Tracey Emin - Strangeland

Kunst, Liebe, Sperma

Intime Installationen und erotische Enthüllungen: Die britische Skandalkünstlerin Tracey Emin, 46, zelebriert ihren exzessiven Exhibitionismus jetzt auch in einer Autobiographie. art präsentiert exklusiv zwei Kapitel aus ihrem heute in Deutschland erscheinenden Buch "Strangeland" – und das Kunstmuseum Bern zeigt Emins erste Einzelausstellung in der Schweiz.
Kunst, Liebe, Sperma:Tracey Emins Autobiographie "Strangeland"

"Mein Leben war mir zu wichtig, als dass ich es mit dem Versuch, Kunst zu machen, in einzelne kleine Stücke zerhacken wollte", schreibt Tracey Emin in ihrer Autobiographie

Kunst ist für mich wie ein Geliebter – dessen Liebe allein nie gut genug ist

Anfang 1992 war ich mit meiner Kunst am Ende. Ein harter Schnitt: Teil einer emotionalen Selbstauflösung, bei der ich versucht habe, alles hinter mir zu lassen, was ich liebte, ohne dass ich dabei zurückgeliebt wurde.

Eine destruktive Zeit. Aber auch eine Zeit der Offenbarung. Ich war achtundzwanzig. Die letzten sieben Jahre hatte sich mein Leben ausschließlich um die Akademie und um Kunst gedreht. Ich konnte einen erstklassigen Abschluss vorlegen und verbrachte drei Jahre mit dem Versuch, Werke von möglichst großer Schönheit zu schaffen, nur um zu dem bitteren Schluss zu kommen, dass ich niemals eine bedeutende Künstlerin werden würde. Mein Leben war mir zu wichtig, als dass ich es mit dem Versuch, Kunst zu machen, in einzelne kleine Stücke zerhacken wollte. Das war der Grund, warum ich gescheitert war.

Im Juli 1992 sollte es mit dem Versagen genug sein, und ich begann mich auf das zu konzentrieren, was ich wirklich zu können glaubte. Gleich einem verwundeten Vogel richtete ich mich wieder auf; die Erfahrung des Scheiterns wurde zu meiner neuen Basis.

Ich war überzeugt, dass es etwas gab, worin ich gut war, und deshalb verschickte ich feierlich achtzig Briefe: Ich lud Leute dazu ein, zehn Pfund in mein kreatives Potenzial zu investieren. Im Gegenzug würde jeder vier Briefe bekommen, drei offizielle und einen persönlichen. Innerhalb des ersten Monats erhielt ich sechzehn Antworten, und bald hatte ich vierzig Förderer.

Ich wünschte mir nur, dass dein Sperma auf meinem Gesicht trocknet

Ich träumte davon, gefickt zu werden. Ich meine, richtig hart. Eine Hand auf meinem Hinterkopf drückte mich tief ins Kissen.

Ich habe es satt, es mir selbst zu machen. Habe mein begrenztes Vorstellungsvermögen satt, das immer mehr überhand nimmt und nur noch von einer Fantasie zur nächsten wandert:

Die Knarre an meinem Kopf. Ich sitze auf einem Stuhl. Und als er auf mein Gesicht kommt – BANG – ist da nichts, nur eine weiße Fläche. Sie macht es sich mit einem Besenstiel. Ich ertappe sie dabei in flagranti, aber sie macht einfach weiter. Es erregt sie nur noch mehr.

Sie küsst mich, mit ihrem kleinen, offenen Mund. Sie hat rote lange Haare, kristallblaue Augen: Sie ist ein irischer Traum. Dann die Frauen aus den 30er-Jahren in üppiger schwarzer Unterwäsche und kurzen Strümpfen. Die Cowboys. Mit echt großen Schwänzen. Die sich gegenseitig ficken. Ich beobachte ihre Hände, die sich an der Bar festklammern.

Es ist still, kein einziges Geräusch. Als ob ich unsichtbar wäre und gerade eine andere Welt betreten hätte.
Ich sitze auf einem Pferd, das sehr schnell galoppiert. Schneller, als ich mich je vorwärts bewegthabe. Der Himmel ist wüstenblau. Ich trage Jeans, meinen üblichen schwarzen BH, kein Shirt. Meine Füße stecken in uralten Cowboystiefeln. Meine langen Haare fliegen hinter mir im Wind. Ich reite der Sonne entgegen, hinter mir eine Staubwolke. Und als ich hinter dem Horizont verschwinde, werfe ich lachend meinen Kopf zurück.

Ich höre mich selbst schreien:
"Yee-ha!"

"Tracey Emin"

"Strangeland": Autobiographie, 240 Seiten, Blumenbar Verlag, 17,90 Euro. Buchpräsentation und Lesung mit Tracey Emin: Freitag, 20. März, 20 Uhr, Clärchens Ballhaus, Auguststraße 24, Berlin. Ausstellung: "Tracey Emin: 20 Years", 19. März bis 21. Juni, Kunstmuseum Bern
http://www.blumenbar.de/buch.php?id=70

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