Bookmarks - Lesetipps Oktober

Die Lesetipps des Monats

art stellt jeden Monat zehn neue Kunstbücher vor. Diesmal mit einem Blick auf die zeitgenössische Kunstszene in Island, dem Frühling in Georgien und das Kunst- und Denklabor des Documenta-Kochs Ferran Adrià.
Das müssen Sie lesen:Zehn neue, spannende Kunstbücher für den Monat Oktober

Island: Icelandic Art Today

Die dunkelhaarige Frau auf dem Foto trägt ein rosa Catsuit, ihr Körper ist mit einem weitmaschigen Netz umhüllt, das Gesicht unter einer bunten, ebenfalls gehäkelten Kappe verborgen. Dieselbe Frau noch mal, diesmal sind ihre langen, dunklen Haare zu einer kunstvollen Maske verflochten.

Das Catsuit ist "Second Skin", eine Skulptur zum Anziehen, von der isländischen Künstlerinnenformation The Icelandic Love Corporation. Die isländische Popsängerin Björk ist die Frau mit der zweiten Haut. Björk ist es auch, deren Haare so ungewöhnlich gebunden sind – ein Werk von Hrafnhildur Arnardóttir. Ohne Björk, die zudem noch mit dem amerikanischen Künstler Matthew Barney verheiratet ist, scheint man auf Island nur schwerlich auszukommen wie sich auch wieder im Buch "Icelandic Art Today" zeigt. Erstmals wird in dem 300 Seiten starken Band ein Überblick über die zeitgenössische isländische Kunstszene gegeben. Katalogartig sind die 50 Künstler – darunter neben den oben genannten auch Darri Lorenzen, Elín Hansdóttir und Venedig-Biennale-2009-Teilnehmer Ragnar Kjartanson – alphabetisch geordnet. Informative Texte geben eine Einführung in Leben und Werk – ein schönes Buch, in dem es viel zu entdecken gibt. (Hatje Cantz Verlag. Text Englisch. 336 S., 356 Abb., 49,80 Euro) Clemens Bomsdorf

The Helsinki School Volume 3. Young Photography by TaiK

Es ist mittlerweile einige Jahre her, dass der Amerikaner Timothy Persons, Direktor an der Hochschule für Kunst und Gestaltung in Helsinki, den Begriff "Helsinki School" erfunden und damit finnischer Fotografie endgültig einen Platz in der internationalen Fotografenszene gesichert hat. Soeben ist Band 3 mit Absolventen der Schule veröffentlicht worden. Wieder ein Buch mit vielen starken Bildern. Die Bandbreite der Motive scheint größer als je zuvor – darunter erstaunlich viele Porträtarbeiten und abstrakte Bilder. Die Vertreter der "Helsinki School" inszenieren ihre Bilder und häufig auch sich selbst in ihren Fotografien, das unterscheidet sie etwa von dem Gros der Becher-Schüler. Bei all der Aufregung um die "Helsinki School" sollte jedoch nicht vergessen werden, dass Finnland auch gute Fotografen hat, die nicht aus Persons Umkreis kommen. (Hatje Cantz Verlag. 191 S., 191 Abb., 39,80 Euro) Clemens Bomsdorf

Georgischer Frühling. Ein Magnum-Tagebuch

"Ich war seit 1972 nicht mehr in Tbilisi (Tiflis)", erinnert sich Martine Franck. "Ich entdecke eine Stadt wieder, in der die Männer keine Bärte mehr tragen, die Straßen voller Autos sind und die Kirchen und öffentlichen Gebäude schön angestrahlt werden." Franck war eine von zehn Magnum-Fotografen, die auf Einladung des georgischen Kulturministeriums das Land bereisten. Sie und ihre Kollegen (Jonas Bendeksen, Antoine D’Agata, Thomas Dworzak, Alex Majoli, Martin Parr, Paolo Pellegrin, Guergui Pinkhassov, Mark Power und Alec Soth) kehrten mit ganz persönlichen Eindrücken zurück, die sie nicht nur fotografisch, sondern auch in Form von Tagebucheintragungen einen Frühling lang festgehalten haben. Der aus diesen Bildtagebüchern entstandene Fotoband erinnert in seiner Aufmachung an die Moleskine-Notizbücher, in denen berühmte Reisende wie Bruce Chatwin oder Ernest Hemingway ihre Impressionen festhielten. Das Buch ist ein Genuss für alle, die sich immer schon für die Geschichten hinter den Bildern interessiert haben, und zwar aus erster Hand, direkt von den Fotografen. (Kehrer Verlag. 253 S., 240 Abb., 35 Euro) Undine von Rönn

Hanns Christian Löhr: Der Eiserne Sammler. Die Kollektion Hermann Göring. Kunst und Korruption im "Dritten Reich".

"Am Sonntag, dem 3. November 1940, fuhr ein dunkler Wagen vor dem Pariser Jeu de Paume-Museum vor. Der weiße Kies . . . knirschte unter dem Gewicht des schweren Wagens . . ." Das könnte ein originaler Kommentar-Ton des ZDF "History-Man" Guido Knopp sein, ist es aber nicht. Die ersten Sätze in Hanns Christian Löhrs Buch leiten ein wenig – und überflüssigerweise – auf eine falsche Fährte. "Der Eiserne Sammler" ist eine wissenschaftliche Publikation, in der es dem Autor darum geht, "Täterforschung" zu betreiben. Das gelingt nur mittels akkurat protokollierter Einsicht in die Archive. Die Liste der Danksagungen ist dementsprechend lang. Löhr beschreibt zunächst den Werdegang des späteren "Reichsmarschalls", um sich dann akribisch dessen "Erwerbungen" zu widmen – und deren Umständen. Denn Göring, der sich gern als "Renaissance-Typ" sah, hatte eine Vorliebe für "früh-nordische" Kunst, besaß aber auch einen van Gogh. Der hing in den privaten Räumen seines Landsitzes Carinhall, während die sonstigen Kunstwerke, besonders auch die Wandteppiche, entsprechend dem bürgerlichen Kulturverständnis ausschließlich repräsentativen Zwecken dienten.
Beim Ansammeln dieser Schätze ging Göring genauso skrupellos wie Hitler vor, zu dem sich häufig eine Konkurrenzsituation ergab. Kunst aus jüdischem Besitz ließ er mithilfe des ihm unterstellten "Devisenschutzkommandos" beschlagnahmen, dessen Rolle von Löhr erstmals ausführlich dargestellt wird. Der Autor rekonstruiert auch das Schicksal der Sammlung in und nach 1945 und erstellt einen umfangreichen, jedoch wohl vorläufigen Katalog der verlorenen Kunstwerke. Das Buch ist – auch für Laien – lesbar geschrieben und bietet im Zusammenhang der Diskussion um Restitution einen hervorragenden Einblick in Teilbereiche der "Kunstpolitik" der Nazis. (Gebr. Mann Verlag. 256 S., zahlr. Abb., 49 Euro) Joachim Hauschild

Elliott Erwitt’s Rome

Elliott Erwitt, der nicht unbedingt als ernstzunehmender Fotograf gelten will, aber gerne bekennt, ein leidenschaftlicher Spaziergänger zu sein, hat bei seinen zahllosen Schlendereien nicht nur mit Vorliebe Hunde und ihre Eigenheiten im Auge gehabt, sondern auch die Menschen samt ihren Macken. Und wenn er sie dann noch in einer ehrwürdigen Stadt wie Rom beobachten kann, kommt das seinem Sinn für Humor besonders entgegen. Antike und Gegenwart, alter Stein und neues Blech, Hochkultur und Lebenslust: In gut 50 Jahren gab es da einiges an Komik zu sehen. Und ist nun hier versammelt – als vergnügliches Zeugnis eines inzwischen 81-Jährigen, dass Spaß und Kunst eine höchst ansehnliche Mischung abgeben können. (Verlag TeNeues. 144 S., 176 Abb., 59,90 Euro.) Ulrike von Sobbe

Florian Heine: Mit den Augen der Maler. Schauplätze der Kunst neu entdeckt

Touristen drängen sich heute in Arles vor dem "Café van Gogh", das der holländische Jahrhundertkünstler mit seinem Gemälde "Café la Nuit" (1888) weltberühmt gemacht hat. Und kaum ein Wanderer auf dem Weg zur Kaiserkrone im Elbsandsteingebirge lässt es sich nehmen, einmal auf den Felsen zu klettern, auf den Caspar David Friedrich einst seinen "Wanderer über den Nebelmeer" (1817) postiert hat. Häuser, Plätze, Orte, die große Künstler in ihren Bildern festgehalten haben, üben auf viele Menschen eine besondere Faszination aus. Der Fotograf und Autor Florian Heinen hat in ganz Europa solche Örtlichkeiten aufgesucht, sie in ihrem aktuellen Zustand aufgenommen und in seinem Buch mit den entsprechenden Kunstwerken konfrontiert. Zu den Bildern liefert er kompetent und verständlich Erläuterungen sowie Kurzbiografien der jeweiligen Künstler. Über acht Jahrhunderte – von Giotto bis Andreas Gursky – führt sein ungewöhnlicher Reiseführer zu Schauplätzen der Kunst. (Bucher Verlag. 168 S., ca. 300 Abb., 34,90 Euro) Angelika Kindermann

Thomas Ruff: Oberflächen, Tiefen

Sie kommt nicht wie die üblichen prachtvollen Bildbände daher. Schon der Einband der neuen Monografie des Fotokünstlers Thomas Ruff hat eher den Charme eines alten Lehrbuchs aus den siebziger Jahren. Auch zwischen den
Buchdeckeln herrscht Purismus: Im Rotationsverfahren wurden die 288 Seiten auf echtem Zeitungspapier gedruckt. Die Sinnlichkeit des Sachlichen – das passt zu Ruffs Arbeiten. Seine jüngste Retrospektive in der Wiener Kunsthalle – "Oberflächen, Tiefen" – war der Anlass für dieses Meisterstück der Buchgestaltung. Der programmatische Titel, der eigentlich als dialektisches Begriffspaar angelegt ist, funktioniert aber auch als Wegweiser durch die elf Werkgruppen, die bei Ruff umso mehr Tiefe erreichen, je weiter man sich zu seinen älteren Arbeiten vorblättert. (Verlag für moderne Kunst. 288 S., zahlr. Abb., 35 Euro) Steffen Zillig

Food for Thought. Thought for Food und Ein Tag im El Bulli. Einblicke in die Ideenwelt, Methoden und Kreativität von Ferran Adrià

Die Experimente von Künstler-Koch Ferran Adrià hätten nicht nur sein Leben, sondern auch seine Arbeit als Kurator verändert, sagt Vicente Todolí, Direktor der Londoner Tate Modern. Nun haben Todolí und Pop-Art-Begründer Richard Hamilton zusammen ein Buch herausgegeben, das den Avantgarde-Koch Adrià insbesondere in seiner Rolle als Documenta-Künstler zeigt. Neben einer Bildgalerie seiner bisher kreierten Speisen liefert das Buch Texte zur kunsthistorischen Einordnung von Adriàs Werk. Spannend sind die Gesprächsprotokolle zweier gemeinsamer Essen in Adriàs Restaurant "El Bulli", bei denen Prominenz sowohl aus der Kunst- als auch aus der kulinarischen Welt vertreten war, unter ihnen Konzeptkünstler und Documenta-Teilnehmer Carsten Höller, Heston Blumenthal, Küchenchef des Restaurants "The Fat Duck" und der erste Koch, der flüssigen Stickstoff in der Küche einsetzte, sowie Jerry Saltz, Kunstkritiker des "New York Magazine". Was sonst ziemlich langweilig sein kann, nämlich das Reden übers Essen beim Essen, ist hier der Grund des Zusammentreffens und wird zum Wettstreit um brillante Unterhaltsamkeit. Außerdem lüftet sich ein wenig das Geheimnis um die auserwählten Documenta-Besucher, die von Leiter Roger Buergel seinerzeit mit einer Einladung ins "El Bulli" beglückt wurden: Nun können wir einige freundliche Erfahrungsberichte lesen.
Und für alle, die nach dieser spannenden Lektüre selbst einmal im "El Bulli" dinieren möchten, das aber vermutlich nie tun werden, weil auf jährlich 8000 Plätze im Restaurant rund zwei Millionen Reservierungsanfragen kommen, gibt es einen Trost: den üppig bebilderten, voluminösen Phaidon-Band "Ein Tag im El Bulli" (528 S., über 1000 Abb., 49,95 Euro), der einen mitnimmt auf eine Reise in Adriàs Zauberküche. (Verlag Actar, 350 S., 38 Euro) Undine von Rönn

Max Scheler: Fotografien. Von Konrad A. bis Jackie O.

Seine große Zeit ist auch die große Zeit des Fotojournalismus und des "Stern": Gut anderthalb Jahrzehnte reist Max Scheler ab 1959 für das Hamburger Magazin rund um die Welt, sieht sich – neugierig und distanziert zugleich – bei den Prominenten ebenso um wie bei den Massen und trägt mit seinen Reportagen entscheidend zum Renommee des Bilder-Blattes bei. Nach seinem Tod 2003 gerät der sensible Autodidakt, der auch für viele andere internationale Blätter arbeitete, in Vergessenheit; nun erinnert eine Wanderausstellung daran, dass Scheler zu den Besten seiner Zunft gezählt werden muss. Zu erleben im Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg, bis 15. November, anschließende Station ist das Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum von 21. Mai bis 12. September 2010. (Verlag Schirmer/Mosel. 160 S., 145 Abb., 39,80 Euro) Ulrike von Sobbe