Generation Chefin - Kuratorinnen

Ahoi, Frau Kapitän!

In der alten Bundesrepublik konnten es Kuratorinnen maximal zur Kunstvereinsleiterin bringen. Dann eroberten Frauen die Museen im Osten: Chemnitz, Gera, Schwerin, Dresden, Cottbus ... Jetzt endlich hat man auch im Westen verstanden: Frauen können große Häuser führen. Manchmal etwas anders als die Männer, aber mindestens genauso gut.

Man reibt sich die Augen, so unwahrscheinlich weiblich dirigiert erscheint die Kunstlandschaft Deutschland neuerdings. Nie zuvor gelang es mehr Kuratorinnen, die Führungsetage von größeren Museen zu erklim­­men. Und das ohne Grabenkämpfe mit dem anderen Geschlecht, ohne Quotenentscheidungen, ohne großes Gehabe um die ergatterte Spitzenposition. Innerhalb der letzten drei Jahre sind an die zehn Direktorinnen an renommierte Häuser in Deutschland be­rufen worden, sechs der ebenso profilierten wie eigenwilligen Kunstwissenschaftlerin­nen porträtieren wir hier. Wie aber konn­ten sich mit einem Mal so viele Museumsfrauen der mittleren Generation auf den Chefsessel hieven?

Ulrike Groos, die seit Anfang 2010 das Kunstmuseum Stuttgart leitet, sieht hierin eine eher natürliche Evolution: "Dass wir jetzt an diesem Punkt in Deutschland angelangt sind, beruht auf einer längeren Entwicklung. Frau­en waren zwar in der Vergangenheit schon sehr präsent in der Kunstszene, aber sie haben meistens schlecht bezahlt Kunstvereine geleitet. Mit guter Arbeit konnte man von da aus aber wichtige Kontakte aufbauen. Letztlich war das auch für mich ein wichti­ger Schritt."

Wer hingegen in den letzten drei Jahrzehnten nach weiblichen Führungsköpfen in größeren deutschen Museen suchte, muss­te schnell kapitulieren. Mehr als ernüchternd fiel insbesondere die bundesrepublikanische Bilanz aus. Der Frauenanteil bei den zen­tralen Direktorenstellen ging vor dem Mauerfall quasi gegen null. Eine Ausnahme stellte die aufgrund ihrer fast überirdischen Monopolstellung ehrfürchtig betrachtete Katharina Schmidt dar. Sie durchlief in den achtziger Jahren eine beispiellos steile Karrie­re als Direktorin ausgehend von der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden über das Kunstmusem Bonn, bis sie schließlich 1992 in die Schweiz ans Kunstmuseum Basel abwanderte. Aber Schmidt blieb auf weiter und breiter Flur ein ausgesprochener Solitär. Mochten noch so viele Frauen ein glänzen­des Kunstgeschichtestudium absolviert haben, noch so viele sich den holprigen Weg durch die Institutionen ebnen, noch so viele durch eine kluge kuratorische Arbeit und pointierte Ausstellungen auffallen, das entscheidende Treppchen bis in die obere Etage der Museen blieb ihnen meist verwehrt.

Der Durchbruch gelang nach der Wende im Osten: Chemnitz, Dresden, Gera, Schwe­rin, Cottbus, Frankfurt/Oder – fast alle Neubesetzungen hier gingen an Frauen. Erst in den letzten Jahren kamen die weiblichen Neubesetzungen auch im Westen Schlag auf Schlag. Baden-Württemberg kommt dabei eine Vorreiterrolle zu. Vor Ulrike Groos in Stuttgart wurde bereits Ulrike Lorenz an die Spitze der Kunsthalle Mannheim und Pia Müller-Tamm an die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe geholt. Und die derzeitige Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, Karola Kraus, übernimmt im Oktober die Leitung des Museums Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. All die Power-Damen sind entgegen des vielleicht früher vorherrschenden Reviergebarens gut miteinander vernetzt. Das Verhältnis zu den männlichen Führungskollegen ist in dieser Generation eher entspannt. Susanne Pfeffer, Kuratorin der Kunst-Werke Berlin räumt ein: "Sobald es um eine gewisse Souveränität geht, wird man als Mann im Kunstbetrieb leichter respektiert und ernst genommen. Bereits als Assistentin bei Udo Kittelmann in Frankfurt war es für mich ganz klar, dass ich eigene Projekte machen will und irgendwann gehen werde. Kittelmann hat mich in dem Moment des Abschieds wie eine Partnerin gesehen, so getan, als hätte ich ihn persönlich im Stich gelassen."

Bewundernswert: Drei der relativ frisch etablierten Direktorinnen sind vor nicht all­zu langer Zeit Mutter geworden, jonglieren also gleich mehrere große Bälle mit Organi­sationsgeschick. Susanne Gaensheimer, die jetzt neben ihrem Direktorenamt am Frankfurter MMK Museum für Moderne Kunst auch noch als Kuratorin den deutschen Pavillon der Venedig-Biennale 2011 verantwor­ten muss, hat zwei Kinder im Vorschulalter. Sie behauptet sogar: "Kinder relativieren die Dinge. Ich schaffe es durch sie besser, Prioritäten zu setzen." Auch die künstlerische Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen erscheint trotz Extrembelastung gelassen. Marion Ackermann dazu: "Wenn man mich nicht richtig kennt, wirke ich vielleicht sehr soft. Aber Politiker haben sich an mir schon die Zähne ausgebissen." Angelika Nollert, Frontfrau am Nürnberger Neuen Museum, beschei­nigt sich selbst das Talent zu Menschen unterschiedlicher Couleur einen Draht finden zu können. "Bei diesem Job ist es wichtig, dass man mit ei­nem Vorstandsvorsitzenden ebenso gut wie mit einem Depotarbeiter kommunizieren kann." Auffallend ist, wie ernst die jungen Direktorinnen die Vermittlungsarbeit nehmen und vor allem die pädagogische Heranführung der jüngsten bis jugendlichen Museumsbesucher an die Kunst ausbauen.

Gekämpft wird also weniger mit harten Bandagen, als mit großer Überzeugungskraft in programmatischer Hinsicht. "Interessant ist, dass sich eine klare, stringente Linie am Ende doch durchsetzt", sagt Gaens­heimer. Ulrike Lorenz findet triftige Gründe, warum Museen jetzt verstärkt in Frauenhand sind. "Ich habe den Eindruck, dass weibliche Führungsqualitäten – Problembewusstsein, Kommunikationskreativität, Teamgeist, Selbstorganisation, Adaptionsfähigkeit – mehr denn je notwendig sind, um den Kurswechsel in komplexen Organisationen zu steuern. Kurz: Frauen müssen besser sein, um sich durchzusetzen, und dieses Surplus braucht auch das Museum heute, um sich zu verwandeln." Dabei steht der deutsche Museumsbetrieb erst am Anfang einer Umorientierung, denn die ganz großen Tanker haben nach wie vor männli­che Kapitäne. Doch auch diese elitä­ren Kommandobrücken werden bald von der ei­nen oder anderen Frau geentert werden.