David Shrigley - Interview

Unsinn ist unvermeidbar!

Irgendwo zwischen albern und abgründig siedeln die Arbeiten des schottischen Zeichners David Shrigley. Im Eichborn Verlag erschien jetzt sein erstes Buch in deutscher Übersetzung: "Äh... was machst du da eigentlich?". art sprach mit dem Künstler über Zeichenkurse, Politik und deutsche Witze.
Unsinn ist unvermeidbar:David Shrigley über deutsche Witze

Aus dem Buch "Äh ... was machst du da eigentlich?: The Essential David Shrigley", Frankfurt am Main, 2010

Herr Shrigley, wie oft hören Sie die Frage, ob sie richtig zeichnen können?

Ziemlich oft. Vor ein paar Wochen habe ich einen Aktzeichenkurs besucht, wo ich zu den Schlechtesten gehörte. Das hat mir wieder einmal gezeigt, dass ich mich für diese Art zu zeichnen nicht interessiere.

Was macht Ihre Arbeit dann zu Kunst?

Ich will niemanden belehren, habe keine bestimmte politische Absicht, meine Arbeiten passen in keine andere Kategorie. Also denke ich, dass es Kunst ist.

In Ihren Zeichnungen kommen oft Tiere vor: Pinguine mit einem Pfeil in der Brust, Katzen oder Vögel ohne Kopf zum Beispiel. Sind ihre Arbeiten moderne Fabeln?

Nicht bewusst. Ich zeichne Dinge, die leicht zu erkennen sind, damit die Leute wissen, was sie darstellen sollen. Manchmal fange ich mit einer Liste an, auf der zum Beispiel "King Kong", "Hund" oder irgendwas mit Sex steht. Wenn ich dann beginne, diese Sachen zu zeichnen, passieren die interessanten Dinge. Warum es Tiere sind, weiß ich nicht. Warum sie oft kopflos sind, erst recht nicht – darüber müsste ich wahrscheinlich mit einem Psychologen reden, um es herauszubekommen.

Also zeichnen Sie assoziativ aus Ihrem Unterbewusstsein?

Ja, oft.

Wie gehen Sie dabei vor?

Ich beginne mit einem leeren Blatt, fülle es, und an einem bestimmten Punkt muss ich sichergehen, dass das Bild nicht zu viel, aber genug Informationen enthält. Das ist das Geheimnis einer guten Zeichnung.

Gibt es gegen Ihren comicartigen Stil Vorurteile, die besagen, dass dieser nicht zur bildenden Kunst gehört?

Ja, aber wahrscheinlich nur bei Leuten, die eine vollkommen andere Art von Kunst mögen. Es gibt Raum für alles in der Welt der Bildenden Kunst, und ich will und kann auch nicht universell beliebt sein, mit dem was ich tue. Aber ich habe keinen Grund, mich zu beschweren.

"Äh... was machst du da eigentlich?" ist Ihr erstes Buch, das ins Deutsche übersetzt wurde. Warum dieses?

Weil mich jemand gefragt hat und ich ja gesagt habe. Ich kann zwar nur ein paar Worte deutsch, aber die meisten meiner deutschen Freunde meinten, dass es gut übersetzt worden ist.

Würden Sie sagen, dass Ihre Werke den typischen schwarzen Humor der Briten haben?

Ich bin Brite, habe mein ganzes Leben in Großbritannien gelebt, also denke ich, dass auch mein Humor britisch ist.

Und kennen Sie auch einen deutschen Witz?

Die wenigen Male, die ich mit Deutschen unterwegs war, bei denen fast nur deutsch gesprochen wurde – was nicht oft passiert, denn normalerweise entschuldigen sich die Deutschen, wenn sie deutsch sprechen, was sehr komisch ist – haben sie mir mal einen Witz übersetzt, den sie sich erzählt hatten. Durch die Übersetzung erhielt er eine fast surreale Komik: Am Morgen steht ein Mann auf und geht ins Badezimmer. Er schaut sich selbst im Spiegel an und sagt: "Den kenne ich nicht, also werde ich ihn auch nicht waschen." Ich habe nicht sofort gelacht, aber als ich 30 Sekunden darüber nachgedacht habe, wurde er lustig. Er hat mir bewusst gemacht, dass alles in einem Kontext existiert, und wenn man den Kontext leicht verändert, verschiebt sich die Bedeutung radikal. Ich mag Dinge, die nicht lustig sind. Aber noch mehr mag ich Sachen, die nicht lustig sind, obwohl sie es sein sollen.

Würden Sie Ihre Kunst als politisch bezeichnen?

Manchmal. In meiner Arbeit kommt Kritik, Satire, soziale Komik und manchmal auch einfach nur Quatsch vor. Sie hat eine politische Dimension, soll aber kein Manifest für eine bessere Gesellschaft sein.

Sie haben gerade einen Kurzfilm gegen die Kürzungen von Kulturgeldern in Großbritannien gemacht.

Ja, aber das war im Zusammenhang mit der Kommission gegen die Kürzungen. Außerdem mache ich Zeichnungen für den "New Statesmen" ein leicht linkes Magazin, in denen ich Leute wie Blair, Brown oder Cameron auf die Schippe nehme.

Und welche Rolle spielt der Quatsch?

Unsinn ist unvermeidbar, es gibt ihn überall im Leben. Man muss nur die Balance halten zwischen Sinn und Unsinn. Der Mix macht es.

Lachen Sie eigentlich über Ihre eigenen Werke?

Ja, manchmal, wenn ich sie mache oder wiederentdecke. Aber ich schaue mir meine alten Bücher nicht an und lache dabei hysterisch.

Ihre Zeichnungen wirken wie spontane Kritzeleien. Wie lange brauchen sie für eine?

Alle Zeit, die zur Verfügung steht. Aber sie sind das, wonach Sie aussehen – es steckt keine trügerische Technik dahinter, die Stunden in Anspruch nimmt. Ich zeichne sehr schnell, produziere viel, schmeiße auch viel weg, mache mir währenddessen jedoch viele Gedanken.

Gibt es für Sie Ästhetik in der Hässlichkeit?

Ja, ich mag hässliche, krude Dinge. Ich mag auch Zeichnungen von Leuten, die nicht sehr gut zeichnen können. Wahrscheinlich, weil ich es auch nicht kann.

Haben sie auch schon als Kind gemalt?

Sehr gern, und ich male noch immer auf die gleiche Art. Seit ich 13 oder 14 war, wollte ich Künstler werden. Aber da wusste ich noch nicht, dass man davon leben könnte. Ich wollte eher Plattencover für die Band „Adam and the Ants“ machen.

Und wo ist der Unterschied zu heute?

Jetzt bin ich mit Sicherheit ein besserer Künstler, als ich es als Kind war. Aber ich mochte es schon immer, Seiten mit Zeichnungen und Wörtern zu füllen. Es ist eine lebenslange Obsession.

Einmal sagten sie, dass sie ein ekelhafter Mensch mit einem Sinn für Humor seien. Wann waren sie das letzte Mal so richtig gemein?

Ich bin gar nicht so gemein. Als ich das gesagt habe, muss ich schlechte Laune gehabt haben. Ich kann ekelhaft werden, aber nur zu Leuten, die es verdienen. Welche, die mich anrufen und mir Dinge andrehen wollen zum Beispiel. Aber auch dann bin ich eher sarkastisch als unhöflich oder gemein.

Wo sind die Grenzen für Ihren Sarkasmus?

Wenn man Kunst macht, dann gibt es keine Grenzen, wenn man sie veröffentlicht, dann schon – dann habe ich die Verantwortung, niemanden zu sehr zu verletzen.

Wenn Sie als Tier wiedergeboren werden würden und sich eine Art aussuchen könnten, für welche würden Sie sich entscheiden?

Einen großen Vogel, einen Albatros. Für Segler ist der Albatros ein Zeichen für Unglück. Ich könnte einfach über den Ozean fliegen, ein Schiff sehen und alle Leute auf dem Schiff würden sagen: Oh nein! Ein Albatros!

"Äh... was machst du da eigentlich?"

Eichborn Verlag, 24,95 Euro
http://www.eichborn.de/