Geisselung Christi - Piero della Francesca

Mordkomplott oder esoterischer Hintergrund?

Neue Theorien um Piero della Francescas "Geißelung Christi": Ein Kriminologe hat das Bild mittels Age-Progression-Technik untersucht – und eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Auch der deutsche Regisseur Florian Graf Henckel von Donnersmarck zeigt bereits Interesse an der Geschichte.
Mordkomplott oder esoterischer Hintergrund?:Francescas "Geißelung Christi"

"Die Geißelung Christi" von Piero della Francesca, ca. 1447 bis 1459, 59 x 81 cm

Die "Geißelung Christi", von Piero della Francesca zwischen 1447 und 1459 gemalt, ist eine rätselhafte Darstellung, über die sich die Gelehrten seit Jahrhunderten die Köpfe zerbrechen. Das 59 mal 81 Zentimeter große Tafelbild hängt in der Nationalgalerie der Marken in Urbino. Der italienische Kriminalbeamte Silio Bozzi, stellvertretender Polizeipräsident von Ancona und Leiter des Erkennungsdienstes, hat das berühmte Bild mit ganz neuen Methoden untersucht. Dabei machte er überraschende Entdeckungen, über die er jetzt vor einer Expertenrunde im Deutschen Studienzentrum in Venedig berichtete.

Bisher war es nicht gelungen, die drei großen Figuren rechts im Bild eindeutig zu identifizieren. Die Mutmaßungen über den blonden Jüngling in der Mitte füllen Bände. Silio Bozzi ließ mit der Technik der "Age Progression" das Gesicht des Jünglings altern. Die italienische Polizei hat dieses Verfahren zum ersten Mal erfolgreich bei der Fahndung nach dem Mafia-Boss Bernardo Provenzano angewandt. Über 40 Jahre lang war Provenzano auf der Flucht. Es gab nur ein Fahndungsfoto aus der Jugendzeit des 50-fachen Mörders. Am Computer gelang mit Spezialsoftware eine fotorealistische Darstellung des Kriminellen, der 2006 verhaftet werden konnte.

Das gealterte Gesicht des Jünglings der "Geißelung" hat eine frappierende Ähnlichkeit mit einem kleinen Porträt des greisen Philosophen Marsilio Ficino (1433 bis 1499), das in der Laurenziana-Bibliothek in Florenz aufbewahrt wird. Silio Bozzi ist überzeugt, dass Piero della Francesca den schöngeistigen Florentiner Literaten Marsilio Ficino im Alter von 19 Jahren dargestellt hat. Auch das Entstehungsdatum des Gemäldes steht für ihn fest: 1452.

"Die These bietet einen guten Filmstoff"

Verständlich, dass die anwesenden Gelehrten etwas säuerlich reagierten, wie der Zürcher Historiker Bernd Roeck, der über Piero della Francescas berühmtes Bild eine spannend zu lesende Studie – "Mörder, Maler, Mäzene" (C.H.Beck-Verlag, 2006) verfasst hat. Darin vertritt er die These, dass der blonde, barfuß und mit leerem Blick dastehende Jüngling Oddantonio da Montefeltro sei, an dem sein Stiefbruder, Federico da Montefeltro, einen politischen Mord verübt habe.

Der Polizist Silio Bozzi liess sich durch den Indizienbeweis des Zeitgeschichtlers Roeck nicht beeindrucken. Für ihn steht fest, dass der blonde Jüngling mit dem Philosophen Marsilio Ficino identisch ist. Das Bild habe einen esoterischen Hintergrund. Dargestellt sei die Aufnahme des jungen Ficino in einen neuplatonischen Geheimbund. Das Haar des Jünglings sei feucht, was auf einen Reinigungsritus hindeute. Das Expertentreffen in Venedig wurde von der Investmentgesellschaft PiQuadro finanziert, die auch die Herausgabe der Tagungsakten übernommen hat. Die Debatte, auch über kunsthistorische Methoden, wird weitergehen. Im Publikum saß auch der Regisseur Florian Graf Henckel von Donnersmarck. Er neigte mehr zur These des Historikers Roeck, denn "sie bietet einen guten Filmstoff", sagte er.