Bookmarks - Lesetipps August

Die Lesetipps des Monats

art-Redakteurin Ulrike von Sobbe stellt Ihnen in unserer Rubrik "Bookmarks" jeden Monat zehn neue Kunstbücher vor. Darunter diesmal David Hockneys englische Landschaftsgemälde, Alex Katz' sensible Menschenbilder und die edle Formensprache der Designerin Eileen Gray. Dazu gibt es Bildbände über zwei herausragende, aber fast vergessene Fotojournalisten und einen Blick zurück in die vergangene Welt der Römer und Germanen zur Zeit der Varusschlacht.
Das müssen Sie lesen:Zehn neue, spannende Kunstbücher für den Monat August

Stephan Balkenhol: Public

Eigentlich wirken sie immer ein wenig traumverloren und abwesend – aber vielleicht sind die Figuren des Bildhauers gerade deshalb auf Straßen und Plätzen der Republik so gern gesehen, denn zugleich fügen sie sich mit einer geradezu frappierenden Selbstverständlichkeit in die Öffentlichkeit ein. Von solch schöner Beiläufigkeit ist ihre Anwesenheit inzwischen, dass sich Balkenhols Menschen (und Tiere) nun auch schon, wie dieser informative Band beweist, über die Grenzen hinaus vorwagen und in Paris oder London ebenso zu finden sind wie in Johannesburg oder Chicago. (Hatje Cantz Verlag. 144 S., 238 Abb., 39,80 Euro)

David Hockney: Nur Natur – Just Nature

Aus dem britischen Yorkshire brach er einst nach Kalifornien auf, um dort nicht zuletzt mit leuchtend hellen Bildern von Wasser und Sonne zu Weltruhm zu gelangen – 2005 ist der inzwischen 72-jährige Maler in seine Heimat zurückgekehrt und hat sich dort ganz andere Motive erschlossen: die auf den ersten Blick eher unspektakulären Schönheiten der englischen Landschaft. Über 70 dieser fast meditativ wirkenden Studien über Tages- und Jahreszeiten in der Natur sind jetzt bis 27. September in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall zu sehen und werden von diesem kenntnisreichen Katalog begleitet. (Swiridoff Verlag. 231 S., über 70 Abb., 39,80 Euro)

Eve Arnold: Porträts und Fotoreportagen

Sie war sich – wie viele ihrer besten Kollegen – für nichts zu schade: Das subtile Starporträt von Marilyn Monroe gelang der 1912 in Philadelphia geborenen Eve Arnold ebenso selbstverständlich wie die aufrüttelnde Sozialreportage über eine Irrenanstalt in Haiti. Und gleichsam nebenbei führte die Amerikanerin mit ihren Aufnahmen noch als eine der Ersten den Nachweis, dass Frauen mit der Kamera mindestens so gut umgehen können wie Männer. Das ganze Spektrum ihrer Arbeit dokumentiert dieser Band, der zudem Zeitgenossinnen zu Wort kommen lässt. (Collection Rolf Heyne. 176 S., 150 Abb., 29,90 Euro)

Siegfried Gohr: Magritte

Fast hatte man ja schon vergessen, wie oft er unsere Sehgewohnheiten unterlaufen oder gar genarrt hat, doch jetzt geben ein im Juni neu eröffnetes Magritte-Museum in Brüssel und diese große Monografie wieder vortrefflich Gelegenheit, die phantastische Bilderwelt des Belgiers (1898 bis 1967) neu zu erkunden. Und der Karlsruher Kunstprofessor Siegfried Gohr hilft mit einem klugen Text, die Beharrlichkeit zu begreifen, mit der dieser eigensinnige Großmeister des Surrealismus zu Werke ging und zu einem der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts wurde.
(DuMont Buchverlag. 320 S., 400 Abb., 68 Euro)

Alex Katz: An American Way of Seeing

Das menschliche Antlitz hat es ihm angetan: Seit über 50 Jahren malt der Amerikaner seine großformatigen, subtil kolorierten Porträts, unbeeindruckt von allen Ismen, die er im Laufe seiner langen Karriere erlebt hat. Und obwohl er auch mit Psychologie nicht viel im Sinn hat, sondern vor allem die Oberfläche und Schönheit seiner Motive festhalten will, ist er mit seinem coolen, distanzierten Malstil zum Chronisten einer Gesellschaft geworden, die auf ihrer Jagd nach dem – in der US-Verfassung versprochenen – Glück fast die Besinnung verloren zu haben scheint. (Kerber Verlag. 136 S., 96 Abb., 38 Euro)

Peter Pfrunder (Hrsg.): Gotthard Schuh. Eine Art Verliebtheit

Er war Maler, Grafiker, kurzzeitig Leiter eines Fotogeschäfts, bevor er zu einem der herausragenden Vertreter des Schweizer Fotojournalismus wurde. Gotthard Schuh, 1897 in Berlin als Sohn Schweizer Eltern geboren, war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, als die große Ära der illustrierten Zeitschriften begann. 1931 konnte er in der "Zürcher Illustrierten" seine ersten Fotos veröffentlichen. Der vorliegende Band, der eine Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur begleitet (noch bis 11. Oktober; danach im Musée Nicéphore Nièpce, Charleroi, März bis Mai 2010), macht mit Schuhs großartigen Aufnahmen bekannt. Wenngleich an Politik eher uninteressiert, verdankte Schuh seinen ersten großen Auftritt in der "Zürcher Illustrierten" einer politischen Reportage: 1933 machte er Fotos vom Klima in Deutschland nach der Machtergreifung der Nazis, darunter Bilder euphorischer Deutscher mit Hakenkreuzbinden bei Parteiaufmärschen. Ein weiterer Höhepunkt war eine Reportage über Bergleute in Belgien (1937). Für den Umschlag hat der Verlag eines der Fotos aus dieser Serie ausgewählt: Es zeigt einen jungen Arbeiter, dem das blonde Haar in langen Strähnen ins rußbedeckte Gesicht fällt. Höhepunkt seiner Reportagearbeit war sicher eine Reise (1938/39) nach Singapur und Indonesien im Auftrag der "Zürcher Illustrierten", der "Berliner Illustrirten" und der "Münchner Illustrierten". Schuh kehrte zurück mit spektakulären Fotos vom Alltag der Menschen, von archaisch arbeitenden Fischern, von Opiumhöhlen, von exotisch anmutenden religiösen Festen oder ungeniert vor der Kamera posierenden Frauen. Mit seinen sensiblen Schwarzweißaufnahmen zählt Schuh zweifellos zu denen, die den modernen Fotojournalismus geprägt haben. (Steidl Verlag. 311 S., 200 Abb., 65 Euro, auch in Englisch erhältlich)

Peter Adam: Eileen Gray. Leben und Werk

Als sie 1978 starb, hatte die 98-Jährige noch miterlebt, wie ihr Name wieder aus der Vergessenheit auftauchte – heute zählt Eileen Gray unbestritten zu den bedeutendsten Innenarchitekten und Designern des 20. Jahrhunderts. Ihre elegant-funktionalen Möbel, wie der berühmte verstellbare Beistelltisch E.1027, stehen in den großen Design-Sammlungen rund um den Globus und haben ebenso Kultstatus wie ihre (wenigen) vom Bauhaus beeinflussten Architekturarbeiten. Dabei wollte die Tochter aus gutem irischen Hause ursprünglich Malerin werden; erst nach ihrem Umzug nach Paris 1906 wandte sie sich ihrem neuen Metier zu. Der britische Kunstkritiker Peter Adam hat seine 1984 erstmals erschienene Gray-Biografie jetzt aktualisiert und erweitert und dokumentiert darin ebenso engagiert wie detailliert das Leben dieser eigenwilligen Einzelgängerin, mit der er viele Jahre befreundet war. (Schirmer/Mosel Verlag. 360 S., 164 Tafeln, 265 Abb., 78 Euro)

Katja Behling, Anke Manigold: Die Malweiber. Unerschrockene Künstlerinnen um 1900

Von Kunstakademien waren sie ausgeschlossen, im Elternhaus fanden Sie kein Verständnis für ihre künstlerischen Ambitionen, und von männlichen Malerkollegen wurden sie belächelt – dennoch ist es einigen jungen Frauen gelungen, sich allen Widerständen zum Trotz als Künstlerinnen durchzusetzen. Sie nahmen Unterricht in privaten Schulen, malten in der Natur und entflohen aus der bürgerlichen Enge ihrer deutschen, Schweizer oder österreichischen Heimat nach Paris, wo sich viele in den Ateliers am Montmartre künstlerisch und persönlich entfalten konnten. Das Buch erzählt von ihren ungewöhnlichen Lebenswegen am Beginn der Moderne, wobei die Autorinnen sich nicht nur berühmten Namen wie Paula Modersohn-Becker, Anita Rée oder Marianne Werefkin widmen, sondern auch bis heute fast übersehene Malerinnen wie Emmi Walther, Augusta von Zitzewitz oder Helene Neumann vorstellen. (Elisabeth Sandmann Verlag. 152 S., 150 Abb., 24,80 Euro)

Varusschlacht im Osnabrücker Land

2000 Jahre ist es nun her, dass im Osnabrücker Land Kampfhandlungen zwischen Germanen und Römern stattfanden, die als Varusschlacht in die Geschichtsbücher eingingen. Angeführt von Arminius hatten germanische Truppen den römischen Aggressoren unter Varus erfolgreichen Widerstand geleistet. Ein historisches Ereignis, das die Entwicklung von Europa prägen sollte. Der heutige Park mit Museum am Gelände des antiken Schlachtfeldes im niedersächsischen Kalkriese (auch einer der drei Ausstellungsorte der großen Jubiläumsschau, art 5/09) zieht jedes Jahr über 100 000 Archäologie-Freunde an. Zum Jubiläumsjahr wurde das Museum nun vergrößert und um spannende Ergebnisse neuester Grabungen erweitert. Der begleitende Katalog zur Dauerausstellung beleuchtet Kultur und Leben der Germanen im heutigen Nordwestdeutschland, zeigt aber auch das Bild, das sich die Römer von den "Barbaren" machten und dokumentiert Erkenntnisse über die Varusschlacht und ihren identitätsstiftenden deutschen Gründungsmythos: ein sehr lebendiger Blick in eine längst vergangene Welt. (Philipp von Zabern Verlag. 256 S., 176 Abb., 24,90 Euro)

Taschen’s New York

Satte drei Kilo bringt dieser Stadtführer auf die Waage: Eindeutig zu viel, um ihn beim Gang durch die City mit sich herumzutragen. Aber der Trumm mit seinen drei Abteilungen Hotels, Restaurants und Shops ist wohl ohnehin mehr dazu gedacht, Lust auf einen New-York-Trip zu machen. Und das schafft das üppige Bilder-Buch mühelos – obwohl es trotz Konzentration auf alte und neue Klassiker natürlich das Risiko birgt, rasch zu veralten (und im übrigen die hoch beliebte Upper West Side total ignoriert). Trotzdem: Wer Lust hat, ein bisschen mehr Dollar in Umlauf zu bringen, findet hier exzllente Tipps, und wer die Adressen dann vor Ort finden will, für den gibt es auch noch einen kleinen, leicht transportablen Faltplan. (Taschen Verlag. 400 S., zahlr. Abb., 29,99 Euro)