Sprüth Magers - Berlin

Kunst ist heute ein Massensport

Monika Sprüth und Philomene Magers haben Trends kommen und gehen sehen. Jetzt eröffnen die Kölner Galeristinnen, die Stars wie Andreas Gursky und Rosemarie Trockel vertreten, neue Räume in Berlin-Mitte. Hatten sie keine andere Wahl? Ein Gespräch über den Standort Berlin, den Konkurrenzkampf und die aktuelle Krise des Kunstmarkts.

Frau Sprüth, Frau Magers, Sie gelten als Galeristinnen, die nicht jeden Hype mitmachen. Jetzt schließen Sie Ihr Stammhaus in Köln und ihre Dependance in München gehen nach Berlin – nur London wird als zweiter Standort bleiben. Warum gerade jetzt Berlin?

Monika Sprüth: Für uns bedeutet es eine neue Konzentration auf das Wesentliche. Es hat keinen Sinn, zu viele Standorte zu haben, das bindet Energie und Kraft und vermittelt den Eindruck, ein Riesenimperium aufzubauen, was eigentlich nicht unsere Intention ist. Wir wollen Dienstleister und Berater der Künstler sein und inhaltlich arbeiten. Und um sich darauf zu konzentrieren, reicht es völlig aus, wenn man in Deutschland nur einen vernünftigen Ausstellungsort hat.

Philomene Magers: Schon bevor wir 1999 die Galerie in München eröffnet haben, wollten wir eigentlich eine Galerie in Berlin aufmachen. Wir haben gezögert, weil wir nicht sicher waren, ob Berlin nicht wirklich nur ein Hype ist. Aber in den letzten Jahren hat sich herauskristallisiert, dass Berlin ein neues kulturelles Zentrum ist.

Es war aber sicher auch eine ökonomische Entscheidung?

Sprüth: Wir gehen nicht davon aus, dass wir jetzt mehr verkaufen. Berlin ist einfach einer der wichtigen Orte, wo der Diskurs geführt wird. Und in Berlin gibt es viel mehr Publikum für die Ausstellungen. Wenn man den Aufwand von Ausstellungen betreibt, dann ist es natürlich wichtig, dass viele Leute sie sehen.

Magers: Was auch für Berlin spricht, und nicht im Sinne eines Hypes, sondern langfristig, ist die rasante Entwicklung im Osten, in der ehemaligen Sowjetunion, in China. Von dort aus wird Berlin angesteuert. Und die Künstler haben ein großes Interesse, in Berlin ausgestellt zu werden. Vor allem die internationalen Künstler wollen in Deutschland am liebsten in Berlin ausstellen.

Sind die Künstler in diesem Sinne an Sie herangetreten?

Sprüth: Nein, das ist unsere Entscheidung.

Magers: Aber die Künstler haben sich gefreut, besonders die internationalen Künstler.

Mit dem Umzug nach Berlin haben Sie gleichzeitig eine klare Entscheidung gegen den Kunststandort Köln, gegen den Kunststandort München getroffen.

Magers: Nein, überhaupt nicht. Beide Standorte haben gute Sammler und eine große Tradition.

In Berlin beziehen Sie nun Räumlichkeiten musealen Ausmaßes an der Oranienburger Straße, der Blick geht auf die Museumsinsel – war das eine bewusste Entscheidung?

Sprüth: Das war Zufall, wir brauchten Räume, die nicht so lang umgebaut werden mussten, und wo wir den Ansprüchen der Ausstellungen unserer Künstler gerecht werden, jetzt, wo wir zwei Galerien in einer konzentrieren.

Magers: Es ist immer noch nicht klar, wo in Berlin sich die Galerien dauerhaft ansiedeln werden. Aber zur Museumsinsel werden immer Menschen kommen, um Kunst zu sehen. Und schön an den Räumen ist, dass sie auch Platz für unseren neuen Laden für Künstlerfilme bieten. Film ist ein ganz wichtiges Medium für die Künstler heute. Wir versuchen langfristig, dort alle wichtigen Filmdokumente anzubieten, die sonst immer sehr schwer zu bekommen sind. Zur Eröffnung haben wir unsere Künstler gebeten, ihre filmische geistige Welt in einer Liste zusammen zu fassen, und wir werden versuchen, diese Filme zugänglich zu machen. Gleichzeitig gibt es einen kleinen Raum, wo wir zusammen mit Schellmann Editionen produzieren und verkaufen.

Sprüth: Wir wollten auf keinen Fall eine Schaufenstergalerie. Als sie von dem Konzept des Ladens für Künstlerfilme hörten, der unser Fenster nach außen wird, waren alle Künstler sehr glücklich. Das wird ein Work in Progess, wieder eines der Projekte, für die wir diesen Job machen.

Nun hat sich ja der Job des Galeristen oder der Galeristin rasant verändert, seitdem Sie in den achtziger Jahren die Szene betreten haben.

Sprüth: Ja. In Köln hatte das Bildungsbürgertum eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst, bei der es nicht ums Kaufen ging. Heute ist Kunst kaufen angesagt, es gibt Kunst als Spekulationsobjekt, damit hat sich natürlich der ganze Kunstmarkt verändert. Wir haben eine gewisse Hoffnung, dass die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise wieder ein "Klarheit" in den Kunstmarkt bringt. Hoffentlich das künstlerisch Wichtige von dem Überflüssigen trennt!

Magers: Heute ist Kunst ein Massensport geworden …

Sprüth: … mit dem man Geld verdienen kann, spekulieren. Früher ging die Wertsteigerung über Generationen. Heute dagegen geht es im Kontakt mit dem Sammler oft weniger um die Diskussion über die Inhalte der Kunst, sondern mehr um die Frage der Investition. Diese Rolle müssen wir hinterfragen, da wir uns in erster Linie als Dienstleister des Künstlers fühlen und gleichzeitig als sein Berater.

Wie wichtig ist es für Sie, einen Künstler exklusiv zu vertreten?

Sprüth: Sehr wichtig. Vernünftige Arbeit kann man nur machen, wenn eine ganz große Nähe zu den Künstlern da ist und man gemeinsam Entscheidungen treffen kann.

Magers: Wenn mehrere Galerien da sind, fängt immer der Konkurrenzkampf an, wer wie viele Arbeiten bekommt, wo was gebracht wird. Wenn ein Künstler an einer nachhaltigen Entwicklung seiner Karriere interessiert ist, und nicht daran, möglichst schnell möglichst viel zu verkaufen, dann ist es gut, wenn nicht zu viele Galerien involviert sind. Weil man dann wirklich die Arbeiten platzieren kann, sie nur an bestimmte Leute verkaufen, sie in wichtige Museen und wichtige Sammlungen bringen.

Sprüth: Die Künstler, die zu uns wollen, denken ähnlich wie wir. Auch wenn das heutzutage sehr schwierig ist. Wir haben eine Reihe von Künstlern und Künstlerinnen der mittleren Generation, die deutlich jüngere Künstler vor sich sehen, die das Doppelte verdienen, Rosamerie Trockel, Barabara Kruger, Louise Lawler oder auch Fischli & Weiss.

Wie geht man damit um?

Sprüth: Wir sagen zu den Künstlern: Was wollt ihr? Eine kurze oder eine lange Karriere? Wenn ihr kurzfristig möglichst viel Geld verdienen wollt, dann sind wir die Verkehrten.

Gelingt es Ihnen noch, die Kontrolle über die Preise zu halten?

Sprüth: Wir versuchen das, wir agieren sehr konservativ. Bei Arbeiten, von denen wir von vornherein wissen, dass sie Objekte der Spekulation werden, kontrollieren wir sehr genau, wer die Arbeiten kaufen darf oder wer nicht. Aber gegen die Macht der Auktionen haben wir auch keine Möglichkeiten.

Magers: Ja, darauf haben wir noch nicht wirklich eine Antwort. Inzwischen denken die Leute, die verkaufen wollen, noch viel stärker als früher, dass sie es ins Auktionshaus geben, weil dort mehr Geld ist. Was gar nicht immer richtig ist. In dem Moment, wo die Situation kippt, kriegt keiner mehr Geld für irgendwas. Es ist viel geschickter, vorsichtig über die Galerien zu verkaufen.

Sprüth: Und nur die Galeristen können Arbeiten platzieren. Bei wichtigen Werken hat man Kontrolle, wo es hingeht, der beste Ort ist nach wie vor das Museum oder das Privatmuseum. Und das ist nicht mehr gegeben, wenn man direkt über die Auktionshäuser verkauft.

Welches Museum kann denn einen Gursky kaufen?

Sprüth: Nun, es gibt immer Möglichkeiten. Sie haben doch schon viele Gurskys in Museen gesehen. Wie sind die wohl dahin gekommen? Das geht.

Magers: Von jedem Foto versuchen wir mindestens eins im Museum zu platzieren.

Wie erkennt man denn einen Künstler, der die Potenz hat, wirklich mehre Jahrzehnte lang große Kunst zu machen? Kann man da vom aktuellen Zeitgeist abstrahieren?

Sprüth: Das fällt uns heute bei jüngerer Kunst in dieser veränderten Zeit viel schwerer als vor zehn, zwanzig Jahren.

Magers: Es gibt ja auch Künstler, die zu einem bestimmten Moment einen ganz wichtigen Beitrag leisten, und deren Arbeit dann nicht mehr so eine Relevanz hat. Die aber trotzdem hundert Jahre später sicher im Museum sein werden. Aber ob es wirklich ein tragfähiges Lebenswerk gibt: Da kann man sich nie 100-prozentig sicher sein.

In Berlin gibt es mittlerweile nach offizieller Zählung 440 Galerien. Was raten Sie den jungen Kollegen?

Sprüth: Es wird immer gute Kunst geben, daher wird man immer interessante Künstler finden. Hat man das Ziel als Galerist schnell viel Geld zu verdienen, wie der Kunstmarkt in den letzten zehn Jahren oft in der Öffentlichkeit dargestellt wurde, kann es schnell sehr gefährlich werden, wie die augenblickliche Finanzkrise zeigt. Wenn das Ziel jedoch ist in erster Linie ist den Künstler in der Produktion und der Vorbereitung seiner Arbeit zu unterstützen, hat man immer Chancen sich auf dem Kunstmarkt zu behaupten.

Magers: Man kann einfach nur versuchen, seine Arbeit so gut und sauber wie möglich zu machen. Vielleicht auch ohne Partys!

Sprüth: Von Zeit zu Zeit machen auch wir eine Party. Die Frage ist am Ende, was man in Erinnerung behält von einer Galerie. Wir möchten gerne, dass ein paar Künstler, die wichtig sind, gut betreut worden sind von uns. Dass die in unserer Galerie die richtige Heimat gefunden haben. Das soll bleiben.

"Thomas Scheibitz" / "George Condo"

Termin: bis 29. November, Oranienburger Straße 18, Berlin.
http://www.spruethmagers.com/