Race Against Time - London

Farbenfangendes Chamäleon

iPhone-Besitzer können sich glücklich schätzen: Seit kurzem gibt es in der Londoner Tate Modern einen kostenlosen App, der dem verstaubten Image der Kunstvermittlung entgegenwirken soll. Gemeinsam mit dem Spielehersteller "Somethin' Else" hat das Museum das Computerspiel "Race Against Time" entworfen, in dem Interessierte spielerisch durch die letzten 121 Jahre moderner Kunst geschleust werden. art-Korrespondent Hans Pietsch stellte sich als Spieletester zur Verfügung.

Der böse Dr. Greyscale hat sämtliche Chamäleons der Welt eingefangen und sich ihre Fähigkeit zunutze gemacht, die verschiedensten Farben anzunehmen. Er hat mit ihnen eine Maschine gebaut, um der Welt sämtliche Farben zu entziehen. Man stelle sich eine Welt in einheitlichem Grau vor! Doch als er sein höllisches "Chromovacuum" zum ersten Mal anwirft, gelingt es einem der Tierchen zu entkommen – das ist der Spieler, der versuchen muss, die verschwundenen Farben einzufangen und sie der Welt zurückzugeben.

Zu diesem Zweck geht es auf Reisen. Auf einem Laufband rennt das Tierchen durch die Kunstgeschichte der Moderne, von 1890 bis heute, muss Hindernisse überspringen, sich davor hüten, in Löcher zu fallen, oder sogar getötet zu werden. Und natürlich soviel wie möglich Farben einfangen. Im Hintergrund rauschen Cézannes südfranzösische Landschaften vorbei, Monets Brücke über seinen Seerosenteich in Giverny, Seurats Spaziergänger, Picassos in gestreiften T-Shirts, Hoppers magisch beleuchtete Bar, Pollocks Farbdrippings, Suppendosen von Warhol und eine von einem Fallschirm hängende Beuys-Figur mit einem Hasen auf dem Arm. Je schwieriger die moderne Kunst wird, desto hektischer wird die Fahrt, und desto mehr Hindernisse legt der böse Doktor unserem heldenhaften Chamäleon in den Weg.

Wenn es nicht höllisch aufpasst, wird es von einem Backstein von Carl Andre erschlagen, von einer Neonröhre Dan Flavins aufgespießt, oder von der Dampfwalze zerdrückt, mit der Cornelia Parker Silberbestecke plattgewalzt hat. In einem Vorspann entschuldigen sich die Hersteller "Somethin' Else" dafür, dass ihre Reise durch 121 Jahre moderne Kunst nicht immer so ganz akkurat ist – "gelegentlich mussten wir uns ein paar Freiheiten nehmen", sagen sie. Gravierender ist jedoch, dass der Spieler sich so sehr auf das Spiel selbst konzentrieren muss, dass er zu wenig von dem vorbeijagenden Hintergrund, also der Kunst, mitbekommt. Für Jane Burton von der Tate Modern ist jedoch das Ziel erreicht: "Kunst einem Publikum nahezubringen, das an einer mehr spielerischen Erfahrung interessiert ist, als es Kulturorganisationen normalerweise anbieten."

Race against Time

Spiel zum Herunterladen von iTunes auf iPhone und iPod Touch
http://www.tate.org.uk/modern/information/raceagainsttime.shtm