Stadtarchiv Köln - Archivalien

Im Stadtarchiv liegen die Originale

Das Wallraf-Richartz-Museum verliert den Nachlass seines Stifters, der Kunstverein unersetzbare Fluxus-Dokumente: Was der Einsturz des Kölner Stadtarchivs für die rheinische Kunstszene bedeutet.
"Im Stadtarchiv liegen die Originale":Das Kölner Stadtarchiv und die Folgen

Bergung von Archivalien

Seitdem das Kölner Stadtarchiv am 3. März zusammen mit zwei Nachbargebäuden aus bislang ungeklärter Ursache einstürzte, ist das Entsetzen groß. Das Unglück forderte mindestens ein Menschenleben und begrub das auf sechs Stockwerke verteilte historische Stadtgedächtnis unter sich. Allein 800 Nachlässe und Sammlungen lagerten in der verwüsteten Severinstraße, zudem zehntausende städtische Urkunden, von denen die älteste aus dem Jahr 922 datiert.

Noch ist die Unglücksstelle nicht gesichert und nicht abzusehen, wie viele Archivalien in welchem Zustand geborgen werden konnten oder noch geborgen werden können. Trotzdem schätzt Georg Quander, der Kölner Kulturdezernent, den entstandenen Schaden bereits höher ein, als beim dem Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar ein.

Auch die rheinische Kunstszene ist vom Einsturz des Stadtarchivs in erheblichem Umfang betroffen. Der Nachlass von Franz Ferdinand Wallraf (1748 bis 1824), dem Gelehrten, Sammler und Stifter des Wallraf-Richartz-Museums, scheint derzeit verloren, darunter die gesammelten Korrespondenzen und Gemäldeverzeichnisse mitsamt den dazugehörigen Kaufbelegen. Zwar wurden die Archivalien laut Roland Krischel, Leiter der Mittelalterabteilung am Wallraf-Richartz-Museum, kunsthistorisch gründlich ausgewertet, der Nachlass teilweise verfilmt und die Mikrofiches mit rund 1,2 Millionen weiterer Dokumente in einem Bergwerk bei Freiburg eingelagert: "Aber im Stadtarchiv liegen die Originale." Außerdem habe das Museum mit dem Nachlass des ersten Kölner Stadtbaumeisters Johann Peter Weyer (1794 bis 1864) möglicherweise auch andere Zeugnisse seiner von Umzügen und Neubauten geprägten Geschichte verloren.

Unwiederbringliche Erinnerungen an Performances

Einen ebenfalls bedeutenden Verlust beklagt die Direktorin des Kölnischen Kunstvereins Kathrin Jentjens. Weil der Verein über kein eigenes Depot verfügt, wurden beinahe sämtliche Dokumente ins Stadtarchiv ausgelagert, angefangen bei den Mitgliedslisten aus dem 19. Jahrhundert bis zu den zahlreichen Fotografien, Videos, Katalogen und Plakaten der Nachkriegszeit. Sollte diese Archivalien nicht gerettet werden können, würden mit ihnen auch buchstäblich unwiederbringliche Erinnerungen an Happenings und Performances der 1970er und 1980er Jahre untergehen. Insofern zahlt es sich doppelt aus, dass der Kunstverein mit seiner Ausstellungsreihe "Der springende Punkt" begonnen hat, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. So ist immerhin von Harald Szeemanns bahnbrechender und Skandal machender Schau "Happening und Fluxus" (1970) eine "Sicherheitskopie" im Haus geblieben.

"Eine Besonderheit unseres Archivs liegt darin", so Kathrin Jentjens, "dass sich hier ganz verschiedene Lebensläufe treffen." Für Provenienzforscher und Kunsthistoriker war das Kölner Stadtarchiv aber auch wegen der zahlreichen persönlichen Nachlässe immer eine Reise wert. Bedeutsam sind etwa die Hinterlassenschaften des Malers Wilhelm Leibl (1844 bis 1900), dessen Leibl-Kreis ein wichtiges Zentrum des deutschen Realismus war, oder das Fluxus-Archiv der Künstlerin Mary Bauermeister. Wissenschaftlich noch lange nicht ausgeschöpft scheint der Nachlass des Kurators und Sammlers L. Fritz Gruber (1908 bis 2005). Sein Erbe umfasst Briefwechsel mit den bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts (unter anderem Edward Steichen, Man Ray, Irving Penn), tausende Fotografien, die er in seinem berühmten Freundeskreis aufnahm, und Interviewfilme beispielsweise mit Alfred Stieglitz und Paul Strand. Da offenbar große Teile der Fotografie- und Filmbestände des Stadtarchivs geborgen werden konnten, besteht immerhin Hoffnung, dass diese Zeugnisse einer kunsthistorischen Pionierleistung nicht für immer verloren sind. Doch auch bei Gruber gilt: Derzeit weiß man nur, dass niemand etwas genaues weiß.

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