Jürgen Wesseler - Bremerhaven

Kabinettstückchen zwischen Ebbe und Flut

Am Sonntag wurde das neue Kunstmuseum in Bremerhaven eröffnet: Ein knapp zwei Millionen teurer Neubau, der auf 700 Quadratmeter Platz für die umfangreiche Sammlung des Kunstverein Bremerhaven bietet. art sprach mit Jürgen Wesseler, Vorsitzender des Kunstvereins, über sein legendäres Ladenlokal "Kabinett für aktuelle Kunst", seine untrügliche Spürnase – und was gute Kunst eigentlich ausmacht
Kunstmetropole Bremerhaven:Das art-Interview mit Jürgen Wesseler

Hinter den Vorhängen lauert die Avantgarde: Jürgen Wesseler vor seinem Kabinett für aktuelle Kunst

Das Kabinett für aktuelle Kunst in Bremerhaven ist eigentlich nicht mehr als ein ebenerdiges Ladenlokal mit einem großen Schaufenster und einer Eingangstür mit Oberlicht. Der gerade einmal 33 Quadratmeter große Raum verfügt über einen hellen Steinfußboden, weiße Wände und eine Neonbeleuchtung. Er befindet sich in einer Art Niemandsbucht der Bremerhavener Innenstadt wenige Meter hinter dem Kunstverein, zwischen dem Schaufenster einer Boutique und einem Übersetzungsbüro gelegen. Und dennoch ist dieser vollkommen unspektakuläre Ort zumindest unter Kennern zu einer festen Größe im internationalen Kunstbetrieb geworden.

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Strecken Teaser

In 40 Jahren Ausstellungsgeschichte gaben sich hier etliche Größen des Kunstbetriebs quasi die Klinke in die Hand: Blinky Palermo, Sol LeWitt, Hanne Darboven, Gerhard Richter, Carl Andre, Isa Genzken oder ganz aktuell Luc Tuymans. Zu den Eröffnungen pilgern Fans aus ganz Deutschland in die Seestadt Bremerhaven. Die Geschichte des Kabinetts ist untrennbar mit dem Namen seines Gründers und Kurators verbunden: Jürgen Wesseler, 70. Der kunstbegeisterte Ausstellungsmacher, im Hauptberuf Vermessungsingenieur, gilt unter Kennern und Museumsleuten als untrügliche Spürnase mit Entdeckerqualitäten. Das musste relativ bald auch die Lokalpresse, die Wesseler gerne einmal als "frustrierten Kulturanarchisten" titulierte oder den "Käse der aktuellen Kunst" beklagte, feststellen. Imi Knoebel, Hanne Darboven, Ulrich Rückriem oder Bernd und Hilla Becher: Als auf der Documenta 5 plötzlich all die Namen auftauchten, die Wesseler bereits Jahre zuvor ausgestellt hatte, dämmerte auch den Bremerhavenern, dass in ihrem Kabinett ernsthafte Arbeit betrieben wurde.

Die "FAZ" vom 30.9.1977 verlieh dem Kabinett anlässlich seines zehnjährigen Bestehens gar den Ehrentitel "Lotsenstation für besondere Sehgewohnheiten". Aus seinen besonderen Vorlieben und Abneigungen allerdings macht Jürgen Wesseler keinen Hehl. Er ist weder Theoretiker noch Populist. Für ihn steht der direkte Kontakt zu den Künstlern im Vordergrund. Das ist vielleicht auch das Geheimnis seines Erfolgs. Am Sonntag eröffnete gegenüber dem Kunstverein und dem Kabinett noch ein dritter Kunstort in Bremerhaven: das Kunstmuseum. Das Haus wird die bisher im Depot untergebrachte Sammlung des Kunstvereins dauerhaft präsentieren. Damit wird einen neue Ära eingeleitet.

art: Herr Wesseler, das Kabinett für aktuelle Kunst in Bremerhaven ist kein Ausstellungsraum wie jeder andere. Was macht den besonderen Charakter dieser Experimentierfläche aus?

Ich denke, dass der besondere Charakter des Kabinetts zum größten Teil durch die Kontinuität seines Programms begründet ist. Seit 40 Jahren existiert das Kabinett für aktuelle Kunst. Das ist eine lange Zeit. Als wir in den späten sechziger Jahren anfingen, in dem kleinen Ladenlokal unter der Bremerhavener Kunsthalle Ausstellungen zu organisieren, gab es in Deutschland kaum Plattformen für zeitgenössische Kunst. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, aber das Phänomen "zeitgenössische Kunst" fand quasi im Untergrund für einen kleinen Kreis von Leuten statt. Es war nicht so, dass wir die Besucher bei unseren Ausstellungen nicht haben wollten. Wir haben uns über jeden Neuankömmling sehr gefreut, aber das Interesse war einfach viel geringer. Zu den Ausstellungen von Gerhard Richter und Blinky Palermo kamen beispielsweise nur eine Handvoll Leute.

Jenseits von kommerziellen Zwängen

Um aber noch einmal auf die eigentliche Frage zurückzukommen: Entscheidend für den besonderen Charakter des Kabinetts war sicherlich auch der Aspekt, dass es im Kabinett um Passion, nicht um Profession ging. Ich habe den Raum immer neben meinem eigentlichen Beruf als Vermessungsingenieur betrieben. Insofern hatte das Kabinett auch niemals kommerzielle Ziele. Jenseits von kommerziellen Zwängen konnten und können die Künstler somit im Kabinett etwas Neues ausprobieren. Sie können Werke zeigen, die auf dem Markt vielleicht auf nur sehr geringes Interesse stoßen würden. So hat beispielsweise gerade Luc Tuymans im Kabinett eine Malerei geschaffen, die sowohl die Decke und den Fußboden, als auch die Wände des Raumes umfasst. Die Arbeit ist ein Traum!

Luc Tuymans ist für diese kleine Ausstellung im Kabinett extra von den Antwerpen mit einem Privatflugzeug nach Bremerhaven geflogen. Für viele Künstler scheint es eine Ehre und zugleich eine große Herausforderung zu sein, im Kabinett auszustellen. Schließlich liest sich die Geschichte des Kabinetts wie ein "Who is who" der jüngeren Kunstgeschichte. Nach welchen Kriterien werden die Künstler von Ihnen ausgewählt?

Die Auswahl der Künstler ist für mich eine wirklich große Herausforderung. Ich besuche regelmäßig Ausstellungen und verfolge natürlich auch die Diskussionen in den einschlägigen Kunstzeitschriften. Wenn mir eine künstlerische Position in einer Ausstellung oder einer Zeitschrift auffällt, dann versuche ich zunächst einmal, alle möglichen Informationen über sie zusammenzutragen. Ich bestelle mir die Kataloge des Künstlers und bitte die jeweiligen Galerien, mir weiteres Ansichtsmaterial zu senden. Anhand dieser Unterlagen entscheide ich dann meistens, ob ich mich für die Position interessiere oder nicht. Ganz wichtig ist mir auch der Kontakt zu den Künstlern. Ich bevorzuge es, direkt mit einem Künstler ins Gespräch zu kommen. Beispielsweise besuchte ich vor einiger Zeit die Sammlung Flick in Berlin. Ich sah dort einige wirklich herausragende Arbeiten von Anri Sala, der mir bereits mehrfach sehr positiv aufgefallen war. Am Abend des selben Tages traf ich dann bei einer Ausstellungseröffnung auf Yilmaz Dziewior, den Direktor des Kunstvereins in Hamburg, der mir dankenswerter Weise weniger Minuten später Anri Sala vorstellte. Wir hatten ein faszinierendes Gespräch, und ein paar Tage später besuchte uns Anri bereits in Bremerhaven!

Seit 40 Jahren realisieren Sie Ausstellungen im Kabinett. Das Prinzip "Reduktion" scheint sich wie ein roter Faden durch Ihr Programm zu ziehen. Inwiefern lässt sich die Ausstellungsgeschichte dieses Raumes an den einzelnen künstlerischen Arbeiten, die für das Kabinett entstanden sind, ablesen?

Es ist natürlich richtig, dass ich ein Faible für bestimmte künstlerische Formen habe. Die Minimal Art wie auch die Concept Art gehören natürlich ganz klar dazu. So habe ich ja beispielsweise auch Carl Andre, Sol LeWitt, Hanne Darboven, Robert Barry, Lawrence Weiner teilweise mehrfach in dem Raum ausgestellt. Dennoch wurden im Kabinett immer wieder auch Positionen präsentiert, die sich von dem von Ihnen beschriebenen "Reduktionismus" lösen. Ich möchte in diesem Zusammenhang stellvertretend Stephan Balkenhol, Thomas Schütte, Isa Genzken und Manfred Pernice nennen. Die Liste wäre eigentlich aber deutlich länger.

"Die lokale Presse tat ihr Bestes, die Ausstellungen zu verreißen"

Bestimmte Künstler sind für das Kabinett besonders wichtig. Ihre Arbeiten und ihr Geist schweben sozusagen über dem Ganzen und beeinflussen auch jüngere Künstler. Wir denken da an Blinky Palermo, an Andreas Slominski und natürlich auch an Gregor Schneider. Wie erklären Sie sich das Phänomen der sich immer wieder überlagernden Referenzen?

Am Anfang war dieses besondere Beziehungsspiel eigentlich gar nicht geplant. Die Werke wurden von den Künstlern oftmals in situ ausgeführt, da wir für den Transport so gut wie keine finanziellen Mittel hatten. In diesem Zusammenhang begann allmählich eine Form von Dialog zwischen den verschiedenen Künstlern. So reagierte beispielsweise schon Hanne Darboven im Jahr 1975 auf eine Arbeit von Lawrence Weiner, indem sie diese wortwörtlich zitierte. Mir gefiel diese Art des Dialogs immer sehr gut. Vielen der Künstler, die sich in ihren Ausstellungen auf eine andere Ausstellung bezogen, ging es auch immer um die Möglichkeit, sich intensiv mit einem Künstlerkollegen auseinanderzusetzen oder ihm sogar eine Ehre zu erweisen. Wenn beispielsweise Martin Boyce seine Ausstellung "Broken Fall" betitelte, dann geschah dies in dem ehrfurchtsvollen Bewusstsein der Präsentationen von Bas Jan Ader, die im Kabinett für aktuelle Kunst in den siebziger Jahren stattfanden. Ganz ähnlich verhielt es sich eben auch mit der überaus gelungenen Bezugnahme von Andreas Slominski auf Blinky Palermo, zu der wiederum Gregor Schneider eine Beziehung herstellte.

Fast schon zum geflügelten Wort ist der Ausspruch geworden: "Das Kabinett für aktuelle Kunst ist in New York bekannter als in Bremerhaven." Tatsächlich haben Sie zum Beispiel in den frühen siebziger Jahren immer wieder amerikanische Künstler wie Lawrence Weiner, Sol LeWitt oder Carl Andre im Kabinett gezeigt. Auf welche Widerstände und Gesten des Unverständnisses sind Sie damals wie heute vor Ort gestoßen, und wie erklären Sie sich andererseits die gute internationale Reputation?

Die Widerstände gegen die Ausstellungen waren teilweise erheblich. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich vom damaligen Vorstand des Kunstvereins aufgefordert wurde, eine Arbeit von Imi Knoebel aus dem Eingangsbereich der Kunsthalle zu entfernen, da man sie ansonsten kostenpflichtig entsorgen lassen würde. Vergleichbares erlebte ich bei meinen Ausstellungen immer wieder. Insbesondere die lokale Presse tat ihr Bestes, die Ausstellungen mit großem Engagement zu verreißen. Dass sich die Arbeiten meiner Künstler heutzutage in den wichtigsten internationalen Museen befinden, in vielen Doktorarbeiten diskutiert werden und auf den Auktionen Millionenbeträge erzielen, konnte natürlich keiner voraussehen. Mir persönlich hat die teilweise herbe Kritik an den Ausstellungen im Kabinett nicht so viel ausgemacht. Wenn man von einer künstlerischen Position überzeugt ist, dann tritt man für diese ein und kämpft für sie. Gerade das wussten viele der Künstler wohl zu schätzen und haben es in ihrem Bekanntenkreis weitererzählt. Dadurch ergab sich nach und nach vermutlich die von Ihnen angesprochene Form der Reputation.

"Ich für meinen Teil, lebe lieber in der Vergangenheit"

Das Kabinett und Sie blicken in diesem Jahr auf 40 Jahre Ausstellungsgeschichte zurück. Sie sind über den gesamten Zeitraum einen sehr konsequenten Weg gegangen. Viele Kunstrichtungen und Moden haben Sie ignoriert oder lehnen sie bis heute entschieden ab. Was ist für Sie gute Kunst, wo finden Sie sie, und welche Entwicklungen auf dem Kunstsektor finden Sie unheilvoll und problematisch?

Gute Kunst sollte unabhängig von irgendwelchen Moden sein. Ich denke, dass eine starke Arbeit auch noch spätere Generationen faszinieren oder zum Staunen bringen sollte. Ich habe allerdings die Befürchtung, dass es heutzutage leider viel zu viele Künstler gibt, die in einigen Jahren vollkommen vergessen sein werden. Vieles von dem, was momentan auf dem Markt so hoch gehandelt wird, scheint mir kaum einen nachhaltigen kulturellen Wert zu besitzen. Für viele Sammler sind die Werke nur noch Trophäen, die die gleiche Rolle und Bedeutung wie ein teures Auto oder eine Yacht haben. Ehrfurchtsvoll sehen viele Leute nur noch die Dollarzeichen in einem Bild und übersehen dabei die eigentlichen Qualitäten einer Arbeit. Daniel Birnbaum hat dieses Problem unlängst in einem Beitrag für die Zeitschrift "Texte zur Kunst" zum Ausdruck gebracht: "Die Zukunft der Kunst liegt im Geld. Und die Zukunft ist bereits angekommen." – Ich für meinen Teil, lebe lieber in der Vergangenheit.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kabinetts gerade auch vor dem Hintergrund des neuen Bremerhavener Kunstmuseums und der weiterbestehenden Kunsthalle gegenüber als Ort für Wechselausstellungen?

Das ist eine schwierige Frage. Als wir das Kabinett für aktuelle Kunst in den späten sechziger Jahren gründeten, geschah dies insbesondere als Gegenreaktion auf den hiesigen Kunstverein. Das Kabinett sollte dem konservativen Programm des Kunstvereins etwas entgegensetzen und junge, progressive Strömungen präsentieren. Heutzutage hat sich die Situation natürlich deutlich verändert. Der Kunstverein konzentriert sich im Wesentlichen ebenfalls auf zeitgenössische Kunst. Dennoch besteht nach wie vor ein großer Unterschied zwischen den Programmen der beiden Institutionen. Das Kunstmuseum hat gegenüber dem Kabinett und auch dem Kunstverein eine gänzlich andere Funktion. Diese neue Institution wurde für die Sammlung des Kunstvereins gebaut. Orientiert an dem traditionellen Aufgabenkanon der Museen, ist auch das Ziel unseres Hauses die Sammlung, Pflege und Vermittlung
kunstgeschichtlich relevanter Exponate. Es verbindet sich mit dieser Institution ganz klar auch ein Bildungsauftrag!

Wie würden Sie die Stadt Bremerhaven als Kunststandort einordnen? Als Leuchtturm in der Provinz, als verschlafenes Nest oder als Geheimtipp mit gutem Potenzial? Gibt es hier zum Beispiel im privaten Bereich interessante Sammlungen?

Bremerhaven ist nicht mit Städten wie Düsseldorf, Frankfurt, Berlin oder München vergleichbar. Wir verfügen nicht über die finanziellen Mittel großer Institutionen und müssen daher alles selber machen. Ganz ähnlich verhält es sich auch im privaten Bereich. Es gibt in Bremerhaven vielleicht ein Dutzend Sammlungen, die ein interessantes Niveau aufweisen. Zwei dieser privaten Sammlungen verfügen allerdings über wirklich spannende und auch umfangreichere Bestände, aus denen regelmäßig Werke in die großen internationalen Museen entliehen werden. In der Stadt bleibt das völlig unbemerkt!

Welche Art der Anerkennung bedeutet Ihnen am meisten?

Die wohl größte Anerkennung, die wir für die Tätigkeit des Kabinetts und des Kunstvereins bekommen können, ist die Errichtung des neuen Kunstmuseums in Bremerhaven.

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