Hurrikan Sandy - New York

Katastrophen-Bote Sandy

Galeristen ohne Versicherung, zerstörte Archive und überschwemmte Ausstellungen – Hurrikan Sandy hat die New Yorker Kunstwelt hart getroffen. art-Korrespondentin Claudia Bodin mit einem Stimmungsbericht und einer Schadensanalyse aus Manhattan.
Aufräumen nach dem Sturm:Schadensbilanz in der New Yorker Kunstwelt

Überschwemmtes Inventar: Vor der Eyebeam Gallery auf der 21st Street

Das dröhnende Geräusch der Generatoren hängt über Chelsea. Hurrikan Sandy hat das Galerienviertel wie kaum einen anderen Stadtteil von Manhattan getroffen.

In der Nacht, als der Sturm über die Stadt hinwegfegte, wurden die Wassermassen aus dem Hudson River in die Straßen und in die Galerien gedrückt. Eine Flutwelle rollte durch das Viertel. Die Kunsthändler zwischen der 19th und der 23rd Street erwischte es am heftigsten. Das Hochwasser stieg in einigen Galerien wie bei David Zwirner auf der 19th Street auf über einen Meter.

Der südliche Teil von Chelsea wirkte am zweiten, dritten und vierten Tag nach Sandy wie ein Katastrophengebiet im Wiederaufbau. Das Wasser war so schnell wie möglich aus den stockdunklen Ausstellungsräumen gepumpt worden, Unternehmen mit Namen wie "Desaster Recovery Team" wurden angeheuert. Überall vor den Galerien parkten die Kleinlaster der Handwerker. Imbissbuden auf Rädern machten gute Geschäfte, denn alle Restaurants und Geschäfte im Umfeld waren geschlossen. Während in den größten Teilen von Brooklyn und in Manhattan ab der 29th Street nicht einmal die Lichter erloschen und Leben bereits am Morgen nach dem Sturm seinen alten Gang ging, hatte es Chelsea und ganz Downtown Manhattan gleich doppelt hart getroffen. Erst am frühen Freitag Abend, als Jubelschreie durch die Straßen hallten, hatte der Stromversorger Con Edison den Schaden nach einer Explosion in einem Umspannwerk behoben, und der Strom wurde wieder angeschaltet.

Galerienmitarbeiter in Gummistiefeln und mit Mundschutz bewaffnet packten an. Sie entrümpelten ihre zerstörten Büros, versuchten wichtige Dateien zu retten oder Dokumente zu trocknen. Überall war das gleiche Bild zu sehen: Arbeiten wurden aus den Lagerräumen im Keller geholt, um sie auf Wasserschäden zu untersuchen. Ganze Ausstellungen wurden zerstört, so eine Galeristin, die bereits einen Anwalt eingeschaltet hatte, um mit ihrer Versicherung zu verhandeln. Auch Arbeiten, die verkauft, aber noch nicht an die Sammler verschickt wurden, nahmen Schaden. Der Galerist Casey Kaplan brachte die katastrophale Lage auf den Punkt: "Wie kann ich mir die Miete, meine Angestellten, die Restaurateuere leisten, wenn meine Galerie kein Einkommen generiert?" fragte er. "Wir brauchen viel Hilfe." Ob von Seiten der Regierung und in Form von Hilfsprogrammen oder ein paar mietfreien Monaten.

Bei Nicole Klagsbrun, die erst im vergangenen November vom sicheren zweiten Stock in der 26th Street in eine Galerie im Erdgeschoss gezogen war, lief das Wasser traurig an den Fensterscheiben herunter. 303 Gallery, Marlborough und Bruce Silverstein sahen aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Bei Matthew Marks auf der 22nd Street hatte eine monumentale Stahl-Skulptur von Tony Smith, die in Plastikfolie eingepackt war, das Hochwasser überstanden. Bei Gagosian auf der 21st Street, wo gerade eine Ausstellung mit Werken des Bildhauers Henry Moore installiert wurde, kehrten Hilfskräfte das Wasser mit Besen aus den Hallen. Die Container vor den Galerien waren mit aufgeweichten Pappen, Gipsfaser- und Sperrholzplatten gefüllt. Die Schnittstellen, an denen die alten Wandplatten entfernt und durch neue ersetzt wurden, markierten wie hoch das Wasser in den jeweiligen Ausstellungsräumen gestanden hatte. Zach Feuer in der 21st Street wurde dermaßen von der Welle erwischt, dass die Gerüste der Wände freilagen. Feuer schätzte in den ersten Stunden nach der Katastrophe, dass nur zwei Prozent seines Inventars die Flut überstanden hat. Künstlerviertel in den Teilen von Brooklyn, die nahe am Wasser liegen, wie Gowanus am verdreckten Kanal oder Teile von DUMBO und vor allem Red Hook, wo Künstler wie Urs Fischer ihre Studios haben, wurden von den Wassermassen überrollt.

Am fünften Tag nach Sandy meldeten sich viele Galerien per Email, um den Termin für die nächste Ausstellung auf vorerst unbestimmte Zeit zu verschieben. Verzweifelte Menschen in Queens stellten Schilder mit Hilferufen auf, in Long Beach schob man aus Angst vor Plünderern vor den beschädigten Häusern Wache. MoMA-Chefkurator Klaus Biesenbach machte Freunde und Kollegen wie Marina Abramovic, Doug Aitken, Matthew Barney, Spike Jonze, Patti Smith und Cindy Sherman mobil, um sich in einem Schreiben bei Bürgermeister Michael Bloomberg für sein Krisenmanagement zu bedanken – und ihn an die Rockaways in Queens zu erinnern, einen schmalen Landstreifen vor Brooklyn und Queens und dem John F. Kennedy Flughafen, der verheerend vom Sturm und von den anrollenden Atlantikwellen zerstört wurde. Viele Familien, die ohnehin nicht viel Geld haben, verloren ihre Häuser. Klaus Biesenbach organisierte, dass 100 Freiwillige in die Gegend gefahren wurden, um die Sturmopfer mit Lebensmitteln, Kerzen, gasbetriebenen Pumpen und Wasser zu versorgen.

Sandy bremste Chelsea zu einem Zeitpunkt aus, in dem die Mega-Galerien auf Expansionskurs sind, zusätzliche Räumlichkeiten im Viertel beziehen wollen und in der es für kleinere Galerien auf Grund der steigenden Mieten immer schwieriger wird. Dass manche Galerien gar nicht oder nicht ausreichend versichert sind, wird den Überlebenskampf noch härter machen. Der Hurrikan im vergangenen Sommer war eine Vorwarnung, auch für die Galeristen, denen das Hochwasser damals schon bedrohlich nahe rückte. Mit Untergangsszenarien von Thomas Hirshhorn, der den Kreuzfahrtdampfer Costa Concordia in der Gladstone Gallery untergehen ließ, Jonah Freemans und Justin Lowes Endzeit-Installation in der Marlborough Gallery und dem Post-Tsunami-Chaos von dem japanischen Künstler Mr. bei Lehmann Maupin war gerade erst die Herbst-Saison in Chelsea eröffnet worden. Niemand hatte erwartet, dass die Realität einen so schnell einholen kann. David Zwirner, der vor einem Jahr Künstler für eine Benefizauktion für die Erdbeben-Opfer von Haiti zusammengetrommelt hatte, verschob Ausstellungen mit seinen Künstlern Francis Alÿs und Luc Tuymans auf Januar 2013.

Klimawandel und Umweltschutz gehörten nicht zu den großen Themen im Präsidentschaftswahlkampf. Die Ausstellung "Rising Currents: Projects for New York´s Waterfront" vor zwei Jahren im Museum of Modern Art, bei der Architektenteams an Lösungen für ein überschwemmtes New York arbeiteten, schlug damals keine großen Wellen. "Rising Currents" setzte sich mit den Vorraussagen auseinander, dass in den nächsten 70 Jahren der Wasserpegel auf Grund der Erderwärmung und der schmelzenden Polarkappen so weit steigen wird, dass Teile von Downtown Manhattan, New Jersey und Brooklyn unter Wasser stehen. Vor Mega-Stürmen wie Sandy wird seit langer Zeit gewarnt. Seit dieser Woche sind sie Wirklichkeit. Und es wird sich zeigen, wie New York darauf reagiert.