JR - Baden-Baden

Oui!

Ja, dieser Franzose ist ein genialer Künstler, auch wenn keiner seinen Namen kennt. Unter dem Kürzel JR plakatiert er mit riesigen Porträts die Slums von Rio oder die U-Bahn von New York. Jetzt erobert er die Museen – bis zum 29. Juni sind seine Arbeiten im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen.

Das Jahr 2014 hat schlecht angefangen. In der Silvesternacht wurde JR in Paris verhaftet, nicht zum ersten Mal, aber es war anders als sonst.

Mit Freunden war der mysteriöse Fotokünstler über die Dächer der Stadt geturnt, wie er das gerne tut, auch wenn es verboten ist. In Paris ist die Traufhöhe einheitlich, dem Urbanisten Baron Haussmann sei Dank, und man kann von Haus zu Haus hüpfen, erst recht, wenn man wie JR einen Universalschlüssel der französischen Post bei sich trägt, der sonst nur für Briefträger gedacht ist. Dieser knackt fast alle durch Zahlencodes gesicherten Wohnburgen. Einmal im Haus, spaziert JR die Dienstbotentreppe hoch in den obersten Stock, öffnet eine Luke zum Dach – und kann den Himmel von Paris mit Fingern greifen.

Nur dass er diesmal erwischt wurde. Ein misstrauischer Anrainer alarmierte wegen der angeblichen Diebe die Polizei, und die traf gleich mit mehreren Streifenwagen ein. Von oben beobachtete JR, wie sie eingekesselt und die Fluchtwege blockiert wurden. Schlechtgelaunte Uniformierte brachten sie zur Aufnahme der Personalien nach unten. In Zivil, sprich ohne Hut und Sonnenbrille, hielt JR den Beamten seinen Personalausweis hin – da war er plötzlich weg. Einer der Freunde, zufällig frischgekrönter Weltmeister der Trickkünstler, hatte ihn verschwinden lassen.

Die Verhaftung endete mit einer Nullnummer. Immer mehr Polizisten trafen am Tatort ein, alarmiert von ihren Kollegen, denn diese hatten keinen Geringeren als den weltberühmten Aktions- und Zauberkünstler David Blaine verhaftet, der JR um die illegale Exkursion gebeten hatte, weil er Punkt Mitternacht seiner dreijährigen Tochter ins Schlafzimmer winken wollte. Blaine und seine Kollegen führten vor uniformiertem Publikum einen Zaubertrick nach dem anderen vor, bis die Beamten ihre signierten Armbinden verschenkten und JR für ein Souvenirfoto posierten. Die Persona­lien des Fotografen hatten sie übrigens vergessen aufzunehmen, die Anonymität blieb gewahrt. Mal wieder.

"Diese Polizisten wurden zu Kindern, und das alles wegen ein paar Zaubertricks. Einige hatten sogar Tränen in den Augen. Es war fantastisch – was ich mit riesigem Aufwand versuche, nämlich die Leute direkt anzusprechen, das gelang meinen Freunden mit einem Kartentrick", erzählt der Künstler bei einem Altelierbesuch im Januar. JR ist ein Enthusiast, aber das Abenteuer der Silvesternacht hat ihn nachdenklich gemacht. Dabei ist für Selbstzweifel wahrlich keine Zeit: Im Nebenzimmer warten Vertreter des Kulturministeriums darauf, wie er im Frühjahr die Kuppel des hochoffiziellen Pantheons, in dem nur Heroen der Grande Nation begraben sind, mit Fotos verkleiden will. Das berühmte New York City Ballet im Lincoln-Center plakatiert gerade New Yorks Subway mit seinen Fotos, im Mai soll er, der bekennende Nichttänzer, ein ganzes Ballett kreieren. Nächste Woche beginnt die Hängung einer Museumsschau in Texas, danach bespielt JR das Museum von Frieder Burda in Baden-Baden – und die halbe Stadt gleich mit.

Aber zaubern kann er nicht, und das gibt ihm zu denken. Auch er möchte Erwachsene wieder zu Kindern machen und dadurch ihren Blick auf die Mitmenschen entschärfen. "Veränderst du die Sicht auf die Welt, dann veränderst du auch die Welt", so sein Credo, das er mit Ernst von sich gibt, während er auf einer Leiter dem art-Fotografen für ein Porträt posiert. Überall im Atelier in einem Hinterhof des 20. Pariser Bezirks hängen seine Fotos, neben Landkarten und Souvenirs wie jenen Maschinenpistolen aus Pappmaché, mit denen sich die Kinder in brasilianischen Favelas bekriegen.

Das Leben ist ein ernstes Spiel, und JR schafft es, spielerisch daraus ernste Kunst zu machen. Gerade mal 31 Jahre jung, ist der französische Aktionskünstler, dessen Initia­len übrigens für seinen wahren Namen stehen, ein Superstar. In Museen von Shanghai bis Abu Dhabi ist er ebenso zu Hause wie am Times Square oder in den Favelas von Rio, er bespielt in São Paulo das Bankenzentrum und in Kenia die Barackenstadt Kibera. In die kehren er und seine Assistenten übrigens jedes Jahr zurück, denn JR glaubt an Nachhaltigkeit – auch in der Kunst. Den Stempel "Street Artist" hat er als Kommerzklischee schon immer abgelehnt, stattdessen nannte er sich eine Zeitlang einen Urban Activist, doch auch davon ist er inzwischen wieder abgekommen. "Aktivisten haben eine politische Botschaft, ich nicht. Und ich habe, im Gegensatz zu humanitären Aktivisten, das Recht zu scheitern." Deshalb nennt JR sich jetzt schlicht Künstler.

Das vollständige Porträt von JR lesen Sie in der aktuellen art, jetzt am Kiosk.

JR

Museum Frieder Burda, Baden-Baden, bis 29. Juni 2014
http://www.museum-frieder-burda.de/Ausstellungen.9.0.html

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