Amenhotep - Ägypten

Die Kriegerin des Pharaos

Mitten in den Wirren der ägyptischen Revolution und deren Nachwehen arbeitet ein internationales Expertenteam unbeeindruckt an der Rehabilitation eines bedeutenden Pharaos und seiner Kunstschätze: die Geschichte einer beispiellosen Rettungsaktion.
Die Kriegerin des Pharaos:die Rehabilitation eines Pharaos

Die legendären Memnonkolosse, dazwischen die neu aufgestellte Sitzfigur Amenhoteps III., dahinter die Thebaner Berge mit den altägyptischen Nekropolen

Seit Jahrhunderten pilgern Ägyptenreisende nach Theben, ans Westufer des Nils.

Auf dem Weg zu den Gräbern im Tal der Könige machen sie stets vor den zwei imposanten Memnonkolossen halt und staunen über die stumme Schönheit dieses Statuenpaars. Bis heute erscheint es wie ein Wächterduo des pharaonischen Totenreichs in den Bergen dahinter. Fast 3000 Jahre standen diese beiden Sitzfiguren des Pharaos Amenhotep III. gleichsam isoliert im Niemandsland, umgeben von Zuckerrohrfeldern, Bewässerungsgräben, Zufahrtswegen und dörflichen Häusern. Sie wirken erhaben und geheimnisvoll. Noch in der Antike ertönten dort bei Sonnenaufgang sphärische Klänge, wohl physikalisch erzeugt durch Risse im Quarzitgestein. Doch schon in vorchristlicher Zeit machte ein Erdbeben oder gar eine frühe Restaurierung dem berühmten Gesang der Kolosse ein Ende. Ihre ursprüngliche Funktion war damals schon in Vergessenheit geraten.

Zu Unrecht im Schatten des Sohnes

Erst im 19. Jahrhundert fand der englische Archäologe Flinders Petrie auf dem Gelände eine Stele, aus der hervorging, dass sich hinter dem monumentalen Paar der Totentempel von Amenhotep III. erstreckt haben musste, gebaut im 14. Jahrhundert vor Christi. Als Vater des sogenannten Ketzerkönigs Echnaton jedoch wurde diesem Herrscher auch im 20. Jahrhundert nur ein Minimum an öffentlicher Aufmerksamkeit zuteil – zu groß war der Schlagschatten des Sohnes und dessen religiöser, politischer und künstlerischer Umwälzungen. Die kurze Amarna-Zeit Echnatons während der 18. Dynastie wurde erst jüngst wieder von einer Ausstellung im Berliner Neuen Museum gefeiert. Mit ihren bizarren, so modern wirkenden Abweichungen vom altägyptischen Kunstkanon und Götterkosmos übt jene Epoche eine Faszination aus, der man sich schwer entziehen kann.

Das zunächst unspektakuläre, ja unsichtbare Tempelareal hinter den Memnonkolossen galt lange als wenig lohnend für Grabung und Forschung. Zu Unrecht, wie die deutsch-armenische Archäologin Hourig Sourouzian meint: "Wenn es die Amarnaphase nicht gegeben hätte, wäre die Kunst Amenhoteps III. wohl das herrlichste Zeugnis dieser Zeit gewesen. Aber in der Neuzeit rannten die Leute fast wie blind hinter dem Amarna-Kult her, nicht zuletzt wegen der Monotheismus-Ideen, die man mit der Sonnenreligion Echnatons verbindet. Dabei war das eine Zeit der Zerstörung, in der alles getilgt werden sollte, was an die hergebrachte Götterwelt um Amun erinnerte. Ich habe keine großen Sympathien für diese Art des Monotheismus, zumal die alten Götter Ägyptens durchaus friedliche Wesen waren. Ihre Gläubigen muss man sich als glücklich vorstellen. Insofern sollte man das Interesse eher auf Amenhotep III. richten, ein bewundernswerter König, der in seiner 38-jährigen Herrschaft so viel Schönes und Einzigartiges geschaffen hat."

Rettungsmission für Amenhotep

In diesem Sinne ergriff Sourouzian bereits in den späten neunziger Jahren die Initiative. Mit Hingabe widmet sie sich der Rehabilitation Amenhoteps, des Unterbewerteten. Gemeinsam mit einem internationalen Grabungsteam arbeitet sie seither unbeirrt und höchst erfolgreich auf dem einstigen Tempelgebiet. Mittlerweile hat sie Schätze gehoben, die den berühmten Kolossalstatuen in nichts nachstehen. Doch erst seit diesem Jahr bietet sich auch dem nicht eingeweihten Reisenden ein überraschender Anblick: Unmittelbar hinter dem Riesenduo erhebt sich eine neue, riesige Sitzfigur des Pharaos und auch im hinteren Bereich des Grabungsfelds ragen seit einiger Zeit markante Standbilder aus rotem Granit auf. Sourouzian erinnert sich, als sie einst am benachbarten Totentempel des Ramses-Sohnes Merenptah arbeitete und regelmäßig an der Wüstenei hinter den Memnonkolossen vorbeilief: "Ich sah Statuenfragmente unbeachtet wie Schrotthaufen daliegen. Oft stand das Gelände im Wasser, weil es unterhalb der bewässerten Felder liegt. Überall wuchs Schilf oder Kameldorn, der in Trockenzeiten wie Zunder brannte. Dann kam die Feuerwehr und spritzte beim Löschen Wasser auf die erhitzten Relikte, die dadurch zerbarsten."

Eine Rettungsmission für Amenhotep war also bitter nötig. Zunächst einmal erwirkte die beherzte Ägyptologin, dass Ägyptens wohl größter Gedenktempel 1998 auf die Liste der 100 meistgefährdeten Kunstwerke der Welt kam. Mit einer kleinen Zuwendung des World Monument Fund konnte das Gelände zunächst gereinigt und der Bestand dokumentiert werden. Wie bei fast jedem altägyptische Großtempel des Neuen Reiches folgt die Anlage einem festgelegten Schema: Aus Lehmziegeln gemauerte Pylone gliedern das Areal von Außen nach Innen, einem Säulenhof (Peristyl) folgt eine Säulenhalle (Epistyl), bevor es in das Allerheiligste geht. Von all diesen Bauelementen sind unter Schichten von Unkraut und Schutt beachtliche Überbleibsel erhalten. Gewaltige Säulenstümpfe künden jedoch davon, dass hier Baumaterial wohlfeil zur Verfügung stand. So manches Gebäude am Westufer des Nils mag noch mit Blöcken von Amenhoteps "Millionenjahrhaus" errichtet sein. Dieses Versprechen von Dauer, das sich der Pharao für seinen Totenkult vorgestellt hatte, wurde wohl schon zu Zeiten seiner Nachfolger gebrochen. Auch sie brauchten Steine für ihre eigenen Totentempel. Ermutigt wurden die antiken Steindiebe dadurch, dass bereits um 1200 vor Christi ein Erdbeben zerstörerische Vorarbeit leistete. "Dieser einst so majestätische Tempel wurde von der Natur und den Menschen so lange misshandelt. Wir wollten diese Reste freilegen und bewahren", erklärt Sourouzian.

Ein Tempel bekommt seine Würde zurück

Erst heute, mit der sukzessiven Neuaufstellungen von Relikten, gewinnt das Bauwerk allmählich seine originale Form zurück. Auf dem beschwerlichen Weg ging häufig das Geld aus. Der ägyptische Staat, notorisch finanziell wie politisch gebeutelt, trug wenig bei – obwohl Hourig Sourouzian die ideelle Unterstützung der Altertumsbehörde kaum genug loben kann: "Es gibt hier so viele Kulturdenkmäler, da wäre es doch absurd, wenn ausgerechnet wir vom Staat Geld erwarteten – nicht nur wegen der aktuellen politischen Situation. Wir haben das Privileg und sind dankbar, hier arbeiten zu dürfen." Jedes Jahr, wenn im Frühjahr die Grabungskampagne endet und die Resultate vorgestellt werden, erscheint dann der jeweilige Antikenminister aus Kairo mit seiner Entourage; ein Fest für alle Beteiligten. Die Finanzierung geschieht freilich durch großzügige, oft private Spenden aus aller Welt. In Frankreich und Deutschland wurden Vereine gegründet, mit deren Hilfe teures Equipment wie Luftkissen und Kompressoren, Entwässerungstechnik und ein Untersuchungslabor finanziert werden. 2006 konnte, erneut mit Hilfe des World Monument Fund, der bedrohlich hohe Grundwasserspiegel in Säulenhof und -halle um drei Meter abgesenkt werden. Um diesen Status quo zu halten und um jedes Jahr mit der internationalen Helferschar von etwa 340 Leuten weiterarbeiten zu können, verbringt Sourouzian den grabungsfreien Sommer mit der Einwerbung von Sponsorengeldern.

Denn die Archäologin hat einen Traum: "Der gesamte Tempel ist ein Museum und soll als solches bewahrt werden. Nach aller Unbill durch Erdbeben, Flut, Feuer und rücksichtslose Abenteuerer ist es an der Zeit, dass dieser Ort seine Würde zurückbekommt, als eines der schönsten Freilichtmuseen, das man sich denken kann. Für eine dauerhafte Sicherung und Zugänglichkeit brauchen wir eine Menge Geld." Damit diese Idee kein Traum bleibt, hat sich Sourouzian die Architektin Nairy Hampikian ins Boot geholt – gebürtige Armenierin wie sie selbst. Hampikian hat sich nicht nur mit der Sicherung der Anlage beschäftigt, sondern auch mit dem Schauwert für Besucher von außen, indem sie eine durchsichtige Mauer für das Areal entworfen hat. Am liebsten würden die beiden im Peristyl auch wieder die herrlichen Sitzfiguren der löwenköpfigen Göttin Sekhmet aufstellen. Bereits 100 dieser Bildwerke aus Granodiorit sind bereits gefunden worden. Auch Fragmente von zwei weiteren Kolossalstatuen des Amenhotep liegen schon zur geplanten Aufstellung 2016 bereit – aus dem Alabaster des mittelägyptischen Steinbruchs von Hatnup gefertigt. Auf Französisch schwärmt die Wissenschaftlerin von der feinen Kontur der Lippen an dem drei Meter hohen Kopf des Herrschers: "Diese Züge erkennt man sofort!" Ebenfalls aus Alabaster gemacht, leuchten schon seit Jahren ein mächtiges Nilpferd und eine krokodilschwänzige Sphinx auf dem Gelände.

Ein internationales Dreamteam in Luxor

Immer wieder kommen neue Funde hinzu, wie kürzlich die Skulptur der Pharaonentochter Iset, eng an eine Wade ihres riesigen Vaters geschmiegt. Sogar Bruchstücke der alteingesessenen östlichen Memnonkolosse tauchen bisweilen auf, die dann behutsam ergänzt werden. "Wir haben einheimische Assistenten in unserem Team, die sehen solch ein Puzzleteil und wissen sofort, wo die dazugehörige Lücke ist", preist Sourouzian die Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter. Zu der Gruppe, die sich alljährlich während der winterlichen Grabungssaison hier einfindet, gehören Ägyptologen, Architekten und Geologen, darunter drei "Archäoseismologen" genannte Erdbebenforscher. Sie reisen aus Deutschland, Spanien, Frankreich, Armenien oder Japan an und funktionieren wie eine große Familie.

Aus den umliegenden Dörfern kommen dann jene zahlreichen Experten hinzu, deren Vorfahren schon seit dem 19. Jahrhundert ihre Familien als Grabungshelfer ernährten: "Es sind junge, brillante Leute, auf die ich sehr stolz bin und die sonst keine Chancen hätten. Sie können reinigen, restaurieren, ergänzen und geben in den kleinen Werkstätten unserer Mission ihr Wissen weiter. Das ist unsere Art der Schule und auch ein soziales Projekt", begeistert sich die Grabungschefin. Doch ihr liebster Mitarbeiter ist ohne Zweifel Rainer Stadelmann, ihr Ehemann. Der Deutsche gilt als einer der namhaftesten Ägyptologen unserer Tage. 1933 geboren, war er bis 1998 Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo. An der Seite von Hourig Sourouzian und im Gefolge von Pharao Amenhotep III. gibt es für Stadelmann keinen klassischen Ruhestand. Er hat das ehrgeizige Projekt von Anfang an begleitet und steht gern für wissenschaftliche Detailfragen bereit. Manchmal sind die beiden Archäologen auch unterschiedlicher Meinung. So können sie sich absolut nicht einigen, weshalb Amenhotep wohl Hunderte von Sekhmet-Statuen aufstellen ließ. Die weibliche Gottheit mit dem Löwenkopf hatte in der altägyptischen Religion tatsächlich diverse Funktionen. "Rainer glaubt, dass Amenhotep gegen Ende seines Lebens schon sehr krank war und Sekhmet für ihn als heilende Göttin funktionierte. Ich denke aber, dass sie ihn als kriegerische Sonnengöttin vor seinen Feinden schützen sollte", so Sourouzian. Für jeden, der die engagierte Ägyptologin trifft, liegt letztere Deutung sofort klar auf der Hand: Wie Sekhmet symbolisch, so verteidigt Hourig Sourouzian den Pharao und sein Erbe leidenschaftlich gegen jegliche Feinde – gegen Naturgewalten, menschliche Übergriffe und gegen das Vergessen.

Amenhotep beim World's Monument Fund


http://www.wmf.org/project/mortuary-temple-amenhotep-iii

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