Art Boy 2010 - Nackte Kunststudenten

Projektionsfläche für Phantasien

Die Hamburger Kunststudentin Verena Issel, 27, hat zwölf ihrer männlichen Kommilitonen für ihr Kalenderprojekt "Art Boy 2010" ausgezogen. Ein Gespräch über Erotik, Kunst und die Krise.
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Frau Issel, ist Ihr Kalender Kunst, Gag oder Masturbationsvorlage?

Verena Issel: Kunst ist theoretisch immer eine Art Masturbationsvorlage – für Sammler wie für alle Betrachter. Und wenn mein Kalender nicht ernst genommen wird, dann habe ich damit auch kein Problem: Das werden viele andere Künstler auch nicht. Ich finde, Kunst darf Spaß machen. Sie kann trotzdem etwas Ernstes oder Weitergehendes transportieren. Das ist für mich eines der Merkmale von Kunst. Aber ich meine das wirklich ernst mit dem Kalender. Für mich ist das eine künstlerische Arbeit. Kunst ist ein Seismograph, der auf die Gegenwart reagieren sollte. Und das tun die Art Boys.

Nackte Studenten als Gesellschaftskritik?

Der Aufhänger war für mich die Wirtschaftskrise. Ich wäre wahrscheinlich vor zwei Jahren nicht drauf gekommen. Und ich beschäftige mich in meinen sonstigen künstlerischen Arbeiten auch nicht mit Erotik. Aber der Kunstmarkt hat die Krise sehr deutlich gespürt. Viele von meinen Freunden haben ihre Galerien verloren, verkaufen keine Werke mehr. Und deshalb müssen sich die Künstler jetzt ausziehen, im übertragenen Sinne! Die einzige Branche in Deutschland, der es noch relativ gut geht, ist die Erotikbranche. Also warum sollte ich mich jetzt hinsetzen und kleine Bildchen malen? Ich sehe den Kalender als einen konzeptuellen Kommentar zur Gegenwart.

Eignen sich Künstler überhaupt für sexuelle Phantasien?

Alles und nichts taugt für sexuelle Phantasien. Es gibt wahrscheinlich auch Menschen, die finden Helmut Kohl erotisch. Aber Künstler bieten schon eine große Projektionsfläche, weil sie selbst Phantasien entwickeln und durch ihre Arbeit die Phantasie anregen. Und auch als Mensch: Bestimmt denken viele, das ist so ein Freigeist, der ist bestimmt viel offener.

Im Pressetext heißt es: "Dem männerdominierten Kunstmarkt sei hiermit ein Kalender hinzugefügt, der vieles erklärt und geraderückt." Was genau rückt der Kalender denn gerade?

Ich komme eigentlich aus Norwegen, dort ist man viel gleichberechtiger. Man kann eine stark geschminkte Politikerin sein und tiefe Dekolletés tragen, ohne dass sich daran jemand stört. Ich bin keine Feministin im wörtlichen Sinne, habe aber einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Und an der Hochschule sind wir bestimmt rund 70 Prozent Studentinnen. Aber wenn man sich den Kunstmarkt anschaut, dann gibt es nur sehr wenige Künstlerinnen. Deshalb wollte ich mal etwas für uns Frauen tun. Und deshalb würde ich auch keinen "Art Girl"-Kalender machen. Das würde an Biss verlieren. Als Frau ist man sowieso schon viel öfters in der Rolle des Objekts. Aber ich wüsste gar nicht, wo ich mir in Hamburg eine geschmackvolle Wichsvorlage besorgen könnte.

Und wer ist nun eigentlich der erotischste Künstler Deutschlands?

Das ist natürlich mein Freund, der auch Kunst an der HFBK studiert. Er ist übrigens der Dezember-Boy.

"Art Boy 2010"

12 Kalenderblätter, 4-farbig, 21 Euro, Textem Verlag 2009. Idee und Konzept: Verena Issel; Fotografie: Kathrin Brunnhofer; Fotografie des Oktobermodells: Fabienne Mueller; Gestaltung und Druckproduktion: Julia Gordon
http://www.textem.de/1865.0.html

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