Kunstraub Zürich - Umfrage

Nach dem Kunstraub von Zürich: Bald Panzerglas und bewaffnete Aufsichten?

Der größte Kunstraub der Schweizer Geschichte: Drei Bewaffnete erbeuteten am Sonntag in der Zürcher Sammlung Bührle vier Bilder im Wert von rund 130 Millionen Euro. Und nur wenige Tage zuvor waren im Schweizer Seedamm–Kulturzentrum zwei Picassos im Wert von mehreren Millionen gestohlen worden. Wie sollten Direktoren auf diese akute Bedrohung reagieren? Wird es zu bewaffneten Aufsichtskräften kommen – und werden Kunstwerke bald nur noch hinter Panzerglas zu sehen sein? Und wie wirken sich steigende Versicherungen auf die Eintrittsgelder aus? art befragte Direktoren, Versicherungen und Sicherheitsfirmen
Kunstwelt unter Schock:Welche Folgen haben die Kunstdiebstähle in der Schweiz?

Noch immer verschollen: "Der Knabe mit der roten Weste" von Paul Cézanne, um 1888

Michael Kuhn, Berliner Kunstversicherungsmakler, ist direkt betroffen: "Kuhn & Bülow ist in doppelter Hinsicht in diese Ereignisse involviert, da die Picasso-Gemälde über uns versichert wurden und die Stiftung Sammlung E.G. Bührle zu unseren Kunden zählt.

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Man sollte festhalten, daß Prämiensätze für Museumsversicherungen in den letzten 15 Jahren sich, nach unserem Kenntnisstand, nicht verteuert haben, sondern gegenteilig sukzessive günstiger wurden. Schäden dieser Qualität werden vermutlich dafür sorgen, dass zumindest nicht mit weiteren Reduktionen gerechnet werden darf. In russischen Museen wie zum Beispiel dem Staatlichen Puschkin Museum Moskau sind im Eingangsbereich bewaffnete Aufsichtskräfte an der Tagesordnung und werden auch von den Besuchern akzeptiert. Präventive Maßnahmen sollten in großer Besonnenheit zwischen Polizei, Museen und Versicherungen erörtert werden. Diese Ereignisse sollten jedoch auch allen Verantwortlichen in Bund und Ländern in Deutschland die Augen öffnen, welchen realen Gefahren und Haftungen man sich aussetzt, wenn man derartige Risiken über Bundes- und Landeshaftungen abdeckt. Auch die beste Einbruchmeldeanlage kann Diebstähle oder Raubüberfälle nicht verhindern sondern nur registrieren. Einfluss auf die Eintrittspreise der Museen werden diese Ereignisse hoffentlich nicht haben."

David Vuillaume, Generalsekretär des Verbands der Museen der Schweiz zieht folgendes Fazit: "Bei den in den letzten Tagen stattgefundenen, spektakulären Kunstrauben in der Schweiz handelt es sich um außerordentliche, bedauerliche Einzelfälle, bei denen glücklicherweise – trotz Waffengewalt – weder Besucher, Angestelle, noch Sicherheitskräfte körperliche Schäden davon getragen haben. Generell kann gesagt werden, dass die schweizerischen Museen sehr gut gesichert und auch sicher sind! Einen absoluten Schutz kann es nicht geben und würde auch dem Sinn eines Museums eklatant widersprechen, denn neben dem Sammeln, dem Konservieren und dem Forschen ist zentrale Aufgabe eines Museums das Ausstellen und Vermitteln, also dem Zugänglichmachen für die Öffentlichkeit. Extreme Sicherheitsbestimmungen würden jedoch diese sehr zentrale Aufgabe konterkarieren. Gleichzeitig ist jedoch allen Beteiligten dieses Dilemma zwischen Sicherung/Sicherheit und dem Museum in seiner Funktion als öffentlicher Raum bewusst. Es wurde aktuell eine Empfehlung vom Verband der Museen der Schweiz an seine Mitglieder ausgesprochen, erhöhte Wachsamkeit walten zu lassen, jedoch ohne die bereits vorhandenen, guten Sicherheitsvorkehrungen in den einzelnen Häusern in Frage zu stellen."

"In Zürich gibt es Lösungen"

Björn Quellenberg, Leiter Presse und Kommunikation des Kunsthauses Zürich, sendet "freundliche Grüße aus dem immer noch sicheren Zürich" und äußert sich über den Bührle-Fall zutiefst betroffen: "Die Werke haben einen hohen ideellen Wert. Der Verlust schmerzt, denn in keinem Land Europas hat die französische Kunst einen so hohen Stellenwert wie in der Schweiz. Und er trifft eine Sammlung, deren Stifter mit der öffentlichen Präsentation seines Besitzes einen Bürgersinn bewies, wie er bis heute vorbildlich ist. Dass mit dem Wunsch (bei privaten Museen) oder dem Auftrag (bei öffentlichen Museen) wertvolle Kunst auszustellen immer auch ein Sicherheitsrisiko verbunden ist, ist den Verantwortlichen bewusst. Und in Zürich gibt es Lösungen. Das Kunsthaus Zürich und die Sammlung Stiftung E.G. Bührle haben vor Jahresfrist vereinbart, dass die rund 200 Gemälde umfassende Sammlung 2015 in das erweiterte neue Kunsthaus einziehen wird. In den Wettbewerbsunterlagen zum angelaufenen Architekturwettbewerb ist die Sicherheit neben anderen ein wichtiges Thema. Seit der Generalsanierung des Kunsthauses Zürich verfügt dies über ein Sicherheitssystem, das internationalen Standards entspricht, beziehungsweise diese übertrifft. Dazu gehören elektronische Bildersicherungen, eine elektronische Gebäudesicherung, Videoüberwachung, kürzeste Alarmwege und geschultes Personal in allen Bereichen des Museums."

Die AXA Art-Versicherung, der weltweit größte Versicherer von Kunst, teilte in einer Presseerklärung mit, dass eine Versicherung "niemals Lösegeld zahlen darf, weil sie sich dadurch strafbar machen würde" und räumt auch mit einem weiteren Mythos auf: "Die Geschichte des Auftragsdiebstahls durch einen kunstbegeisterten Millionär" enspränge eher "der romantischen Vorstellung des Kunstdiebs, wie sie in Literatur und Film propagiert wird". Natürlich stehe die Versicherung "bei Fragen jederzeit gerne zur Verfügung" und richtet an Museumsdirektoren folgende Empfehlungen: "Viele Museen müssen aufgrund der aktuellen Vorkommnisse ihre Sicherheitsvorkehrungen und –Konzepte neu überdenken. Generell lässt sich sagen, dass Museen und Institutionen Sicherungsvorkehrungen in drei verschiedenen Bereichen vornehmen sollten: organisatorische, elektronische und mechanische Sicherungen. Vor allem organisatorische Sicherungen erlangen im Fall von Raubüberfällen deutlich größere Bedeutung. Darunter versteht man unter anderem die ständige Präsenz von Wachpersonal, die tägliche Überprüfung von Notausgängen und Türen auf Manipulationen, und die Unterbringung von wertvollen Werken in schwer zugänglichen Räumen, zum Beispiel im Obergeschoss. Hier geht es vor allem darum, den Abtransport wertvoller Objekte so lange wie möglich zu verzögern und zu erschweren. Elektronische Sicherungen stehen unter anderem für Videoüberwachung, Einzelbildsicherung und Sicherungen von (Not-)Ausgängen. In diesem Zusammenhang ist es unbedingt notwendig, die zeitnahe Intervention durch die Sicherheitskräfte und die Polizei nach Auslösen des Alarms zu gewährleisten und die Aufbewahrung von Videomaterialien, da diese im Nachhinein eine Identifizierung der Täter erleichtert. Ein dritter Aspekt sind mechanische Sicherungen, wie zum Beispiel Fenstereinsätze mit einbruchhemmenden Glas, die ein Aufbrechen und Abtransportieren der Kunstwerke erschweren, sowie das Anschrauben der Rahmen und Vitrinen."

"Ein Museum ist kein Selbstbedienungsladen"

Ulli Seegers, Geschäftsführerin des Art Loss Register Deutschland, der weltweit größten Datenbank verlorener und gestohlener Kunstwerke, meint: "Wir registrieren mit großer Sorge eine zunehmende Brutalität in Sachen Kunstkriminalität. Der unglaublich aggressive und skrupellose Raubüberfall auf die Sammlung Bührle am letzten Sonntag in Zürich bildet neben dem Überfall auf das Munch-Museum in Oslo im August 2004 die Spitze einer Reihe von bewaffneten Coups. Auch hier kamen die Gangster an einem Sonntag, und auch hier wurden Museumsbesucher und Angestellte massiv mit Waffen bedroht. Ohne jeden Zweifel haben wir es mit einer neuen Generation von Kunstdieben und einem ungeahnten Bedrohungspotenzial zu tun. Ich befürchte jedoch, dass sich ein Museum, dessen Aufgabe es ja gerade ist, zumeist mit öffentlichen Geldern öffentlichen Besitz einer großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, kaum hundertprozentig gegen diese Dimension schützen kann. Ein Museum ist ein Museum und kein Hochsicherheitstrakt! Allerdings darf ein Museum auch nicht den Eindruck erwecken, als handelte es sich um einen Selbstbedienungsladen. Der Fall des Kunstkleptomanen Stéphane Breitwieser, dem es binnen sechs Jahren gelungen ist, aus mehreren Dutzend Museen in ganz Europa über 200 Kunstwerke unbemerkt zu stehlen, spricht hier Bände. Eine vernünftige, moderne Sicherheitstechnik im Verbund mit geschultem Personal und an der Wand montierten Werken bildet die Basis einer wirkungsvollen Abschreckung bzw. Vereitelung etwaiger Diebstähle. Aber wie gesagt: Einen absoluten Schutz kann es nicht geben, wenn Menschen durch den Einsatz von Waffen an Leib und Leben bedroht werden."

Auch Berthold Schmitt, Kunsthistoriker und Mitarbeiter der Securitas-Sicherheitsdienste als Segmentmanager Museen meint, dass es eine "absolute Sicherheit" nicht gibt. "Die größtmögliche Annäherung an dieses Ziel, übrigens nicht zuletzt aus konservatorischer Sicht, wäre das Einlagern und Wegsperren der Werke in geeignete Depots. Diese Ultima ratio kann niemand ernsthaft wünschen. Die Auf- und Ausrüstung des Sicherheits- und Aufsichtspersonals mit Schusswaffen verbietet sich. Der Schutz des Menschen, sowohl des Besuchers als auch der Mitarbeiter, hat absoluten Vorrang vor dem Schutz der Exponate. Eine 'Grauzone' tut sich im Bereich des unbewaffneten Raubüberfalls auf. Hier könnte das Sicherheitspersonal gegebenenfalls mit Pfefferspray ausgerüstet werden, um einem Angreifer zu begegnen. Der wirksamste Schutz vor Raub und Diebstahl ist und bleibt die Ausstattung der Kunstorte mit geeigneter und angemessener Sicherheitstechnik. Von einigen wenigen Institutionen abgesehen, herrscht hier großer Nachholbedarf. Ein Grund dafür ist die Beeinträchtigung der Seh- und Erlebnisqualität höchstgesicherter Exponate. Entscheidend sind aber die Scheu vor dem technischen Aufwand einer verbesserten Sicherheit und die nur ungenügend vorhandenen finanziellen Mittel zur Durchführung der notwendigen Maßnahmen. Um mehr Sicherheit und Service zu erreichen, sollten die Ausschreibenden künftig nicht mehr minutiös den Einsatz von Aufsichts- und Servicepersonal abfragen, sondern von den Fachleuten der Sicherheits- und Dienstleistungsbranche kreative Lösungen für exakt formulierte Aufgaben einfordern."

"Die Diskussionen um das Thema sind fast so alt, wie die Museen selbst"

Charles Dupplin, Vorstandsvorsitzender für Kunst & Privatkunden der Hiscox Versicherungsgruppe, erklärt: "Die Öffentlichkeit möchte und sollte die Möglichkeit haben, Kunst nah zu genießen. Weiterhin wäre Kunst innerhalb eines Sicherheitstraktes generell wenig ansprechend für die Öffentlichkeit. Sicherungsmaßnahmen kosten viel Geld, und Museen müssen dies abwägen. Für kleinere Museen, die häufig auch in finanziellen Verlegenheiten stecken, sind die relativen Kosten höher. Bessere Sicherheit kostet viel Geld – eine Versicherung jedoch ist günstiger. So sollten Museen die Kosten einer Versicherung, bessere Sicherheit und die Freude des Publikums gut abwägen."

Auch Frank Häcker, Geschäftsleiter der Liechtensteinischen Uniqa Versicherung AG, der Versicherungspartner des Verbands der Museen der Schweiz, ist der Ansicht, dass aufgrund der "erhöhten Gefährdungssituation für Museen" die bisherigen Standards überdacht werden müssen: "Die Diskussionen um das Thema sind fast so alt, wie die Museen selbst bzw. wie die Kunstversicherung für Museen. Wir müssen als Versicherer genau abwägen, welche Mindestanforderungen wir an das Sicherheitskonzept eines Museums stellen müssen, um es überhaupt guten Gewissen versichern zu können. Die Investition in mechanische und elektronische Sicherungen oder in Wachpersonal kostet Geld. Es muss daher stets zwischen dem bestmöglichen und dem mindestens notwendigen Schutz abgewogen werden. Und es sind mit Sicherheit nicht alle Museen ausreichend geschützt. Selbstverständlich ist ein Kunstwerk in einem klimatisierten Tresor besser geschützt, als im öffentlichen Museum. Auf der anderen Seite ist das Kunstwerk Träger von Kulturgeschichte und nicht zuletzt ein ausschließlich durch seine visuelle Präsenz "lebender" Gegenstand. Es verfehlt daher seinen Zweck, wenn es hinter verschlossenen Tresortüren gehütet wird. Panzerglas in Museen ist keine Seltenheit mehr (die "Mona Lisa" von Leonardo da Vinci oder "Guernica" von Pablo Picasso in Madrid sind nur zwei prominente Beispiele). Auch hier werden – angestoßen durch die jüngsten Ereignisse – Diskussionen notwendig sein, in wie weit der ästhetische Genuss und die unmittelbare Zugänglichkeit herausragender Artefakte zu Gunsten einer besseren Sicherung beziehungsweise Bewahrung der Meisterwerke zurücktreten müssen."

Was denken Sie? Wie sollten Museumsdirektoren auf solche Diebstähle reagieren? Und wären Sie für mehr Sicherheit bereit, ein höheres Eintrittsgeld zu bezahlen? Bitte diskutieren Sie mit!