Leopold-Museum - Wien

Direktor des Wiener Leopold-Museums tritt überraschend zurück

Gerade wurde Tobias Natter für seine Arbeit im Leopold-Museum ausgezeichnet, da trat er zurück. Er hält die Doppelfunktion des kaufmännischen Direktors des Museums für inakzeptabel, denn der arbeitet auch für die Stiftung eines NS-Filmemachers.
"Große moralische Integrität":Leopold-Direktor Tobias Natter tritt zurück

Jetzt gehen sie getrennte Wege: Peter Weinhäupl (links) bleibt im Leopold-Museum. Tobias Natter ist als Museumsdirektor zurückgetreten

Noch am Tag danach herrscht Fassungslosigkeit im Leopold Museum. Montagabend hatte Leopold-Direktor Tobias Natter während einer Preisverleihung verkündet, dass er mit sofortiger Wirkung sein Amt niederlege.

Er könne sich nicht mit der neuen Doppelfunktion seines kaufmännischen Kollegen, Peter Weinhäupl, abfinden, der seit einem Monat der neuen Privatstiftung "Klimt Foundation" vorsteht. Die Stiftung besitzt Gemälde und Zeichnungen Klimts im Wert von 200 Millionen Euro aus dem Erbe eines prominenten NS-Filmemachers: Günter Ucicky war der älteste Sohn unter 14 unehelichen Kindern Gustav Klimts. Er erbte zwar keine Bilder, erwarb sie aber als Sammler während der NS-Zeit. Natter geht mit seinem Rücktritt einer Verwicklung mit der umstrittenen Stiftung aus dem Weg.

Zwei Stunden zuvor hatte Natter dem Vorstand der Leopold-Stiftung noch über eine österreichische Tageszeitung ausgerichtet, er solle sich noch einmal mit dieser "unvereinbaren" Nebenbeschäftigung Weinhäupls befassen. Dann verkündete er seinen Rücktritt. Das Leopold-Museum ist mit über 5000 Werken eines der wichtigsten Museen österreichischer Kunst weltweit, es wird zwar vom Land unterstützt, ist aber eine Privatstifttung. Elisabeth Leopold, Witwe des Museumsgründers Rudolf Leopold, reagierte verärgert: Der Rücktritt Natters sei "feig" und trage nichts dazu bei, die Situation "besser" zu machen. Sie wolle gar nicht wissen, was Weinhäupl in seiner Freizeit mache und mit der neuen Klimt-Stiftung gar nichts zu tun haben.

Kein Wunder, ist die neue Klimt-Stiftung doch mit Restitutionsforderungen beschäftigt und im Kreuzfeuer der Israelischen Kultusgemeinde Österreichs. Die Kultusgemeinde klopft schon dem Leopold-Museum immer auf die ihrer Meinung nach viel zu untätigen Finger. Jetzt fordert sie sogar die Auflösung des Museums. Mit Peter Weinhäupl sitzt im Leopold-Museum jetzt eben auch der Verbindungsmann zur neuen "Klimt Stiftung", die vier Ölgemälde und 10 Zeichnungen Klimts im Schätzwert von insgesamt 200 Millionen Euro schwer ist. Gestiftet wurden sie von Ursula Ucicky, der Witwe von Klimts unehelichem Sohn und in der NS-Zeit erfolgreichen Filmemachers Gustav Ucicky. Damals hat er auch seine Sammlung von Bildern seines Vaters betrieben, auf nicht ehrenhafte Weise, wie ihm etwa der Raubkunst-Verfolger Hubert Czernin vorwarf, der gar von regelrechten "Raubzügen" des Regisseurs in der NS-Zeit sprach.

Das prominenteste dieser belasteten Bilder hat Ursula Ucicky im Zuge einer Privatrestitution noch vor Gründung der Stiftung über Sotheby's verkauft, für kolportierte 120 Millionen Dollar. Ein zweites, das "Bildnis Gertrude Loew" aber, brachte sie in die Stiftung ein, der fast 100-jährige Erbe, der sich bereits Hoffnungen auf eine Einigung über das Porträt seiner Mutter gemacht hatte, starb kurze Zeit später, die Kultusgemeinde meint: aus Gram darüber. Was die "Klimt Foundation" natürlich von sich weist, man habe unter Hochdruck an der Lösung des Falls gearbeitet, in der Stiftungsurkunde werde betont, dass "faire Lösungen" in solchen Fällen erzielt werden müssen. Peter Weinhäupl und der Anwalt der Stiftung, Andreas Nödl, kennen sich aus mit derlei Formulierungen und dem Prozedere, Nödl sitzt für die Familie Leopold auch im Vorstand des Leopold Museums. Diese Verstrickungen werden auch nicht durchsichtiger, wenn man weiß, dass die Geschäftsführerin der Klimt-Stiftung Sandra Tretter ist, bis vor kurzem Kuratorin im Leopold-Museum und Weinhäupls Lebensgefährtin. Sie ist ebenfalls im Vorstand, genauso wie Weinhäupls Bruder, ein Versicherungsberater. Damit ist der Vorstand der Stiftung fest in Familienhänden, durchaus beabsichtigt, sagt Weinhäupl, auch von der Stifterin, der es um Vertrauen ging. Ebenso ging es ihr darum, dass die Bilder öffentlich zugänglich gemacht werden, dass Forschung unterstützt und das Lebenswerk ihres verstorbenen Mannes aufgearbeitet werde.

Natter waren die Verknüpfungen des Leopold-Museums mit der neuen Klimt-Stiftung und für ihn vorhersehbare Interessenskonflikte schlussendlich zu viel. Beide Stiftungen sollen sich schließlich ausdrücklich um die Bedeutung der Kunst des Wiens um 1900 kümmern, beide haben mit kostbarem Leihverkehr zu tun.

Der Vorstand des Leopold Museum konnte Natters Vorbehalte jedenfalls nicht nachvollziehen, gleich nach der Bekanntgabe der "Klimt Foundation" äußerte man sich positiv zu dieser ehrenamtlichen Tätigkeit des kaufmännischen Direktors. Und beschwor die weitere Zusammenarbeit des Direktoren-Duos. Seither schwelt der Konflikt. Am Montag folgte Natter seinem Bauchgefühl und legte seine Tätigkeit nieder. Ein schwerer Verlust für das Haus, Klimt-Experte Natter gilt als würdiger Nachfolger des verstorbenen Sammlers Rudolf Leopold als künstlerischer Leiter des Hauses. Von Kollegen wird Natters schritt gewürdigt, Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder etwa hat "unglaublichen Respekt" vor diesem Schritt, den Natter setzte, ohne zu wissen, wie es danach weitergeht: "Es spricht Mut und große moralische Integrität daraus." Museumsintern dagegen versteht man Natters Welt nicht mehr.

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