Mauerkunst - Berlin

Kunst unter Wasserdampf

Anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls im November soll die "East Side Gallery" in Berlin saniert werden. Die Bilder, die Künstler 1990 auf die Reste der Mauer malten, sollen dafür entfernt und anschließend neu aufgemalt werden. Jetzt protestieren die Künstler – und gründen erste Gegeninitiativen.
Kunst unter Wasserdampf:"East Side Gallery" soll saniert werden

Dmitry Vrubel: "God! Help me survive amid this mortal love", 1989

"Langsam reicht es", ruft Barbara Greul Aschanta, und Kollege Bodo Sperling fügt hinzu, man könne sich schließlich nicht schon wieder über den Tisch ziehen lassen. Seite an Seite malten die Frankfurter Künstler 1990 großformatige Bilder auf die Reste der Berliner Mauer. 116 Künstler aus 21 Ländern taten es ihnen gleich und bemalten das 1316 Meter lange Reststück der Mauer entlang der Mühlenstraße im Stadtteil Friedrichshain mit ihren Visionen und Kommentaren zum Umbruch 1989/90. Damals entstand die größte Open-Air-Galerie der Welt, die unter dem Titel East Side Gallery noch heute eine Touristenattraktion ist. Dabei bröckelt hier längst der Beton, die Bilder sind größtenteils in erbärmlichem Zustand, viele zudem mit Graffiti überpinselt.

Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls im November soll jedoch alles wieder wie damals aussehen, für zirka 2 Millionen Euro soll die East Side Gallery komplett saniert werden. Doch um welchen Preis? "Alles muss weg", erklärte Kani Alavi, Vorsitzender der Künstlerinitiative East Side Gallery, die sich um den Erhalt des unter Denkmalschutz stehenden Gesamtkunstwerks kümmert, unlängst auf "Spiegel Online". Um die Substanz zu schützen, müssten alle Farbreste mit 80 Grad heißem Wasserdampf entfernt werden. Anschließend werde der Beton ausgebessert, und schließlich – so der Plan – sollen die ursprünglichen Künstler ihre, durch die Prozedur komplett entfernten, Bilder neu aufmalen. "Wir werden gar nicht erst gefragt, ob wir der Vernichtung unserer Arbeiten zustimmen", empören sich Greul Aschanta und Sperling, zumal bereits Fakten geschaffen wurden. So wurde unter anderem der "Bruderkuss", jenes berühmte Bild des Moskauer Malers Dmitri Vrubel, das Honecker und Breschnew in zärtlicher Umarmung zeigt, ohne Wissen des Malers entfernt. "Es ist unglaublich. Wo ist mein Werk?", entrüstete Vrubel sich unlängst und fügte hinzu, er könne ja wohl nicht das gleiche Bild noch einmal malen.

"Seit zwanzig Jahren fühlen wir uns verarscht"

Allein der neue glatte Untergrund biete doch ganz andere Voraussetzungen für die Werke als 1990, erläutert Bodo Sperling und schimpft: "Das Ganze soll 'ne Plastikgeschichte werden." Besonders wütend macht ihn und diverse Kollegen die Tatsache, dass den Künstlern für ihre Bemühungen lediglich eine Aufwandsentschädigung von je 3000 Euro angeboten wurde, wenngleich eine knappe Million von der Lottostiftung Berlin allein für die Instandsetzung der Gemälde bereitgestellt worden sei. Ein Finanzierungsplan des Bauträgers S.T.E.R.N. GmbH, der ihm zugespielt worden sei, verzeichne jedoch vollkommen unsinnige Ausgaben wie 100 000 Euro für Gerüste, die keiner der Künstler benötige, oder 64 000 Euro für die "Betreuung der Künstler". Überdies seien "die veranschlagten Mittel zur Beschaffung der Farben mit 128 520 Euro circa 100 000 zu hoch bemessen", glaubt Sperling.

"Im Grunde fühlen wir uns schon seit zwanzig Jahren verarscht", erklärt Barbara Greul Aschanta die aufgestaute Wut. All die Jahre sei mit Marketingprodukten wie Büchern, Kalendern, Postern etc., die auf ihren Arbeiten basierten, Geld gescheffelt worden. Bloß die Künstler hätten, trotz ursprünglich anderer Zusagen, nie einen Cent davon gesehen. Bereits 1991 habe Mauerkünstler Jim Avignon sein Werk deshalb mit dem Wort "Moneymachine" übermalt. Ihre alten Bilder abermals zu malen, das käme für sie allenfalls für einen deutlich höheren Betrag als 3000 Euro infrage, so Greul Aschanta und Sperling. Aus diesem Grund hat Bodo Sperling jetzt eine Initiative gegründet, die das Ziel verfolgt, die Mittel der Lottostiftung ausschließlich den beteiligten Künstlern zur Wiederherstellung ihrer Bilder zugutekommen zu lassen. Die Unterzeichner, mittlerweile 14 Künstler aus Deutschland und der Sowjetunion, "fordern ihr Recht auf Freiheit der Kunst ein. Dazu gehört, eventuell den Bilduntergrund im Original zu bewahren. Die Künstler", so heißt es in der Erklärung weiter, "sollen die Möglichkeit haben, ihre Bilder selbst zu restaurieren". Überdies fordern Sperlings Mitstreiter eine Honorierung der Arbeitsleistung von 15 000 Euro pro Bildwerk, schließlich stelle die East Side Gallery einen nicht unerheblichen Wirtschaftsfaktor für Berlin dar. "Für 3000 Euro", so Greul Aschanta, "stelle ich meinen Hintern jedenfalls nicht noch mal an die Mauer".

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