Kunstfund München - Interview

Schweigen und Wagenburgsmentalität ist schädlich

Monika Tatzkow ist als Expertin für "Nazi looted art" bekannt. Die promovierte Kunsthistorikerin klärt in Archiven von Russland bis in die USA die Herkunft geraubter Bilder auf. Mit art sprach sie über den spektakulären Kunstfund in München.
"Großer Rückschritt":Die lange Geheimhaltung des Münchner Kunstfundes

Expertin für Raubkunst: Monika Tatzkow

Hat Sie der Fund überrascht?

Monika Tatzkow: Nein. In gewissen Kreisen hatte man gehört, dass Raubkunst in dieser Größenordnung – also viele hundert Werke – überdauert hat. Aber dieser Name und München, davon hatte ich nichts gehört. Kunsthistorisch ist das natürlich umwerfend.

Wie oft ist Ihnen der Name Gurlitt vor dieser Woche begegnet?

Der kommt mir bei meinen Forschungen regelmäßig unter. Hildebrand Gurlitt war ein wichtiger Museumsmann, er stand in engem Kontakt zur Gruppe, die Hitlers Linzer Museum plante, und er war einer der vier befugten Kunsthändler, die Kunstwerke aus der Beschlagnahmungsaktion der "Entarteten Kunst" kaufen und verkaufen sollten. Eine der wichtigsten Überlieferungen dieser Aktion, ist die Harry-Fischer-Liste, die weitgehend alle in Deutschen Museen beschlagnahmten Werke auflistet. Dort gibt es keine Seite, auf der "Dr. Gurlitt" nicht vermerkt ist. Zum Beispiel auch die "Landschaft mit Pferden" von Franz Marc, die im aktuellen "Focus" und auf dem Titelseite der "Süddeutschen Zeitung" abgebildet ist. Das Bild stammte vermutlich aus dem Museum Moritzburg in Halle und wurde für 200 Schweizer Franken verkauft – an Hildebrand Gurlitt.

Die 1500 Werke, die jetzt für Schlagzeilen sorgen, wurden ja schon Anfang 2012 entdeckt und fast zwei Jahre geheim gehalten. Wie beurteilen sie die Geheimhaltung?

Ich halte das überhaupt nicht für richtig und sehe das kritisch. Ich kenne seit Jahren die intensive Suche nach Raubkunst aus jüdischem Besitz und die Suche nach von Nazis geraubter Kunst. Während der Suche werden die Familien oft kleiner, Erben sterben – oft ohne, dass wir zu Erkenntnissen über den Verbleib der Kunst kommen konnten, weil es solche Geheimhaltungen gibt. Es wäre wünschenswert gewesen, dass dies nicht so abgelaufen wäre. Trotz laufender Verfahren hätte man informieren können, ohne diplomatische oder juristische Verwicklungen hervorzurufen. Aber der Geheinhaltungstrieb bei den öffentlichen Einrichtungen ist anscheinend sehr ausgeprägt. Dabei erschwert das die Aufklärung.

Welche Folgen kann die Geheimhaltung haben?

Ich befürchte, dass die Verwicklungen jetzt erst recht entstehen - wegen der Geheimhaltung. Wie reagieren Bürger ausländischer Staaten, wenn sie jetzt erfahren, ihnen wurde das verschwiegen? Wie wird die Familie von Paul Rosenberg reagieren, da jetzt anscheinend der Matisse aufgetaucht ist? Das Bild wurde immer wieder veröffentlicht, es war bekannt, wem es gehört und wer danach sucht. In diesem Fall die Familie nicht zu informieren, ist einfach abwegig. Generell steht auch die Frage an: Wie wird denn jetzt informiert? Bislang sind ja nur drei Bilder nebulös genannt.

Was würden Sie sich wünschen?

So schnell wie möglich Zugang zum Archiv der Gurlitt-Geschäftsunterlagen. Und Einsicht der Bilder und ihrer Rückseiten – darauf sind oft die wichtigsten Informationen vermerkt. Alles digital wäre toll, aber das dauert dann ja noch länger.

Warum ist die Veröffentlichung der Unterlagen so wichtig?

Sie liefert viele Puzzlesteinchen. Damit werde Lücken gefüllt über das Schicksal von Bildern. Zum Beispiel was die Sammlung Sophie Lissitzky-Küppers angeht, an der ich arbeite. Mindestens zwei ihrer Bilder sind durch die Hände von Gurlitt gegangen: Klees "Sumpflegende" und Kandinskys "Improvisation Nr. 10". Wenn ich jetzt lese, dass unter den Bildern von Cornelius Gurlitt 200 Werke von Raubkunst sind, dann handelt es sich um einen Bereich, mit dem ich viel zu tun habe. Da erwarte ich wichtige Hinweise von diesen Kunsthändlerüberlieferungen. Regelmäßig höre ich aus dem Kunsthandel, insbesondere dem deutschen, es gebe keine Unterlagen aus den Jahren vor 1945 – alles Kriegsschäden. Nun gibt es einen Fund, der mich kritisch fragen lässt, was es anderswo noch gibt.

Wie geht der Kunsthandel heute mit der Herkunft von Bildern um?


Je wertvoller ein Bild ist, um so genauer sieht man heute hin.

War Hildebrand Gurlitt mehr Retter oder Räuber?

Über seinen Umgang vor 1945 mit jüdischen Eigentümern habe ich relativ wenig Informationen. Dass er die Gunst der Stunde nutzte, um in Museen beschlagnahmte Kunst zu vertickern, ist so wie es ist. Was ich schrecklich finde, ist sein Handeln nach 1945: nichts verlauten zu lassen, stattdessen sogar vom Kriegsverlust zu lügen.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Bundesregierung? Die war über den Fund und seine Geheimhaltung informiert.

Die lange Geheimhaltung in diesem Fall ist ein Rückschritt. Man kann sich nicht hinter laufenden Verfahren verstecken. Das nicht Informieren von Erben und Suchenden erschwert jede faire und gerechte Lösung. Es ist ein Umgang der öffentlichen Hand mit den Betroffenen, der neue Schwierigkeiten nach sich zieht, denn die Wagenburgmentalität ist schädlich.