Michael Schindhelm - Interview

Sehnsuchtsziel Mittlerer Osten

Michael Schindhelm, 47, soll die Kultur im Golf-Emirat Dubai, Teil der Vereinigten Arabischen Emirate, nach vorn bringen. art-Redakteurin Ute Thon sprach mit dem in Eisenach geborenen ehemaligen Intendanten des Basler Theaters und gescheiterten Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, der sich seit kurzer Zeit im Auftrag der Regierung in Dubai als "Direktor für Kultur, Künste und Kulturerbe" engagiert.
Gespräch mit Direktor der Kulturbehörde von Dubai:Schindhelm entwirft Masterplan

"Europa ist in gewisser Weise zu Ende entwickelt." Michael Schindhelm, Dubais "Direktor für Kultur, Künste und Kulturerbe"

Herr Schindhelm, was genau machen Sie in Dubai? Offizell lautet Ihre Funktion "Direktor für Kultur, Kulturerbe und die Künste". Das klingt nach einem weiten Feld.

Das kann in Dubai auch gar nicht anders sein. Fangen wir mal mit dem Bereich "Kulturerbe" an. Die Geschichte von Dubai ist zwar kurz, aber nicht so kurz, dass es nicht auch eine lokale Kultur gäbe. Diese emiratische Kultur gilt es zu erhalten und zu unterstützen. Allein der Schutz der arabischen Sprache ist in einer Umgebung, in der fast nur noch Englisch gesprochen wird und die Einheimischen nur 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen, eine extrem schwierige Herausforderung.

Die Regierung in Dubai holt einen Theaterintentanten aus Deutschland, damit ihre Landleute wieder richtig arabisch lernen?

Die emiratische Kultur zu fördern, ist nur ein Bestandteil meiner Aufgaben. Darüber hinaus geht es darum, für die 85 Prozent ausländischer Bevölkerung kulturelle Spielfelder zu finden. In Dubai haben sich in den letzten Jahren mehrere Großkulturen entabliert: die westliche abendländische Kultur, die arabische Kultur und die indische Kultur, zudem gibt es chinesische, afrikanische und südamerikanische Einflüsse. Nun geht es darum, einen Masterplan zu entwickeln, der kulturelle Infrastruktur ermöglicht. Wir reden darüber, welche Museen entstehen und wie darstellende Kunst repräsentiert werden sollen, wie ein Bibliothekennetz entstehen kann und wie man ein Environment schafft, dass Künstler und Kulturschaffende anlockt. Und schließlich, das ist ein ganz entscheidender Punkt, geht es auch um die kulturelle Vermittlung, also die Frage, ob diese unterschiedlichen Stimmen von Völkern, die sich in Dubai versammelt haben, einfach so durcheinander singen werden oder ob es Möglichkeiten gibt, eine Kommunikation zwischen ihnen herzustellen.

Das klingt nach einer gewaltigen Aufgabe. Wie viele Mitstreiter haben Sie denn in Ihrer neuen Kulturbehörde?

Die Organisation, deren Direktor ich bin, ist erst vor drei Monaten ins Leben gerufen worden. Das Kernteam umfasst 20 Leute, wobei ich bislang noch der Einzige mit einem internationalen kulturellen Background bin. Zudem haben wir eine alte Behörde übernommen, die bereits als Vorläuferorganisation im Auftrag der Regierung emiratische Kultur gepflegt hat. Insgesamt haben wir etwa 40 Mitarbeitern. Davon sind ungefähr Dreiviertel Emiratis.

Wie viel Entscheidungsgewalt haben Sie als Ausländer in Ihrem Amt?

Im Moment habe ich noch relativ wenig zu bestimmen, weil wir noch relativ wenig konkrete Projekte haben. Aber das Ziel ist, bis zum Herbst der Regierung ein Gesamtpaket von Maßnahmen vorzustellen und Budgets zu entwickeln. Da unterscheidet sich meine bisherige Erfahrung nicht wesentlich von meinen Erfahrungen in anderen Ländern. Die Leitung eines Theaters oder einer Oper ist ein extrem kompizierter Prozess, insbesondere in einer Demokratie. Bei großen Investitionen entscheidet nicht allein der Generaldirektor oder Intendant.

Ein Projekt für Dubai haben Sie vor kurzem vorgestellt: ein Universalmuseum, an dem sich die Berliner Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Dresdner Museen und die Pinakothek in München beteiligen wollen. Soll dort vor allem westliche Kunst gezeigt werden?

Das Universalmuseum ist keineswegs gedacht als Ort, wo rein westliche Kulturprodukte gezeigt werden. Es soll auch kein bilateraler Austausch zwischen Deutschland und Dubai bleiben. Der Gedanke ist schon, mit vielen internationalen Museen zusammenzuarbeiten.

Im Nachbaremirat Abu Dhabi, nur etwa eine Autostunde von Dubai, gibt es derzeit ähnliche Pläne: Auf einer vorgelagerten Insel soll ein riesiger Museumskomplex entstehen, darunter auch gigantische Filialen des Guggenheim-Museum und des Louvre. Braucht die Region wirklich so viele Museen?

Es gibt sicherlich einen Wettbewerb. Und ich halte das erst mal für eine ganz gesunde Sache. Es ist doch schön, wenn sich Völker darum streiten, wer die größeren Museen baut, anstatt sich die Köpfe einzu schlagen wie andernorts in der arabischen Welt. Trotzdem ist eine Art von Arbeitsteilung wünschenwert, dass wir nicht in einen blinden Wettbewerb verfallen. Das betrifft nicht nur Abu Dhabi, auch in Doha gibt es neue Aktivitäten, Sharjah hat bereits einen nicht unerheblichen Museumskomplex, in Muskat im Oman wird ein Opernhaus gebaut, Saudi-Arabien erwacht gerade – und dort ist ein riesiges Potenzial, auch an Geldmitteln. In Dubai ist übrigens wesentlich weniger Geld vorhanden als in Abu Dhabi, deshalb werden wir hier von vornherein ganz andere Ansätze wählen.

Das klingt nach kultureller Kleinstaaterei.

Das ist doch nicht das Schlechteste. Italiens und Deutschlands Geschichte war lange vom Prinzip der Kleinstaaterei dominiert und davon profitieren wir, zumindest was die kulturelle Entwicklung angeht, noch heute. Denn sie hat dazu beigetragen, dass wir ein weltweit einzigartiges Netz von Theatern und Museen haben. Die Arabischen Emirate haben vor 35 Jahren bei ihrer Gründung 100 000 Einwohner gehabt. Inzwischen haben sie 5,5 Millionen. Dubai ist eine Stadt, die heute so groß ist wie Hamburg und ungefähr 2012 so groß sein wird wie Berlin. Wenn sie mal anschauen, wie viele Museen in Hamburg oder Berlin existieren, dann sind zehn Museen, die wir jetzt in der Region planen, gar nicht so viel.

Dubai wird gern mit Las Vegas verglichen, der künstlichen US-Metropole in der Wüste, die mit spektakulären Entertainment-Angeboten Touristen anlockt. Ernsthafte Museumsprojekte sind dort bislang jedoch gescheitert.

Natürlich geht es auch um Tourismus. Dubai ist heute schon eine der wichtigsten Tourismusziele der Welt. Und natürlich gibt es bestimmte Projekte, die nur für Touristen entwickelt werden. Aber wir sollten nicht das Potenzial und Interesse der eigenen Bevölkerung in Sachen Kultur unterschätzen. Dubai wird übrigens auch mit Hongkong, Singapur, New York und sogar mit Berlin verglichen. Man darf nicht vergessen: Anders als in anderen arabischen Ländern hat die politische Sicherheit in Dubai dazu geführt, dass viele der besten Köpfe heute dorthin gehen, das heißt, die Eliten Dubais – also die treibenen Kräfte einer mittelasiatischen kulturellen Entwicklung – kommen aus der gesamten arabischen Welt und auch aus Indien.

Berlin ist für seine großartige Künstler- und Galerienszene bekannt. Gibt es vergleichbares auch in Dubai?

Es gibt in Dubai etwa 50 Galerien, einige von denen existieren bereits seit zehn Jahren. Natürlich finden man dort nicht unbedingt die Vertreter der Leipziger Schule. Aber vielleicht kommen die jetzt auch bald. Seit kurzem gibt es die Kunstmesse Art Dubai. Die Verkäufe dort mögen noch nicht so überwältigend sein wie in Basel, aber die Messe hat es möglich gemacht hat, dass der Direktor des New Yorker MoMA mit emiratischen Künstlern zusammen kam. Ich hatte Leute wie Daniel Buren, Tony Cragg, Ai Weiwei und Catherine David bei mir zu Gast. Solche Anlässe zeigen, dass Dubai für die internationale Kunstszene interessant wird. Ich habe in meiner Mailbox jeden Tag Angebote von Künstlern, Kulturschaffenden, Sammlern und Museumsleuten aus der westlichen Welt, die mit extrem interessanten Ideen aufwarten.

Was fasziniert Kulturschaffende denn so am Mittleren Osten?

Es ist eine Art Sehnsuchtsziel, wo man das Gefühl hat, noch einmal neu anfangen zu können. Europa ist in gewisser Weise zu Ende entwickelt. In unserer gewachsenen Hochkultur wird heute vor allen Dingen verwaltet und weniger gestaltet. Andererseits halte ich Europa nach wie vor für den kreativen Motor der Welt. Wir haben hier eine Überproduktion an Kreativität, die dem Mittleren Osten zu Gute kommen sollte. Deswegen ist es so wichtig, den eurasischen Zusammenhang wiederzuentdecken. Das 21. Jahrhundert wird mit China, Indien und dem Mittleren Osten diesen Raum wieder stärker zusammenbringen.

Läuft das letzlich nicht doch auf einen eingleisigen Kulturexport hinaus. sprich westliche Museen schicken gegen Bezahlung ihre Kulturschätze in die kulturell unterversorgte Golfregion?

Natürlich wird erstmal viel zu importieren sein. Aber Dubai hat bereits in anderen Bereichen gezeigt, dass es fähig ist, die Wissensimporte in etwas eigenes zu verwandeln. Das sieht man beispielsweise im Bereich Architektur und Städteplanung. Zunächst hat man sich westliches Know-How geholt. Mittlerweile nutzen internationle Architekten und Städteplaner Dubai als Labor, um zu sehen, wie man heute am besten mit urbanen Strukturen, Verkehrsplanung oder Energieresourcen umgeht. Und das wird letztlich Rückwirkungen auf Europa haben.