Gib mir Fünf! - Ausstellungstipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche

Die Highlights der Woche, diesmal mit: Tobias Zielony, Für immer jung, Stephen Suckale, Nasan Tur sowie Kunst zu Sinti und Roma

Frankfurt: Tobias Zielony

Mit ausgebreiteten Armen steht eine kleine Person auf der Straße. Die überweiten Baggy Pants wölben sich über den Sneakers, der rote Kapuzenpulli mit Skelettdesign maskiert den Kopf, und die lila Basecap sitzt schief: In diesem Outfit kann nur ein Jugendlicher stecken. Auf einem anderen Foto gibt ein indianisch aussehendes Mädchen einem anderen einen Kuss auf die Schläfe, auch die junge Frau trägt eine modische Kappe und Kopfhörer – ein "cooles" Outfit eben. Auf einer dritten Aufnahme ist eine Zuschauerreihe von hinten zu sehen. In der Mitte ein Mädchen in engen rosa Klamotten, rechts von ihr ein Indianer in traditioneller Kleidung. Der Titel "Powwow" verrät, dass es sich hier nicht um eine Sportveranstaltung, sondern um das traditionelle Tanzfest nordamerikanischer Indianer handelt.

Diese und andere Fotos sind Teil des Zyklus "Manitoba" von Tobias Zielony und ab diesem Wochenende im MMK Zollamt in Frankfurt zu sehen. Der in Wuppertal geborene Fotograf reiste dafür in die Provinzhauptstadt Winnipeg des kanadischen Bundesstaats Manitoba und beschäftigte sich dort mit den einheimischen Jugendlichen. Eine wichtige Basis für seine Arbeit war das Vertrauensverhältnis zu seinen Protagonisten, um möglichst authentische Aufnahmen machen zu können. Die Mädchen und Jungen sind Mitglieder einer Gang mit indianischen Wurzeln, Zielony dokumentiert ihr Leben in einem urbanen Umfeld. Als Ergänzung ist ein Film des Künstlers im MMK zu sehen: "The Deboard" (2008) handelt von dem Ausstieg aus solch einer Gang, der Titel steht für das Ausstiegsritual und zeigt, dass die Jugendlichen ihre eigenen Traditionen kreieren. Zur Ausstellungseröffnung wird Tobias Zielony der Karl-Ströher-Preis verliehen.

MMK Zollhaus, Frankfurt, 12.11.2011 – 15.01.2012

Berlin: Für immer jung

Junge Menschen, die mit Smartphone und Digitalkamera spontane Aufnahmen machen, sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Doch auch schon vor 50 Jahren war es der Jugend ein Bedürfnis, ihr Umfeld und sich selbst fotografisch festzuhalten. So lange existiert der Deutsche Jugendfotopreis, Grund genug für eine umfassende Retrospektive im Deutschen Historischen Museum in Berlin. 600 Fotografien von 1961 bis heute werden gezeigt, ergänzt durch zahlreiche Medienstationen. Um bei so vielen Exponaten nicht den Überblick zu verlieren, ist die Ausstellung auf thematisch aufgeteilt. Unter Schlagworten wie "Füreinander" (Freunde und Gemeinschaft), "Ich" (Porträts und Selbstdarstellung), "Unterwegs" (Reisen und Entdecken) oder "Kritik, Protest, Anklage" bilden die Fotografien eine wichtige Dokumentation eines Wandels der Gesellschaft, der Selbstwahrnehmung, der ökologischen Umwelt sowie der technischen Möglichkeiten – die Liste ließe sich unendlich fortführen. Einen besonderen Stellenwert nimmt das Thema "Jugendfotografie in der DDR" ein, die hier gezeigten Bilder stammen vom ostdeutschen Wettbewerb-Pendant "Leistungsvergleich der Kinder- und Jugendfotogruppen", der zwischen 1970 und 1989 ausgeschrieben wurde. Die Aufnahmen der Retrospektive stammen aus einer Sammlung, die insgesamt mehr als 10 000 Bilder von 2500 verschiedenen Preisträgern aus ganz Deutschland umfasst.

12.11.2011 – 05.02.2012

Oldenburg: Stephen Suckale

"Across the dark metropolis" heißt die Ausstellung des Künstlers Stephen Suckale im Oldenburger Kunstverein. Im Namen stecken gleich zwei Filmtitel: Fritz Langs "Metropolis" von 1927 und Alex Proyas’ "Dark City" von 1998, wobei Letzterer Bezug auf Ersteren nimmt. In Langs Stadt Metropolis herrscht eine streng getrennte Klassengesellschaft, die von Maschinen und einem einzigen Machthaber beherrscht wird. "Dark City" ist eine Art Labor, in dem die menschlichen Bewohner um ihren Status als Versuchsobjekte allerdings nicht wissen. Stephens Suckales Metropolis schließlich gibt es wirklich – es handelt sich um eine Kleinstadt in New Mexico namens Los Alamos. In dem unscheinbaren Örtchen wurde Geschichte geschrieben: In den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte der Wissenschaftler Robert Oppenheimer im "Los Alamos National Laboratory" die erste Atombombe, in den Siebzigern bastelte Seymoure Cray den ersten Supercomputer und der Künstler William Eggleston machte hier seine ersten Farbaufnahmen für seine Serie "Los Alamos". Stephen Suckales Collagen wirken verstörend durch den Widerspruch von menschlicher und natürlicher Idylle zu technischen Errungenschaften, die mitunter vernichtend sein können. Die Ausstellung macht klar: Los Alamos ist das reale "dark metropolis".

11.11.2011 – 08.01.2012

Mannheim: Nasan Tur

In was sich nicht alles Rekorde aufstellen lassen: Das Guinness-Buch der Rekorde verzeichnet Weltmeister im Kettensägenjonglieren, Haushaltsgerätewerfen, Wassermelonenzerschlagen, einen-Bus-mit-den-Ohren-Ziehen, gegen-den-eigenen-Kopf-Treten und Brotschmieren. Der 1974 in Offenbach am Main geborene Künstler Nasan Tur nimmt es in seiner neuen Videoinstallation "Breaking Records" nun mit den Rekordhaltern im Eierbalancieren, Seilspringen, Trinkhalme-in-den-Mund-Stopfen und Hula-Hoop-Reifen-Schwingen auf. Andere können es besser, haben vielleicht mehr geübt: Turs ambitionierte Arbeit bleibt ein Dokument des fröhlichen Scheiterns. Was nicht dagegen spricht, es noch einmal aufs Neue zu versuchen, wie im Projekt "formen-gießen-formen-gießen" (2011) anschaulich demonstriert: Blind geformte Wachsmodelle werden dort nacheinander immer wieder in das selbe Stück Bronze gegossen, wieder eingeschmolzen, wieder geformt, wieder gegossen... Bis am Ende nur die letzte gegossene Form und eine das Sisyphosprojekt dokumentierende Fotoserie bleibt. Beide Arbeiten werden nun in Mannheim im Rahmen der Ausstellungsreihe "Premiere" gezeigt, die jeweils eigens für die Schau konzipierte Werke zeitgenössischer Künstler vorstellt.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Kerber Verlag (20 Euro). Kunsthalle Mannheim: 12.11.2011 – 19.2.2012

Berlin: Reconsidering Roma

"Miss Roma" muss heller werden. Die tschechische Künstlerin Tamara Moyzes unterzieht ihre Darstellerin Jana Buchlová, Miss Roma 2006, einer Hautaufhellung und dokumentiert den Prozess in einem kurzen Video. Ebenfalls im Video zu sehen ist eine Liste von Orten, die Buchlová nur mit heller Haut betreten darf: vom Handarbeitsgeschäft in Brno bis zur Disco in Pilsen – die ganz alltägliche Diskriminierung im Europa des 21. Jahrhunderts. „Miss Roma“ ist nun in Berlin zu sehen, als Teil der Gruppenausstellung "Reconsidering Roma", die Selbst- und Fremdbilder von Sinti und Roma zeigt. Es gibt Videos von Künstlern wie Rosa von Praunheim ("Die Jungs vom Bahnhof Zoo") oder Tamara Grcic zu sehen. Und zwölf Millionen Roma leben in Europa, sie sind die größte Minderheit, werden aber häufig ausgegrenzt. In Deutschland sollen in den nächsten drei bis vier Jahren etwas 12 000 geduldete Roma in den Kosovo abgeschoben werden.

Kunstquartier Bethanine/Studio1, Mariannenplatz 2, 12. November – 11. Dezember . Eröffnung Freitag, 11.11., 19 Uhr