Michael Naumann - Interview

Eine närrische Geschichte

In seiner Amtszeit als erster Staatsminister für Kultur wurde das Washingtoner Abkommen unterzeichnet. Angesichts der Wirren um den sensationellen Schwabinger Kunstfund ist Michael Naumann wie so viele mit Restitutionsfragen der NS-Raubkunst befasste Politiker, Erben Juristen, Kunsthistoriker geradezu fassungslos über die Geheimhaltungstaktik der Augsburger Staatsanwaltschaft. Naumann fordert eine sofortige Professionalisierung der Provenienzrecherchen zu den über 1400 Kunstwerken aus Cornelius Gurlitts "Schatz". Sowohl die hier mit der Provenienzforschung befasste Kunsthistorikerin Meike Hoffmann als auch die Staatsanwaltschaft sei sichtlich überfordert. Und Naumann möchte vor allen Dingen gerne wissen, ob die Bundesregierung über den Fund informiert war.
"Sofort professionalisieren":Naumann über den Schwabinger Kunstfund

Michael Naumann ist Geschäftsführer der Barenboim-Said-Akademie in Berlin. Er war Deutschlands erster Kulturstaatsminister und von Februar 2010 bis April 2012 er Chefredakteur von "Cicero"

art: Wie beurteilen Sie das vielfach kritisierte Vorgehen der Staatsanwaltschaft in Augsburg, sprich deren Geheimhaltungstaktik?

Michael Naumann: Der Staatsanwaltschaft in Augsburg scheint die Washingtoner Erklärung von 1998 nicht bekannt gewesen zu.

Was wohl schwer möglich sein kann!

Aber hallo! Meine Erfahrungen als Staatsminister mit den deutschen Museen nach Verabschiedung der Washingtoner Erklärung unterscheidet sich nicht lebhaft von dem, was wir jetzt in Augsburg erleben. Auf einen Rundbrief hin, den ich seinerzeit aufgrund des Kulturföderalismus an führende deutsche Museen geschrieben habe, kam bis auf eine Ausnahme überhaupt keine Antwort. Schauen Sie sich doch an, mit welch peinlicher Verbissenheit in manchen Museen gegen Restitutionsansprüche gekämpft wurde. Ich will damit nur andeuten, dass es einen Possessivcharakter von Museumsdirektoren gibt, die sich um ihre Kunstschätze kümmern, als ob es ihre eigenen wären. Das gehört offenbar mit zur Berufspsyche! Man denke nur an das Von-der-Heydt-Museum, wo der Anspruch auf Restitution durch den Wuppertaler Stadtrat gegen den Willen der seinerzeitigen Museumsdirektorin durchgesetzt worden ist.

In dieser Haltung hat sich zumindest in den letzten fünf Jahren bei den jüngeren Museumsdirektoren etwas geändert.

Sie haben natürlich Recht, bei der neuen Generation von Museumsdirektoren gibt es heute auch eine moralische Einsicht.

Die bei Gurlitt aufgefundene Gouache von Franz Marc "Pferde in Landschaft" war 1963 im Lenbachhaus ausgestellt. Man muss also davon ausgehen, dass es einen offiziellen Leihvertrag mit Gurlitt gab. Offenbar war seinerzeit das Unrechtsbewusstein generell etwas anders gepolt.

Wem sagen Sie das! Ich will ein Beispiel nennen: Es gab weit über 1000 Bilder, die von den Collecting Points der Alliierten aus nicht restitutiert werden konnten, weil die Besitzer nicht aufzufinden waren oder nicht mehr lebten. Diese Kunstwerke wurden dann in letzter Instanz der Bundesregierung übergeben und landeten beim Finanzminister. In meiner Amtszeit erzählte mir ein Beamter: Da hängen noch über 1000 Bilder aus den Collecting Points in den diversen Finanzbehörden der BRD mit der Maßgabe diese Bilder nicht in Zimmern mit Publikumsverkehr zu zeigen. Als ich dies dem damaligen Finanzminister Hans Eichel sagte, fiel er aus allen Wolken. Eine Durchsicht dieser Bilder hat sich dann über Jahre hinweggezogen, und man fand dann beispielsweise zwei Canalettos.

Was ist aber nun in dem Fall Gurlitt grundlegend falsch gelaufen?

Wenn jetzt zum Beispiel ein verloren geglaubtes Bild wie die berühmte "Sitzende Frau" von Matisse auftaucht, auf dessen Rückseite PR oder Paul Rosenberg steht, dann hätte man doch als erstes die Erben des jüdischen Kunsthändlers informieren müssen – und zwar innerhalb von einer Woche. Aber das Bild ist jetzt schon seit über einem Jahr aufgefunden. Und Anne Sinclair, die getrennte Frau von Daniel Strauss-Kahn, ist als Enkelin die legitime Erbin zusammen mit anderen Familienmitgliedern der Rosenbergs. In ihrem neuesten Buch "Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine?" beschreibt Sinclair ja die Suche nach diesen und anderen Bildern. Das Buch ist gerade im Verlag Antje Kunstmann in München erschienen. Es stellt sich die Frage: Muss eine Staatsanwalt solche Bücher lesen? Natürlich nicht! Muss aber die mit dem Gurlitt-Fund befasste Kunsthistorikerin und Provenienzforscherin Meike Hoffmann solche Bücher lesen? Na klar! Sie wusste doch mit Sicherheit, aus welcher Quelle der Matisse stammte.

Wie ordnen Sie die Reaktion der Bundesregierung ein?

Ich möchte gerne wissen, ob die Bundesregierung von diesem Fund informiert worden ist. Nach allem was ich gelesen habe, würde ich diese Frage mit ja beantworten! Die Bundesregierung ist doch immerhin Unterzeichner der Washingtoner Konvention. Wenn die Bundesregierung so etwas mitinitiiert und unterstützt hat und über die Stiftung Preußischer Kulturbesitz auch getreulich nach Klärung der Rechtsverhältnisse verfolgt und auch die sogenannte Handreichung verfasst hat, dann sollte doch auch Meike Hoffmann diese Handreichung kennen. Jetzt aber als Kunsthistorikerin zu sagen, ich recherchiere jetzt einmal alleine die Provenienzen von über 1400 Werken, ist ein Unding.

Dies wäre vermutlich in einem ganzen Leben ohnehin nicht zu schaffen.

Genau! Warum setzt man also nicht eine Truppe junger Kunsthistoriker an den Gurlitt-Fund, die ihre Magister- und Doktorarbeiten über die Provenienzen der einzelnen Arbeiten schreiben können. Aber die Ergebnisse müssen öffentlich werden ...

Sie plädieren also dafür, dass alle Werke ins Internet gestellt werden.

Ja, und zwar sofort! Auf der Website lostart.de

Der Fall ist so kompliziert und juristisch verwickelt, weil etliche Werke der sogenannten Entarteten Kunst aus Gurlitts Besitz während des Naziregimes aus Museen beschlagnahmt wurden ...

... genauer gesagt, seinerzeit vom Staat beschlagnahmt wurden. Aber wie sind diese bitteschön dauerhaft in den Besitz von Hildebrand Gurlitt gekommen? Mit anderen Worten: Hat er jemandem etwas dafür bezahlt? Und wenn ja, wem und wie viel? Seine Funktion erinnert mich sehr an die der Kunsthändlerfamilie Wildenstein in Paris, in deren Tresor auch erst vor zwei Jahren in der NS-Zeit verschwundene oder geraubte Bilder auftauchten. Nicht auszuschließen ist, dass Hildebrand Gurlitt viele Bilder unterschlagen hat. Das lässt sich im Einzelnen mühsam festzustellen, aber eine historische Recherche wäre sehr wohl möglich. In Deutschland wurde fast alles schriftlich festgehalten im Dritten Reich. Angesichts der vielen Druckgrafiken in dem Gurlitt-Fund wird die Recherche aber sehr schwierig werden.

Für die These der Unterschlagung spricht ja schon, dass Gurlitt senior und dann auch dessen Witwe erklärten, alle Bilder seien infolge der Bombardierung Dresdens 1945 verbrannt.

Genau! Vielleicht war die Witwe aber sehr genau wissend, dass viele Bilder unrechtmäßig oder unter Druck den jüdischen Besitzern oder den Käufern von Bildern aus jüdischem Besitz abgenommen wurden oder auf irgendwelchen anderen verwinkelten Wegen im Privatbesitz gelandet sind. Aus meinem reinen Rechtsverständnis heraus ist hier überdies kontinuierliche Steuerhinterziehung zu beklagen. Gurlitt junior hatte ein Geschäft, das nicht angemeldet war. Er hat also wahrscheinlich keine Gewerbesteuer gezahlt. Wir reden hier vielleicht von einem höchst undurchsichtigen Steuerhinterzieher, der womöglich Hunderttausende Euros an Steuern hinterzogen hat. Und bis gestern war sogar völlig unklar, wo er sich aufhält.


Es heißt, dass der alte Mann sehr verwirrt sei.

Viele Leute, die plötzlich vor Gericht stehen, sind sehr verwirrt. Auch Herr Hoeneß war plötzlich sehr überrascht, dass er drei Millionen hinterzogen hat. Ich glaube nicht, dass Cornelius Gurlitt verwirrt ist, sondern vielmehr, dass er sehr schlau ist. Ich gehe einmal davon aus, dass Cornelius Gurlitt 40 Jahre lang vom Verkauf der Bilder gelebt hat. Dann stellt sich für mich die nächste Frage: Was ist überhaupt mit dem deutschen oder auch Schweizer Kunsthandel los? Mich würde es nicht wundern, wenn in dem Kontext der Name der Luzerner Galerie Fischer auftaucht. Fischer war der zentrale Hehler der sogenannten "Entarteten Kunst" in der Schweiz.

Was sollte man jetzt von offizieller Seite aus also möglichst zügig unternehmen?

Erstens: Die aufgefundenen Bilder müssen sofort ins Internet gestellt werden – das kostet nicht viel. Zweitens: Die Provenienzforschung muss sofort professionalisiert werden, es geht doch nicht, dass damit eine einzelne Kunsthistorikerin beauftragt ist, die als Expertin für "Entartete Kunst" gilt. Es heißt, dass es auch Dürer-Blätter in dem Konvolut gibt. Das ist bitteschön keine "Entartete Kunst", sondern deutsches Heiligtum.

Es gibt die Vermutung, dass auf der Pressekonferenz in Augsburg bereits die meisten Filetstücke des Gurlitt-Konvoluts publik geworden sind. Viele Werke lassen sich offenbar nur schwer zuordnen, sind also vielleicht nicht über die Maßen wertvoll.

Ja, das ist auf jeden Fall eine närrische Geschichte. In der internationalen Presse ist die Aufregung groß. Und man fragt zu Recht, was in die deutsche Staatsanwaltschaft gefahren ist. Die Staatsanwaltschaft in Augsburg hat sich bei der Aufklärung von bayerischen Schweinereien der Steuerhinterziehung zuletzt mit Ruhm bedeckt. Sie sind allerdings mit solch einem Kunstfall nicht vertraut. Die Staatsanwaltschaft ist meiner Meinung nach nicht pflichtvergessen, sondern ganz offenkundig überfordert.