Moderne - Umfrage

Wir müssen neue Wege beschreiten

Ausstellungen zur klassischen Moderne sind beim Publikum seit Jahrzehnten beliebt. Doch müssen nicht endlich frische Themen her, mit denen sich auch Massen begeistern lassen?

"Das Wunder von Tübingen" besitzt Langzeitwirkung: Denn seit es Götz Adriani in den achtziger und neunziger Jahren gelang, mit aufwendigen Ausstellungen über Paul Cèzanne, Edgar Degas oder Auguste Renoir bis zu 430 000 Besucher in die Kunsthalle der beschaulichen Universitätsstadt zu locken, gilt die Klassische Moderne vielen Museen der Republik als Erfolgsgarant. Als 2004 "Das MoMa in Berlin" gastierte, pilgerten 1,2 Millionen Besucher in die Neue Nationalgalerie. Und als das Folkwang Museum Ende 2012 "Im Farbrausch" Werke von Edvard Munch, Henri Matisse und den Expressionisten präsentierte, sahen immerhin 218 000 Menschen die Essener Schau. Inzwischen hat in vielen wichtigen Museen ein Generationswechsel stattgefunden, Jüngere haben das Ruder übernommen. Werden sie die Geschichte der Moderne in immer neuen Ausstellungen weitererzählen oder ist diese längst zu Ende diskutiert und neue, gleichwohl erfolgversprechende Themen stehen an? art hat nachgefragt:

Marion Ackermann, 48, leitet die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf: Ich würde nur dann große Ausstellungen zur Klassischen Moderne zeigen, wenn auch noch neue Geschichten zu erzählen sind. Kompilationen ohne These, die nur über großen Marketingetat und aggressive Pressestrategie zum Erfolg gepeitscht werden, lehne ich ab. Lässt man sich wirklich auf die Werke ein, das heisst, schaut man endlich mal genau hin (auch mal im Restaurierungsatelier), stellen sich einem sofort neue Fragen. Die Erzählungen sind unerschöpflich. Wir sollten sie allerdings immer daraufhin überprüfen, welche Brisanz sie in unserer Zeit wirklich für die Menschen haben und Verknüpfungen mit Themen herstellen, die uns gerade bewegen. Es gibt Künstler, die ich die "Künstler der eigenen Kindheit" nenne, deren Werke man in jungen Jahren einfach "geliebt" hat, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Dazu gehören für nicht wenige Menschen z.B. Chagall oder die melancholischen Szenen von Hopper, ganz sicher die blaue Phase von Picasso oder Werke von Paul Klee. Die Kunst besteht darin, jenen affektiven Zugang wieder möglich zu machen und damit zu aktivieren, und zugleich einen starken neuen Anreiz zu geben, sich dem eigentlich vertrauten, aber schon "abgelegten" Thema erneut, nun auf Basis einer intellektuellen Reflexion, zu widmen.

Philipp Kaiser, 41, leitet das Museum Ludwig in Köln: Auf keinen Fall. Immer wird es unterschiedliche Geschichten, Blickwinkel und Erzählperspektiven geben, die eine neue Argumentation, eine neue Ausstellung legitimieren. Vielleicht ist der Zeitpunkt gekommen gewisse monographische Ausstellungen auszusetzen, doch nach wie vor gibt es zahlreiche fokussierte Projekte, die mich immer wieder überraschen. Denken Sie beispielsweise an die vorzügliche Picasso Gitarren Ausstellung am MoMA. Selten habe ich eine bessere und sorgfältigere Ausstellung zur klassischen Moderne gesehen. Ich bin überzeugt, dass sich das Prinzip Blockbuster letzten Endes selber erledigen wird. Da bereits jetzt viele Gemälde aus konservatorischen Gründen nicht mehr reisefähig sind, müssen die Institutionen neue Wege beschreiten. In diesem Sinne ist es wichtig, dass die Museen neue Projekte wagen und das Publikum auch an Unbekanntes, kaum Gesehenes heranführen und das Selbstvertrauen haben, die etablierten Künstler von Morgen zu definieren. Sicherlich gibt es aber ebenso schlaue Blockbuster mit wissenschaftlichem Anspruch. Unsere für Frühjahr 2015 geplante Sigmar Polke Retrospektive würde ich dieser Kategoerie zuordnen.

Matthias Mühling, 45, leitet ab 2014 das Lenbachhaus in München: Für ein Haus, in dem die Moderne im Zentrum der Sammlung steht, ist deren wissenschaftliche Erforschung und Vermittlung keine Option, sondern eine Verpflichtung. Es sind jedoch keinesfalls alle "Geschichten der Moderne" längst erzählt, es wurden bisher meist nur immer die gleichen Geschichten erzählt. Wir im Lenbachhaus wollen uns daher in den nächsten Jahren den anderen Erzählungen der Moderne zuwenden. Wir sind der Ansicht, dass es höchste Zeit ist, Künstler zu berücksichtigen, die bisher dem europäischen Publikum kaum bekannt sind. Uns interessieren dabei vor allem Künstler, die sich einer klassischen Definition von Moderne entziehen. Zum Beispiel arbeiten wir gerade an einer Ausstellung, die dem europäischen Publikum Florine Stettheimer (1871 bis 1944) vorstellen möchte. Die US-amerikanische Künstlerin mit deutschen Wurzeln ist heute eine wichtige Inspirationsquelle für junge Künstlerinnen und Künstler, sie hat Ideen und Themen der Pop-Art vorweggenommen, und es war kein geringerer als Marcel Duchamp, der zwei Jahre nach ihrem Tod 1946 die Retrospektive im Museum of Modern Art kuratierte. Trotzdem ist Ihr Werk nicht Teil der offiziellen Kunstgeschichtsschreibung. Wir sind fest davon überzeugt, dass diese Ausstellung eine andere Perspektive auf die Moderne eröffnet und viele Menschen erreichen wird.

Max Hollein, 44 leitet die Schirn, das Städel Museum und das Liebighaus in Frankfurt: 
Die Schirn Kunsthalle hat sich seit zahlreichen Jahren den Ruf einer sehr originären Ausstellungsinstitution nicht nur im Bereich der Moderne erarbeitet, obwohl oder auch gerade weil Ausstellungen in diesem Bereich inhaltlich sehr anspruchsvoll, auch in der Realisation aufgrund der Leihgabenthematik hochkomplex sind. Wir werden diesen Kurs auch in Zukunft weiter fortsetzen, und so wie zuletzt bei "Turner - Hugo - Moreau. Entdeckung der Abstraktion", "Rodin - Beuys", "Impressionistinnen. Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond", "Courbet - Ein Traum von der Moderne", "Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie“ oder "Edvard Munch. Der moderne Blick" bedeutende, neuartige und herausfordernde Ausstellungen zur Moderne realisieren. Im nächsten Halbjahr werden wir "Géricault. Bilder auf Leben und Tod“ sowie "Esprit Montmartre. Die Erfindung der Bohème in Paris um 1900“ zeigen.“

2) Welche Ausstellungsprojekte mit neuen Themen haben in Zukunft das Potential gleichzeitig wissenschaftlichen Ertrag zu erzielen und über 100 000 Menschen anzulocken?

„Unsere Erfahrung ist, dass das Publikum uns bei besonderen Themen und Ansätzen, gleich ob in der Moderne oder in der zeitgenössischen Kunst mit Begeisterung folgt, wenn wir mit dem Thema bzw. dem künstlerischen Œuvre eine neue Sichtweise oder eine aktuelle Thematik berühren, und eine umfassende emotionale Erlebbarkeit genauso wie eine intellektuell-sinnliche Erfahrung evozieren können.“

Christiane Lange, 49, leitet die Staatsgalerie Stuttgart: Sicherlich gehören einige der Künstler und ihre Werke aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts inzwischen zu einem "kollektiven Bildgedächtnis" der Menschen. Viele unserer Besucher kommen regelmäßig in die Staatsgalerie Stuttgart, die eine umfangreiche Sammlung zur Klassischen Moderne präsentieren kann, um ihre Lieblinge zu sehen.

Dennoch glaube ich, dass wir – wie die Museumsleute vor uns und nach uns – immer wieder einen neuen Blick auf die viel gesehenen Meisterwerke werfen können. Jede Generation wird zu den Malern der "Brücke" oder zu Künstlern wie Paul Klee, Max Beckmann etc. einen neuen Zugang finden und ihren Werken neue Aspekte abgewinnen. Ein Werk von Picasso kennt kein Verfallsdatum, an dem es seinem Betrachter nichts mehr zu sagen hätte! Wir planen 2014 eine seit vielen Jahren überfällige große Retrospektive zu Oskar Schlemmer. Neben wichtigen Leihgaben zeigen wir unseren umfangreichen Bestand seiner Werke, der jüngst noch um neues aufschlussreiches Archivmaterial bereichert werden konnte. Schlemmer ist ein gutes Beispiel für einen Künstler, über den es noch einiges zu forschen und zu erzählen gibt, obwohl er zu den ganz großen Künstlern der Bauhaus-Ära zählt. Ich bin überzeugt, dass unsere Große Landesausstellung weitere wissenschaftliche Erkenntnisse erzielen wird, und gleichzeitig die Besucher begeistern kann, gerade weil sie Bekanntes wiedersehen werden und dabei doch viel Neues entdecken!

Tobia Bezzola, 52, leitet das Museum Folkwang in Essen: "Was bekannt ist, ist deswegen noch nicht erkannt" (Hegel), und klassisch ist, was nicht veraltet, sondern von jeder Generation neu entdeckt und interpretiert werden kann. Auch einem kundigen Publikum können daher intelligent und innovativ angelegte Ausstellungen zu populären modernen Klassikern immer wieder neue Einsichten eröffnen. Zusätzlich führen sie neue Besuchergruppen an die Welt der Museen und damit auch an deren weniger leicht vermittelbaren Angebote heran. Was wann wo populär werden kann, hängt vom kulturellen Hintergrund der potentiellen Besucherschaft und damit zuallererst vom Standort eines Museums ab. In einem Touristenzentrum ist die Lage anders als an der Peripherie; nationale, regionale und lokale Traditionen und Geschmackskulturen spielen auch in einer globalisierten Welt eine große Rolle. Es gilt, vom Bewährten maßvoll abzuweichen und induktiv auszutesten, wie sich neues Publikum erschließen und beim Stammpublikum Entdeckungsfreude wecken lässt.