Kristina Buch - Zuckerbilder

Zuckerschock für Museumsbesucher

Mit 29 Jahren war Kristina Buch im vergangenen Jahr die jüngste Teilnehmerin der documenta 13. Ihr Schmetterlingsgarten blieb im Gedächtnis. Nun lanciert die Düsseldorferin eine neue, geheimnisvolle Arbeit: In Sammlungen klassischer Moderne platziert sie Bilder, die komplett aus Zucker bestehen. Nur wo?
Zum Ablecken:Abschlussarbeit mit Bildern aus Zucker

Sie war die 2012 die jüngste Künstlerin der documenta 13: Kristina Buch, Meisterschülerin von Rosemarie Trockel

Der Schmetterlingsgarten vor dem Fridericianum gehörte zu den eindrucksvollsten Arbeiten der documenta 13 im vergangenen Jahr: Die Düsseldorfer Künstlerin und gelernte Biologin Kristina Buch hatte unter dem Titel "The Lover" 180 Pflanzen auf 100 Quadratmetern vereint – eine Spielwiese für 40 Schmetterlingsarten und eine Installation, die zugleich natürlich und vollkommen künstlich war, und damit das Thema von Carolyn Christov-Bakargievs Schau mustergültig verhandelte: die Suche nach einer neuen Balance zwischen Natur und Kultur.

Nun macht Buch mit einer ungewöhnlichen Arbeit erneut auf sich aufmerksam. Diesmal geht es um unser Verhältnis zur Kunst – auf ganz direkte, körperliche Weise. In einer bedeutenden Sammlung der Moderne (welche, darf hier nicht verraten werden) platzierte sie zwei Gemälde, die klassisch-abstrakte Bildformeln verwenden: Eines kleineres in Schwarz bezieht sich auf den russischen Suprematisten Kasimir Malewitsch, ein größeres in Grau ähnelt den Werken Barnett Newmans. Wer ihnen keine nähere Beachtung schenkt, wird beide Bilder für echt halten und sich täuschen lassen, doch das Besondere an ihnen ist nicht ihr mimetischer Charakter, sondern die Wahl des Materials: Die beiden Gemälde bestehen ganz aus Zucker. Und das ist durchaus als Aufforderung gemeint: Besucher sollen nämlich daran lecken, es ist erwünscht, damit die Bilder ins Nichts zurück befördert werden.

Man kann darin einen Kommentar zu den Wertschöpfungsmechanismen im Kunstmarkt sehen: Dann erscheint die moderne Kunst als Süßigkeit für Sammler. Oder man versteht die Arbeit als Neudefinition der Kunstrezeption: Der Betrachter nimmt die Arbeit nicht mehr nur wahr, sondern verleibt sie sich ein.

Aber ihre Natur als Zuckerstück macht die Bilder auch gefährdet und angreifbar, und tatsächlich ist es dieser Aspekt, um den es der Künstlerin geht: der ephemere Charakter, die Idee des Sich-Auflösens. Im Kontext von Meisterwerken der Moderne, die scheinbar ewige Werte repräsentieren (und den entsprechenden monetären Gegenwert hervorbringen), zeigt sie Bilder, die darauf angelegt sind zu verschwinden. In der Kunstgeschichte gibt es einige Vorläufer: Man denkt etwa an Dieter Roths Werke aus Schokolade, oder an David Hammons, der 1983 auf der Straße in New York Schneebälle als Kunstwerke anbot und seinen Kunden somit wirklich ein Nichts verkaufte.

Kristina Buchs Bilder werden künftig in anderen Sammlungen auftauchen, und zwar inkognito, so lange bis sie schließlich weggeleckt sind. Wo genau die Bilder gezeigt werden, soll sich durch Mundpropaganda verbreiten. Das Unscheinbare gehört zum Charakter dieser Arbeit, deren Titel "later, Goliath. And then startet humming." lautet.

Buch schließt damit ihr Studium bei Rosemarie Trockel an der Düsseldorfer Kunstakademie ab; zur Zeit ist sie außerdem Assistenz-Professorin von Carolyn Christov-Bakargiev an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Zuvor hatte hat sie Biologie und protestantische Theologie studiert und einen Master of Arts am Royal College of Art in London erworben. Neben der Documenta nahm sie auch an den "Parallel Events" der Manifesta 9 teil und bekam im Jahr 2012 den Trieste Young European Artist Award.

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