Mädchenschule - Berlin

Die feiernden Klassenzimmer

Die sanierte und animierte Jüdische Mädchenschule in der Auguststraße besticht bislang weniger durch Kunst als durch ihr kulinarisches Aufgebot – und als Partylocation für die Berliner Feiergesellschaft.

Es schmerzte ja immer etwas, die ehemalige Jüdische Mädchenschule in der Auguststraße weiter vor sich hin verlottern zu sehen. Der durch Fensterbänder und einen Turmbau rhythmisierte Klinkersteinblock kann sich mit Gebäudekomplexen aus der besten Ära der Werkbundarchitektur messen. Errichtet wurde er aber 1927/28 nach Plänen des Baumeisters Alexander Beer als eines der letzten Ensembles der Jüdischen Gemeinde Berlin vor dem 2. Weltkrieg. Spätestens als Maurizio Cattelan & Co 2006 einen Teil ihrer Berlin-Biennale in der maroden Architektur organisierten, war klar, dass diese Location ungeachtet ihrer Klassenzimmerstruktur ein für die Kunst atmosphärisch höchst gewinnender Ort sein könnte.

Wieder sollten Jahre vergehen, bis sich wirklich etwas tat. Letztes Jahr verkündete Jochen Palenker, Finanzdezernent der Berliner Jüdischen Gemeinde, dass der Kunsthändler und Investor Michael Fuchs zusammen mit dem Team des Szenerestaurants Grill Royal als neue Mieter das Haus künftig mit "Kunst und Esskultur" animieren wollen. Gestern Abend wurde das dreistöckige Haus für geladene Gäste geöffnet. Selbst im dichtesten Gedränge erschloss sich die denkmalgerecht sanierte Jüdische Mädchenschule als tatsächlich gastrokulturelles Juwel der Spandauer Vorstadt.

Insgesamt 5 Millionen Euro steckten Fuchs und wer auch immer noch als Geldgeber hinter ihm stehen mag in die Sanierung des Baus. Auf 20 Jahre hat Fuchs das Gebäude gemietet, weitere zehn Jahre stehen zur Option. Die Jüdische Gemeinde hat sich verständlicherweise für Fuchs als Investor entschieden, weil der Mitkonkurrent, das Fotoforum C/O Berlin, kein gleichermaßen schlüssiges Konzept für die Sicherung und attraktive Umnutzung des Hauses vorlegen konnte. Dass Fuchs nun zum Ersatz die kommerziell ausgerichtete Fotogalerie Camera Work als Untermieter im ersten Stock einziehen ließ, war ein ziemlich kluger Schachzug. Das oberste Geschoss teilt sich Fuchs selbst mit dem Galeristen Judy Lybke. Als Ergänzung zu seiner Galerie Eigen + Art in der Auguststraße will Lybke bis zum März ein sogenanntes "Lab" als Versuchsstation für noch nicht von ihm vertretene internationale Künstler einrichten. Das zweite Stockwerk steht noch gähnend leer. Fuchs sagt dazu: "Ich möchte nichts übereilen, Interessenten aus der Kunst gibt es mehr als genug. Es ist auch durchaus vorstellbar, dass hier eine Stiftung oder eine private Sammlung einzieht." Zur Berlin Biennale im Frühjahr soll es eine Zwischennutzung geben. Grüntuch Ernst Architekten zeichnen für die zurückhaltende, "minimalinvasive" Sanierung des Baudenkmals verantwortlich.

Zweifelhaft allerdings, ob von der Jüdischen Mädchenschule tatsächlich ein neue Stoßrichtung für die Kunst im Quartier ausgehen wird. Gerade die jetzigen Ausstellungen sind entweder fotografisch allzu glatt (Robert Polidori bei Camera Work Contemporary) oder hübsch beliebig in der Auswahl (Gruppenschau "HANG ON" bei Michael Fuchs). Aber das wiederbelebte Bauwerk verschafft bestimmt, wie Judy Lybke durchaus blumig anmerkt "dem Kunstkörper der Auguststraße wieder ein pulsierendes Herz". Und Lybke sagt weiter: "Wir sind alle erwachsen geworden. Bohemiens wie mich und viele meiner Sammler zieht es nicht nach Kreuzberg oder in die Potsdamer Straße." Stimmt schon, kein Mensch kann das Rad wieder zurückdrehen und aus der Auguststraße wieder eine Meile mit kühnen Junggaleristen und Off-Spaces kreieren. Das wäre nicht nur wegen der gestiegenen Immobilienpreise ein absolut lächerliches Ansinnen.

Gastronomisch wird das Erdgeschoss sicher ein immenser Anziehungspunkt für die (Kunst-) Society darstellen. Die kleineren Räume beherbergen ein Deli und ein koscheres Lokal, die ehemalige Turnhalle konnten sich Stephan Landwehr, Boris Radczun und Jessica Paul vom Grill Royal für ihr Restaurant Pauly Saal sichern. Im Unterschied zu den eher antiseptisch renovierten Ausstellungsräumen strahlt gerade die Pauly Bar den Retro-Charme eines Fifties-Hotels in Southampton aus. Opulente Murano-Kronleuchter und tannengrüne Polstersessel akzentuieren als Eyecatcher das Restaurant, hier bewies der Interior-Fan Radczun absolute Stilsicherheit. Auf Cosima Bonins Rakete als überdimensioniertes künstlerisches Schaustück über der durch eine Glasfront einsichtigen Küche ließe sich allerdings verzichten, sie sprengt den Raum optisch. Der österreichische Sternekoch Siegfried Danler setzt mit regionaler deutscher Küche, einer Tranchierstation, Suppenküche und hauseigener Patisserie auf Nachhaltigkeit.

Man will laut Jochen Palenker das Haus bis in die Nacht offen halten, hat die heute für jüdische Einrichtungen weltweit erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen ins Unsichtbare zurückgezogen. Und à la longue soll auch das im Verfall begriffene ehemalige Krankenhaus auf der Rückseite des Gebäudes saniert werden. Ganz kurzfristig hat die Berliner Partygesellschaft die Mädchenschule in Besitz genommen: Das Celebrity-Magazin "Interview" feierte schon am Mittwoch hier seine erste Ausgabe, inklusive Besuch der "Redakteurin" Naomi Campbell und Gastauftritt von Charlotte Gainsbourg. So muss Konkurrenz fürs Soho House aussehen.

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