreichen Umbau- und Renovierungsarbeiten eröffnen möchte, genoss es sichtlich, dem Berliner Publikum seine Vision einer weiteren Berliner Großgalerie zu präsentieren. Mit St. Agnes stößt er schließlich in Größenordnungen von Max Hetzler, SprüthMagers oder Contemporary Fine Arts vor. Und es funktionierte nur zu gut: Der Raum, so ein sichtlich beeindruckter Besucher, mache einen "demütig, wütend und melancholisch zugleich". Tatsächlich fühlt man sich im Verhältnis zum wuchtig-präzisen Düttmann-Beton-Brutalismus ziemlich klein – ein Gefühl, welches sich durch die Abwesenheit von Altar, Kreuz, Orgel und Kirchenbänke eher noch verstärkt. Die Macht der Sakralarchitektur lässt sich auch daran ablesen, daß, obwohl es keine Kirche mehr ist, sich Zigaretten oder Bier trotzdem irgendwie falsch anfühlten: da blieb man lieber bei der Bar auf dem Hof.

Kurz nach 22 Uhr trat dann die Berliner Bildhauerin Michaela Meise ins Rampenlicht und schnallte sich eine rote Quetschkommode über, um Kirchenlieder zu singen, wie man sie in jedem guten katholischen Gesangsbuch findet. Die im letzten Jahr erschienene LP mit kunstvoll interpretiertem katholischen Liedgut wird nicht nur in Kunstkreisen heißgeliebt, sondern erntete seinerzeit auch in bei Popkritikern freundliche Zustimmung. Meise, die sich ihre Inspiration für ihre Darbietungen auch bei so verschiedenen weltlichen Interpreten wie Alexandra, Nico, Nana Mouskouri und George Brassens holt, begann ihr Konzert mit "Schönster Herr Jesus", einer Lobpreisung der Schönheit Christi aus dem 17. Jahrhundert. Ihr glockenheller Mädchensporan verriet keine Ironie, keine ästhetische Brechung: "Schön seindt die Blumen / schöner seindt die Menschen / In der frischer Jugendt Zeit / Sie müssen sterben / Müssen verderben / Jesus lebt in Ewigkeit." Und auch das zahlreich erschienene Publikum kicherte nicht, sondern gab sich – mal abgesehen von etwas Flaschengeklirr – geduldig und andächtig der Musik hin.

Es ging also um Glaube, Liebe, Hoffnung, Leben und den Tod. Da war es beruhigend, daß Meise zeitweise nicht alleine auf der Bühne blieb: Für das Duett Preis dem Todesüberwinder nahm der Kunstkritiker und Rockmusiker Dirk von Lowtzow neben Meise Platz, ein andermal kam die Gestalterin Anna Voswinckel auf das Podium, um mit wunderbarer Altstimme Halleluja-Rufe in Meises Darbietung einzustreuen. Nicht nur, weil der Raum bald nach Plänen von Arno Brandlhuber umgebaut werden wird, war es ein einmaliger Abend. Für Mitte September ist in St. Agnes ein großes Tischtennisturnier geplant: Manchmal kann man sich nur noch wundern, mit welcher Geschwindigkeit in der Hauptstadt habituelle Geschmacksmuster wechseln.

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