Oligarchen auf dem Vormarsch - Russlands Kunstszene

Die russische Revolution

Limousinen und Antiquitäten kaufen wird irgendwann langweilig. Nun haben junge russische Sammler die Gegenwartskunst entdeckt. Die Kunstszene des Landes, die lange nur im Westen wahrgenommen wurde, erlebt einen Boom.
Nur für's Geldhaben berühmt sein will niemand:Russen kaufen Kunst

Auf der Messe Art Moskwa sind politische Motive begehrt. Hier abgebildet: Wladimir Putin und der neue Präsident Dmitri Medwedjew

Wer im neuen Russland zu Reichtum kommt, denkt nicht daran, Kunst zu kaufen. Er muss erst mal ein paar andere Kleinigkeiten erledigen. Ein Bentley sollte angeschafft werden, dann eine Yacht. Wer es ernst meint mit dem Reichsein, braucht eine Villa in der Moskauer Nobelstraße Rubljowka, ein Apartment im Zentrum der Hauptstadt sowie ein Stadthaus im vornehmen Londoner Stadtteil South Kensington. "Diese Dinge gehören zwingend zusammen", sagt Joseph Backstein, 63, Leiter des Moskauer Instituts für zeitgenössische Kunst. "Erst wenn das Paket komplett ist, fangen die Leute an, sich für Kunst zu interessieren."

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Backstein, Kurator der Moskau-Biennale, betrachtet das neue Interesse an der Kunst mit Amüsement. Einfach nur fürs Geldhaben berühmt sein will niemand, auch im erstarkten Russland nicht. Kultiviert sein – das ist plötzlich ein Ziel für die russischen Geschäftsleute. Prominentestes Beispiel ist der Öl-Oligarch Roman Abramowitsch, 42. Bisher hatte er sich mit dem Kauf von Yachten und des Fußballklubs FC Chelsea vergnügt. Bei den New Yorker Frühjahrsauktionen ersteigerte er das "Triptychon" von Francis Bacon für 86,3 Millionen Dollar und das Gemälde "Benefits Supervisor Sleeping" von Lucian Freud für 33,6 Millionen Dollar – Rekordpreise.

Doch auch eine Stufe unterhalb der Oligarchenkaste ist Kunstshopping zum populären Hobby geworden. "Das Sammeln von Gegenwartskunst ist jetzt Mode", erklärt Backstein. "Was hier aber fehlt, ist Wissen über Kunst. Die Bildung." Wie zum Beispiel bei Vadim Stepanow, Schuhkönig von Russland. Er ist nicht der Typ Sammler, der sich nach der Arbeit in kunsttheoretische Schriften vertieft. "Mir ist wichtig, dass Kunstwerke eine positive, angenehme Ausstrahlung haben", sagt er. "Ich will sie ja auch in meinen Schuhgeschäften einsetzen." So spricht gewiss kein Schöngeist bildungsbürgerlicher Prägung.

"Art4.Ru" – Russlands erstes Privatmuseum für zeitgenössische Kunst

Nicht überall geht die Schere zwischen Kaufkraft und Kunstverstand so weit auseinander. Wer der 22 Jahre jungen Maria Baibakowa begegnet, erlebt eine erstaunliche Melange aus Geld, Glamour und Kenntnis. Ihr Vater, der 41-jährige Oleg Baibakow, verdiente seine Millionen im Vorstand einer Minengesellschaft. Seine Tochter studierte Kunstgeschichte und schreibt gerade ihre Dissertation über Ilya Kabakov. Nebenher kauft Maria Baibakowa Kunst – für ihren Vater und für sich. Sie sei "defintiv an feministischer Theorie" interessiert, ihr Vater mag erotische Bilder. In Zukunft kann sich Maria Baibakowa auch vorstellen, als Sammlerin und Kuratorin im Moskauer Kunstbetrieb Flagge zu zeigen.

Ein Schritt, den Igor Markin schon getan hat. Der 42-jährige Unternehmer hat im vergangenen Jahr Russlands erstes Privatmuseum für zeitgenössische Kunst eröffnet. Das "Art4.Ru" ist ein sympathischer Gemischtwarenladen mit rund 1000 Werken, die der bärtige Sammler selbst unkonventionell inszeniert hat. Konzeptualisten wie Boris Mikhailov oder Erik Bulatow werden hier unbekümmert mit jüngerer Popkunst gemischt. Kühler und strenger als bei Markin geht es in der "RuArts Galerie" zu. Die Industriellengattin Marianna Sardarowa, 42, zeigt hier Werke aus dem Besitz ihrer Stiftung, mit der sie nicht nur Kunst erwirbt, sondern auch Künstler unterstützt.

Russischer Kunstliebhaber zeigt deutschen Ordnungsfimmel

Es ist zum Glück eben nicht nur neues Geld, das in die russische Gegenwartskunst fließt. Hinter den schrillen Auftritten der jungen Reichen kommt eine Riege von Sammlern zum Vorschein, die schon länger und ernsthafter mit der Moskauer Szene verwoben ist. Allen voran der Franzose Pierre Brochet, 47. Seine Sammlung umfasst etwa 400 Werke, die er zum Großteil in einem sympathisch abgewohnten Büro an der Malaya-Ordinka-Straße lagert. Brochets wichtigste Tat war bislang die Gründung des "Art Collectors Club" mit seinen Mitstreitern Michael Tsarev und Dimitri Kowalenko. Das Trio organisiert Kunstgespräche, Reisen zu internationalen Kunstmessen und Auftritte von Privatsammlungen auf der Art Moskwa.

Michael Tsarev, 40, führt einen Aktenordner zu seinen geschätzten 400 Objekten. Sollte dieser Ordnungssinn damit zu tun haben, dass Tsarev als Vorstandsmitglied der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG wöchentlich zwischen Deutschland und Russland pendelt und dass seine russische Ehefrau nebst den drei Töchtern in München lebt? Schon möglich. Tsarev lächelt und beginnt in akzentfreiem Deutsch eine Führung durch sein Apartment in Moskau. Der Esstisch klemmt zwischen zwei großformatigen Fotoinszenierungen der populären Künstlergruppe AES+F, in einer Ecke spulen elektronische Schriftbänder Zitate russischer Literaturklassiker ab, eine Installation von Aristarch Tschernyschew.

Russen kaufen Russen

Die Arbeiten russischer Künstler, abgesehen von großen Namen wie Ilya Kabakov oder Erik Bulatow, sind im internationalen Vergleich relativ erschwinglich. Vielleicht ist auch dieses Preisgefälle ein Grund dafür, warum die meisten Moskauer Sammlungen nur aus russischer Kunst bestehen. Das Interesse an internationaler Kunst hält sich sehr in Grenzen. Es gibt Vermittler wie den Wiener Galeristen Hans Knoll, der in den letzten Jahren mehrere Skulpturen von Tony Cragg verkauft hat, eine davon an Wladimir Dobrowolsky, 49, der zu den ernsthaftesten Sammlern in Russland gehört – doch ein solcher internationaler Austausch ist derzeit noch die Ausnahme. Meist kaufen Russen Russen.

Dass Russland nicht immer so selbstbezogen war, kann man heute noch im großartigen Sammlermuseum sehen. Dort sind mit Schlüsselwerken von Monet, Cézanne, Gauguin, van Gogh und Matisse die grandiosen Reste der Kollektionen von Iwan Morosow und Sergei Schtschukin zu bewundern. Heute wurde die Intelligenzija von der neuen Wirtschaftselite abgelöst. Es regiert der Markt, nicht der Diskurs. Pierre Brochet wirbt damit Mitglieder für seinen Sammlerclub: "Wenn Du Deinen Namen in der Geschichte verankern möchtest, werde Kunstsammler.“ Es scheint ein regelrechtes Wettrennen darum zu geben, wer irgendwann einmal mit Tretjakow, Schtschukin oder Morosow in einem Atemzug genannt werden wird. Am Geld dürfte es kaum scheitern.

Gekürzte Fassung. Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen art-Ausgabe 7/2008.