Hatje Cantz - Umzug

Reich aber unsexy

Auch der Kunstbuchverlag Hatje Cantz zieht nach Berlin, und der Standort Baden-Württemberg wird weiter geschwächt. Eine Herausforderung, mit dem auch andere Großstädte fertig werden müssen – und der sie sich stellen sollten.
Out of Ostfildern:Hatje Cantz zieht in dier Hauptstadt

Daniel Josefsohn: "Die neue S-Klasse", 1998. Das Buch "OK DJ" mit Fotos des Berliner Fotografen und Künstlers erscheint Ende der Woche im Verlag Hatje Cantz und wird 29,80 Euro kosten

Schlechte Nachrichten für den Kunststandort Baden-Württemberg: Hatje Cantz, einer der wichtigsten Verlage im Kunstbetrieb, zieht nach Berlin. Das traditionsreiche Unternehmen, das 1945 von Gerd Hatje unter dem Namen Humanitas Verlag gegründet worden war, gibt seinen Stammsitz in Ostfildern bei Stuttgart auf und zieht Mitte des kommenden Jahres komplett an die Spree. Alle Mitarbeiter sollen in der Hauptstadt weiterbeschäftigt werden, heißt es, Kündigungen werde es nicht geben. Ein Herstellungsbüro wird in Ostfildern bleiben.

Der Trend hin nach Berlin geht also ungebremst weiter. Viele Galeristen haben seit Jahren ein Standbein in Berlin – Monika Sprüth und Philomene Magers, Gisela Capitain, Daniel Buchholz und Luis Campana – oder sind, wie der Kölner Galerist Ulrich Fiedler, gleich komplett nach Berlin gezogen. Aber die Hauptstadt ist längst auch für Verlage und andere Kultursparten attraktiv: Die Filmfirma Kinowelt ist nach Berlin übergeseiedelt ebenso wie das Hamburger Klassiklabel Deutsche Grammophon. Die Frankfurter Verlage Suhrkamp und Eichborn hat es genauso in die Hauptstadt gelockt wie den Mannheimer Duden-Verlag. Auch die Münchner "Weltkunst" agiert längst von Berlin aus.

Berlin sei nun mal die größte Verlagsstadt Deutschlands und wichtigster Kunst- und Kulturstandort, heißt es bei Hatje Cantz. Eben weil die Abwanderung nach Berlin ungebrochen ist, hofft man, an dem neuen Standort näher an Auftraggebern, Künstlern und Partnerunternehmen zu sein. Außerdem herrsche in Berlin eine kreative Atmosphäre, allein durch Kunstveranstaltungen wie das Gallery Weekend, die Art Week und die Biennale.

Unter diesem Glauben ans kreative Berlin leidet auch Baden-Württembergs Kunstszene zunehmend. Erst kürzlich bekam das Land als Kunststandort vernichtende Noten. Eine Studie, die das Kunstbüro der Kunststiftung Baden-Württemberg in Auftrag gegeben hat, kommt zu dem Ergebnis, dass die meisten jungen Künstlerinnen und Künstler das Land nach dem Studium sofort verlassen und in der Regel nach Berlin ziehen, weil sie überzeugt sind, dort bessere Entwicklungschancen zu haben. In Baden-Württemberg, so die jungen Leute, herrsche eine Art "Sattheit". Die Städte seien "fertig", böten keinen Raum für künstlerische Aktionen und Interventionen, ließen keinen "Wildwuchs" zu, in dem man Möglichkeiten und Chancen vermutet.

Zentralisierung der Kunstlandschaft wird anhalten

Dieses Gefühl, dass Berlin der einzig geeignete Standort für Künstlerinnen und Künstler in Deutschland ist, besteht laut der Studie unabhängig von den konkreten Förderinstrumenten vor Ort – und auch unabhängig davon, wie die wirtschaftlichen Chancen in Berlin tatsächlich sind. Der Mythos Berlin wird dem Nachwuchs aber bereits in der Lehre vermittelt. Da die meisten Professoren der Kunstakademien in Baden-Württemberg nicht vor Ort leben, "stellen die Studenten den Ort auch in Frage", so das Ergebnis der Studie. Die Diagnose lässt sich unschwer auf die Situationen anderer Kunststandorte übertragen. Auch der Großteil der Akademieprofessoren in Hamburg, Frankfurt oder Düsseldorf lebt mittlerweile in Berlin. Die Angst, mit dem Einfordern einer Residenzpflicht auf viele renommierte Künstler in der Lehre verzichten zu müssen, ist schließlich berechtigt. Wer Relevanz und Renomee seiner Schule nicht gefährden will, kommt um Berliner Personal nur schwer umhin.

Die Zentralisierung der deutschen Kunst- und Kulturlandschaft wird noch eine Weile anhalten. Zu zögerlich sind die übrigen Städte und Länder noch, wenn es darum geht, die eigene Kulturlandschaft zu entwickeln. Und wenn doch, ist das Ergebniss leider oft von offenbarender Provinzialität. In Hamburg war den Künstlern das Kulturmarketing ihrer Stadt sogar derart unangenehm, dass sie mit dem Manifest "Not in our name" einen regelrechten Aufschrei gegen die Vermarktung ihrer Kreativität inszenierten. Für die die anderen Großstädte bedeutet von Berlin lernen vor allem: mehr Mut zu offenen Strukturen, weniger organisierte Kampagnen, mehr Möglichkeitsräume zur Selbstentfaltung von kulturellen Räumen – das ist die Blaupause, die Berlin (anfangs eher unfreiwillig und aus wirtschaftlichem Mangel heraus) vorgelegt hat. Nur so kann sich auch in vermeintlich "fertigen" Städten wie Stuttgart wieder ein kulturelles Umfeld entwickeln, das über die Stadtgrenzen hinaus Interesse erregt. Die jüngsten Ansätze der Kunstförderung in Düsseldorf oder Hamburg (siehe gestriger Beitrag von Michael Kohler), sind vielleicht ein Zeichen dafür, dass dort ein Umdenken in der Kulturförderung bereits eingeleitet ist. Dass es am Ende irgendwann mal einen Verlag von Berlin Richtung Stuttgart zieht, ist also noch nicht völlig ausgeschlossen.

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