Gib mir fünf! - Tipps der Woche

Die fünf Tipps der Woche

Jede Woche stellen wir Ihnen Kunst-Höhepunkte vor, die Sie sich nicht entgehen lassen sollten. Diesmal: Die neue "Streetart-City" Lüneburg, unerotischer Tiersex und eine riesige Ai Weiwei-Ausstellung.

Düsseldorf: Isabella Rossellini. Green Porno

Wie "porno" kann ein Tierfilm sein? Nun, zumindest die meisten Menschen finden die Zweimeter-Erektion eines Wales nicht besonders erotisch. Aber darum geht es in Isabella Rossellinis Regiedebüt auch nicht. Vielmehr spielen die 18 Kurzfilme namens "Green Porno" (von 9. bis 11. Oktober im NRW-Forum Düsseldorf) mit der Scham, die manche Zuschauer wohl bei den ungeschönten Szenen reiner Fortpflanzung empfinden – möchten sie doch nur ungern an ihre Abstammung vom Tier und an die eigene Triebhaftigkeit erinnert werden.

Die Hauptrolle spielt Rossellini in den einminütigen Tiersexfilmen übrigens immer selbst. Eigentlich kennt man die Schauspielerin ja eher als geheimnisvolle Schöne, wie in David Lynchs Klassiker "Blue Velvet". Anders hier: Zwischen kunstvoll-absurden Kulissen aus Pappmaché erklärt sie die unterschiedlichsten Paarungsweisen ganz ungeniert und ist dabei mal als Thunfisch, mal als Garnele verkleidet. Gut, die Paarung von Shrimps oder Sardellen ist in unseren Augen vielleicht unromantisch, doch darum gerade ist sie auch so unkompliziert. Der Seestern braucht zur Vermehrung noch nicht einmal einen Partner, denn er teilt sich einfach und erschafft so einen Nachkommen.

Hamburg: Norbert Schwontkowski. Wie die Herde zusammenhalten – wie den Tieren die Wolle nehmen

Fünf kommen, vier gehen. Es gibt Veränderungen an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg: Marie-José Burki, Professorin für Videokunst, Wilhelm Körner, Professor für Fotografie, Michael Haller, Professor für Medienökologie, sowie Norbert Schwontkowski, Professor für Malerei, verlassen die HFBK zum neuen Studienjahr. Schwontkowski will künftig wieder mehr als Maler statt als Dozent arbeiten. Zum Abschied zeigt er bis zum 17. Oktober die Werkschau "Wie die Herde zusammenhalten – wie den Tieren die Wolle nehmen" mit ausgewählten Arbeiten der vergangenen 20 Jahre. So das große Ölbild, dem auch der Ausstellungstitel entlehnt ist. Darauf ist ein Schäfer zu sehen, der eine Decke über dem Kopf trägt und blind neben seiner Herde steht. Alle Schafe tragen Namen großer Künstler wie Goya, Bosch oder Rembrandt auf dem Rücken. Die Farben, die der Künstler aus Leinöl und Pigmenten selbst gemischt hat, sind grau, braun und beige. Die Szene wirkt trostlos; man kann darin eine Anspielung auf Kunstdozenten sehen, die ihre Schüler leiten und auf den Kunstmarkt vorbereiten sollen, deren eigenen Stil aber nicht erkennen. An die Stelle des Dozenten für Malerei tritt übrigens Anselm Reyle, der Schwontkowski bereits im Sommersemester vertreten hat. Und auch sonst gibt es zum neuen akademischen Jahr nicht nur Abschiede, denn vier weitere neue Professoren (Friedrich von Borries, Jeanne Faust, Matt Mullican, Florian Waldvogel) werden zum Semesterbeginn an die HFBK kommen.

Lüneburg: ARTotale. Eine Stadt wird zum Kunstwerk

Lüneburg, ein Zentrum der internationalen Streetart-Szene? Ja, zumindest seit dieser Woche, denn 38 Künstler aus vier Kontinenten bemalen, besprühen und bekleben schon seit Tagen die Wände und Straßen der Hansestadt. Künstler wie Loomit, Akim, Swoon, Brad Downey und Victor Ash geben dem kleinen Lüneburg so einen richtig urbanen Flair. Der Portugiese Ash, der besonders durch seine riesigen, fotorealistischen Astronauten-Graffiti bekannt wurde, hat in der Innenstadt einen 16 Meter hohen Elefanten über eine komplette Hauswand gesprüht. Die Arbeiten der New Yorkerin "Swoon" dürften auch schon vielen Menschen aufgefallen sein, denn ihre meist lebensgroßen Zeichnungen von nachdenklich wirkenden Frauen und Männern findet man in vielen Großstädten. Auch in Lüneburg gestaltet sie so genannte Cut-Outs, filigran gearbeitete Papierfiguren, die sie mit Kleister an die Wände klebt. Auch Brad Downey, der durch seine gekonnten Zweckentfremdungen und Manipulationen an Alltagsobjekten wie einer Telefonzelle voller Luftballons oder "schwangeren" Straßenschildern von sich reden machte, hat eine komplette Wand gestaltet. Auf knallrotem Hintergrund prangt das McDonalds-Logo in weiß, der Werbeslogan "I’m lovin’ it" ("Ich liebe es") steht darunter. Auch so schafft der Künstler es, zu irritieren: Das Symbol einer Weltmarke mitten zwischen die sonst eher subversiven und konsumkritischen Arbeiten der anderen Urban-Art Künstler zu platzieren. Was hinter den großartigen Kunstwerken fast etwas untergeht: Die "Artotale" ist eigentlich eine Aktion der Leuphana Universität Lüneburg und wird vom Hamburger Sammler Rik Reinking kuratiert. 1200 Erstsemester-Studenten sollen dabei Videos über die Konzepte der Künstler drehen und damit über den Tellerrand ihres Studiengangs hinausschauen. Die Filme werden von Dieter Kosslick, dem Direktor der Berlinale Filmfestspiele, bewertet und ab heute zum Abschluss des Projekts auf der Online-Plattform der Hochschule veröffentlicht.

Hamburg: Dare-Magazin. Ausstellung zum neuen Heft

"Ikonen", der Titel der zweiten Schau des "Dare-Magazins" in diesem Jahr, umschreibt grob die Richtung der vielfältigen Gruppenausstellung. Religiöse Themen werden zwar in einigen Arbeiten aufgegriffen, in vielen Bildern und den teilweise raumfüllenden Installationen sind "Ikonen" dagegen mehr als Sinnbild zu verstehen. Gemeinsam mit der Hamburger Conradi-Galerie zeigt das "Magazin für Kunst und überdies" Arbeiten von zehn Künstlern, die im neuen Heft vertreten sind. So sind Kunstwerke von Wade Guyton, Joyce Pensato, Max Friesinger, Codula Ditz, Dumitru Gorzo, Michael Conrads, Johannes Spengler, Nele Budelmann und Thomas Winkler zu sehen. Die bekannte Frauen-Kunstband "Chicks on Speed" präsentiert ihre trashige Installation "Swimming Pool", ein neonorange-farbenes Plastikbassin, in dem ein Springbrunnen Wasser spendet. Wie viele der ausstellenden Künstler wird bei der Eröffnungsparty am Freitagabend auch Melissa Logan, Mitgründerin der Künstlergruppe, in der Conradi-Galerie anwesend sein. Die Ausstellung wird am 24. Oktober mit der Release Party für die aktuelle Ausgabe abgeschlossen.

München: Ai Weiwei. So Sorry

Die Schlagzeilen reißen nicht ab: Momentan gibt es kaum einen Tag, an dem man nichts über Ai Weiwei liest. Das liegt auch daran, dass der Künstler, der als kreativer Berater beim Stadionbau in Peking und durch seinen Beitrag zur Documenta 12 in Kassel internationale Berühmtheit erlangte, seine Erlebnisse stetig im Internet dokumentiert. Ohne Unterlass berichtet er über das Online-Tagebuch "Twitter" und verschiedene Blogs von Ungerechtigkeiten in seiner Heimat China. Nun stellt Ai im gesamten Haus der Kunst in München Teile dieser dokumentarischen Arbeit, wie selbst aufgenommene Fotos aus dem Krankenhaus, nachdem er von chinesischen Polizisten verprügelt wurde, aber auch Installationen und Einzelstücke aus. Mit riesigen Schriftzeichen aus 9000 Schultaschen steht "Sie lebte sieben Jahre glücklich auf dieser Welt" auf der Fassade des Hauses – ein Ausspruch einer Mutter, die ihr Kind beim Erdbeben in Sichuan verlor und gleichzeitig ein Mahnmal, das auf die Vertuschungsversuche der chinesischen Regierung hinweisen soll. Innen prallt alt auf neu, die Geschichte wird mit Aktuellem konfrontiert und verbunden. So manipulierte er unter Anderem tausendjährige chinesische Antiquitäten und setzt sie in einen neuen Kontext. Eine Amphore bekommt ein provozierendes, rotes Coca-Cola-Logo aufgedrückt, auf einem riesigen Wollteppich (der den darunterliegenden abgenutzten Steinboden originalgetreu nachbildet) liegen 100 Teile uralter chinesischer Bäume wie unliebsame Ereignisse der Vergangenheit, die sich immer wieder neu in die Gegenwart drängen. Die gigantische Ausstellung "So Sorry" ist vom 12. Oktober bis zum 17. Januar im Münchner Haus der Kunst zu sehen.