Ai Weiwei - London

Sie sind ein Dadaist!

Howard Benton hat aus einem langen Interview mit Ai Weiwei über seine Verhaftung ein packendes Theaterstück gemacht, berichtet Julia Grosse aus dem Londoner Hampstead Theatre.

Die Idee kam von Ai Weiwei selbst. "Das Ganze würde ein ziemlich gutes Theatertück geben", sagte er dem Autor Barnaby Martin, der den noch sehr aufgewühlten Künstler kurz nach dessen Freilassung 2011 interviewte und ein Buch darüber schrieb.

Doch wie reinszeniert man die Verhaftung des derzeit wohl berühmtesten Chinesen in einem zweistündigen Theaterstück? Immerhin blieben diverse Fakten, nicht zuletzt auch die Entlassung nach 81 Tagen, selbst für den Künstler ein Mysterium. Und provoziert Ai Weiwei mit der Verstofflichung seiner eigenen, traumatischen Inhaftierung nicht bereits wieder eine neue Vorlage, um ihn anzuprangern?

Eine schlaue Entscheidung der Londoner Inszenierung ist, gar nicht erst zu versuchen, eine wahre Geschichte authentisch nachzuerzählen. Auf Grundlage des real geführten Gesprächs geht es im Grunde um größere Fragen nach Freiheit, nach Staatsgewalt und Menschlichkeit hinter verinnerlichtem Gehorsam. Es gibt Szenen, wie die Unterhaltung zwischen zwei hohen Regierungsvertretern, die komplett erfunden wurden, mit Hilfe von Experten, wie dem China-Korrespondenten des "Wall Street Journal". Sie dienen als Blick in den Kopf einer Regierung, die nicht nur stereotypisch totalitär, sondern auch intellektuell und elaboriert wirkt: Vielleicht wurde Ai Weiwei als harmloser "Steuersünder” nur deshalb plötzlich entlassen, weil eine langjährige Inhaftierung strategisch ein Eigentor für die Regierung gewesen wäre. "Ai Weiwei im Gefängnis! Genau das wäre doch das stärkste Werk, was er kreieren könnte! Wir müssen das verhindern!", ruft einer der Regierungsvertreter auf der Bühne.

Und so befindet sich das Stück auf einem zweistündigen Drahtseilakt zwischen bloßer Wiedergabe eines klischierten Chinabildes und dem Anspruch, auch positive Seiten zu vermitteln. Immer wieder betont wird die zarte Hoffnung einer hoffungslose Jugend: Aufpasser, Protokollanten und Handlanger, die Ai Weiwei zuzuflüstern, wie sehr sie ihn verehren. Der mächtige Künstler wird hier indirekt als neues, potentielles Idol eines zukünftigen Chinas promotet. Unglaublich gut ist der Brite Benedict Wong als Ai Weiwei. Der renommierte Schauspieler, mit extra angefutterten Bauch und Vollbart, agiert derart stark und entschieden in seiner Idee vom verzweifelten Künstler, der mental gebrochen werden soll, dass die anderen Schauspieler in intensiven Momenten zu bloßen Chiffrefiguren schrumpfen.

Gebetsmühlenartig wird die Frage "Was ist Kunst?” durchgekaut, mit Ai Weiwei als Pädagoge in Handschellen: Jeder Mensch kann Kunst verstehen! Zu Beginn lachen seine Peiniger laut und sarkastisch über seine 1001 Chinesen in Kassel und 100 Millionen Sonnenblumenkerne aus Keramik. "Die kann man ja noch nicht einmal pflanzen! Du bist ein Betrüger!” Am Ende wollen sie mit Ai Weiwei über Dadaismus diskutieren. Einer von ihnen hält triumphierend ein Zettel mit Duchamps Fontäne in der Hand: "Sie sind ein Dadaist!”

Das Stück endet mit der Reinszenierung von Ai Weiweis legendärem Zerschmettern einer Urne aus der Han Dynastie 1995: Frisch entlassen, wandelt er ziellos über die Bühne und verliert sich schließlich in der faszinierten Betrachtung eben jenes antiken Prachtstücks. Er nimmt sie behutsam in die Hand, trägt sie umher und spricht von der Freiheit des Menschen,wie ein großer Revolutionär zu seinen Anhängern. Er betrachtet das kostbare Objekt voller Bewunderung, hält es in die Höhe und lässt es fallen. Dutzende von Tonscherben fliegen über die Bühne, das Publikum holt erschocken Luft – dann tosender Applaus. Ai Weiweis Enttäuschung über ein Land, das er in seinem Kern so liebt, wird an keiner Stelle so physisch spürbar, wie hier. Was am Ende vor allem hängen bleibt, sind die Kontexte, in denen Künstler heute arbeiten. Die einen können das immer und absolut frei. Die anderen aber noch lange nicht.

#aiww. The Arrest of Ai Weiwei

Hampstead Theatre
von Howard Benton, Regie: James Macdonald, basierend auf Barnaby Martins Buch "Hanging Man"

Termin: noch bis 18. Mai
http://www.hampsteadtheatre.com