Kunstwerk verbrannt - Regensburg

Angriff auf die Kunst

In der Nacht zum Donnerstag wurde in Regensburg die eindrucksvolle Installation der tschechischen Künstlerin Magdalena Jetelova durch einen Brandanschlag stark beschädigt. Seit 2006 markieren vier gekippte rote Säulen die Fassade des Kunstforums Ostdeutsche Galerie. Ein politischer Hintergrund für die Attacke ist nicht auszuschließen.
Brandanschlag auf Kunstwerk:Installation stark beschädigt

Verbrannte Säulen des Kunstwerks von Magdalena Jetelová: "Venceremos/Sale", 2006

"Lebenslang habe ich mich in meinen Arbeiten gegen totalitäre Regimes engagiert, und jede Brutalität ist mir zuwider. Ein Anschlag gegen Kunst bedeutet einen Anschlag gegen Kultur und Humanität." Mit diesen Worten erklärte sich gestern die Künstlerin Magdelena Jetelova zu dem Brandanschlag auf ihre Installation am Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg. In der Nacht zum Donnerstag hatten Unbekannte die vier roten Säulen am Portikus des Hauses in Brand gesetzt. 2006 schuf die 1946 geborene und 1985 nach Deutschland emigrierte Tschechin ihr Werk „Venceremos/Sale“, bei dem sie die originalen Säulen mit einem leuchtenden Textilbelag auf schrägen Holzgerüsten ummantelte. Jetelova hatte gerade den renommierten Lovis-Corinth-Preis erhalten und platzierte aus diesem Anlass ihre markante Arbeit an der Fassade. Dieser Eingriff, initiiert von der damaligen Direktorin Ulrike Lorenz (heute Kunsthalle Mannheim) ist auch als Kommentar zu dem etwas heiklen Stiftungsauftrag der Institution zu verstehen. Dieser besteht nach wie vor darin "das Kunsterbe und die fortwirkende kreative Substanz der ehemals deutsch geprägten Kulturräume im Osten (Böhmen, Mähren, Schlesien, Ost- und Westpreußen) zu bewahren und für das Europa von heute und morgen fruchtbar zu machen."

Was auf den ersten Blick eine kulturelle Dienstleistung für Vertriebenenverbände hätte sein können, hat sich jedoch mindestens seit den neunziger Jahren zu einem ernsthaften Ort für Gegenwartskunst und der Auseinandersetzung mit den Folgen der Transformationen nach 1989 entwickelt. Anachronistischer Revanchismus ist hier kein Thema. Regelmäßig haben hier auch namhafte Künstler mit osteuropäischen Wurzeln ihren Auftritt. In diesem Sinne eröffnete gestern auch die neue Ausstellung „Heimat. Osteuropa in der zeitgenössischen Fotografie“, bei der jüngere Fotokünstler aus Ost und West, darunter Göran Gnaudschun, Anastasia Khoroshilova, Wiebke Loeper, Frank Mädler oder Tomáš Pospěch ihre Sicht auf Heimat im Umfeld aktueller geopolitischer Verwerfungen zeigen.

Ausgerechnet die Eröffnung dieser so wenig provokativ scheinenden Schau war offenbar ein willkommener Anlass für die anonymen Attentäter, ihre fünf Brandsätze zu legen. Agnes Tieze, Direktorin des Kunstforums, ist entsetzt: „Wir haben uns bisher eher wenig mit Kritik an unserer Arbeit auseinandersetzen müssen und erfahren mehr positive als negative Resonanz. Auch in die 'Vertriebenenecke’ drängt man uns nicht. Trotzdem fällt es schwer, ausgerechnet jetzt an einen Zufall und nicht an einen politischen Hintergrund für die Tat zu glauben.“ Immerhin geschah die Attacke in dem Moment, wo anlässlich der Vernissage ein großer Publikumsandrang zu erwarten war. Wenig überraschend blieb dieser am Donnerstagabend aus. Nun ermittelt die Kriminalpolizei wegen Sachschaden, zumal es vor sechs Monaten bereits eine Beschädigung der Säulen mit Graffiti-Schmierereien gab. Diese wurden beseitigt, und auch jetzt steht die Wiederherstellung des Kunstwerks außer Frage, will doch das Kunstforum nicht auf sein weithin sichtbares Markenzeichen verzichten.

Natürlich, und das betrifft nicht nur Regensburg, handelt es sich bei öffentlicher Kunst stets um eine sehr verletzliche Angelegenheit. Ohne museale Schwellenangst und ohne zwischengeschaltete Deutungen kann an derlei Objekten Kritik und persönliches Unbehagen auch physisch destruktiv vorgetragen werden. Im Falle von Jetelovas „Venceremos/ Sale“ ist dieser Vandalismus doppelt bedauerlich. Denn die gekippten Säulen symbolisieren überdeutlich eine ins Wanken geratene Welt beziehungsweise Weltanschauung. Für jede Art von Ideologie, sei es die der einst aus den so genannten Ostgebieten vertriebenen Hardliner oder die der kommunistischen Agitatoren, hat nach 1989 ein gewaltiges Umdenken einsetzen müssen. In diesem Sinne bezieht sich die mutige Installation der politischen Emigrantin Jetelova nicht nur auf den Fall des Eisernen Vorhangs, sondern auch – in deutlich institutionskritischem Gestus – auf das aktuelle Selbstverständnis einer Einrichtung, die sich im Namenszusatz gratwandernd "Ostdeutsche Galerie" nennt. Diese seltsame terminologische Schräglage nehmen die vier Säulen perfekt aufs Korn. Ihren hitzköpfigen Widersachern, aus welchem Lager sie auch stammen mögen, ist dieser Aspekt freilich entgangen.