Andy Warhol

God bless you

Das war der einzig vollständige Satz, den Andy Warhol im Winter 1968 dem jungen Reporter aus Deutschland schenkte. Am 6. August jährt sich Warhols Geburtstag zum 80. Mal – unser Autor erinnert sich an ein denkwürdiges Interview in der New Yorker "Factory".

Dezember 1968. Bitter kalt war es in Manhattan, wo ja sonst um diese Jahreszeit noch niemand einen Mantel braucht. Weiß waberte Wasserdampf aus den vergitterten Abluftschächten der U-Bahn, vor den Kaufhäusern lärmten Firmen-Weihnachtsmänner mit ihren Handglocken, und an jeder Straßenecke roch es nach verkohlten Maronen. Ich saß im Taxi und näherte mich dem Höhepunkt der ersten New-York-Reise meines Lebens – einem Interview mit Andy Warhol, dem damals prominentesten und vielseitigsten Künstler der USA.

Abrunden sollte es eine schwierige Recherche für den "Spiegel", bei dem ich ein Jahr zuvor Redakteur geworden war: Für eine Titelgeschichte des Magazins durchsiebte ich den "Underground", ein diffuses Phänomen der alternativen Jugend- und Subkultur jener Vietnamkriegsjahre, das alle Länder der westlichen Welt erfasst hatte und das – im Bestreben, das so genannte Establishment aus seinem Wohlstandstrott zu bringen – durchaus erfolgreich, aber auch unübersichtlich war.

Warhol, Sohn eines aus der Tschechoslowakei nach Pittsburgh emigrierten Bergmanns, galt als eine Art Leuchtturm dieser Underground- Aktivitäten, zu denen in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht nur sex- und drogenselige Hippie-Kommunen, maoistische Revoluzzer-Zirkel, Friedenskämpfer und Bürgerrechtler gezählt wurden, sondern auch alle Kunst-Avantgarden – Musik, Film, Literatur und Theater inbegriffen.

Bevor Warhol auf dieser Szene den Ton angab, hatte er in New York eine Blitzkarriere als Commercial Artist gemacht – als fürstlich honorierter Gebrauchsgrafiker, dessen verspielt-elegante Illustrationen, Buchumschläge, Zeitschriften-Cover, Anzeigen-, Plakat- und Schaufensterentwürfe ihm einen Branchenpreis nach dem anderen einbrachten.

Doch davon wusste ich seinerzeit wenig. Mich faszinierte Warhol vor allem als Maler, der mit Kollegen wie Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Jim Dine, Jasper Johns und James Rosenquist die Pop Art auf den Weg gebracht und mit gegenständlichen Trivialbildern aus der Waren-, Konsum- und Medienwelt sozusagen über Nacht die Vorherrschaft der Abstraktion gebrochen hatte. Warhol, von dem ich die ersten Originale 1964 in der Kasseler Galerie Ricke und 1967 auf dem ersten Kölner Kunstmarkt sah, war unter den Pop-Rebellen bei weitem der konsequenteste. Er hatte die individuelle Staffelei-Malerei des Abstrakten Expressionismus durch den unpersönlichen Siebdruck ersetzt. Banale Vorlagen wie Bilder von Suppendosen, Coca-Cola-Flaschen und Dollarnoten, Pressefotos von Verkehrsunfällen sowie Autogrammkarten von Elvis Presley, Elizabeth Taylor oder Marilyn Monroe monumentalisierte er auf Riesen-Leinwänden serienweise zu marktgängigen Ikonen des modernen Alltags. Der damalige Höchstpreis für ein Bild lag bei 60 000 Dollar – heutiger Auktionsrekord: 17,2 Millionen Dollar.

Warhol wechselte, von der Malerei gelangweilt, bald das Metier

Statt eines Ateliers unterhielt Warhol seit 1963 in der 47. Straße ein "Factory" (Fabrik) genanntes Open House. Das war mit Silberfolie tapeziert und hatte einen Job für jeden Streuner, der sich bei der Produktion der rund 2000 Warhol-Inkunabeln nützlich machen wollte, die dort allein bis 1964 entstanden. Und Warhol wechselte, angeblich von der Malerei gelangweilt, schon bald von neuem das Metier, um mit einer 16-Millimeter- Kamera nur noch billige Underground-Filme zu kurbeln. Prompt mutierten dabei die Laien seiner chaotischen Zufallskommune zu "Superstars", deren Haschkonsum beim Improvisieren cineastischer Ready- Mades ohne Handlung, Ton, Regie und nachträglichen Schnitt der Drogengegner Warhol cool übersah.

"Chelsea Girls", das 195 Minuten lange spektakulärste Opus unter den bis dahin rund 60 Factory-Lichtspielen, hatte nur 5000 Dollar gekostet, aber 100 000 Dollar Gewinn gebracht und war sogar in Hamburg gelaufen. Warhols Superstars International Velvet, Ondine, Gerard Malanga, Marie Menken und andere mimen darin ohne Drehbuch sich selbst. Sie erzählten der Kamera ihr Leben, beichteten Sehnsüchte, auch Süchte, stutzten sich das überlange Haar und demonstrierten lesbische Liebe.

Doch in der kurz zuvor fertig gewordenen, mit Sex gesättigten Western-Parodie "Lonesome Cowboys", die ich tags zuvor in einem New Yorker Kino gesehen hatte, spielten die attraktiven Laien erstmals festgelegte Rollen. Nur ihre Dialoge erfanden sie noch selbst. Erste Konzessionen an das Kommerzkino à la Hollywood? Danach wollte ich Andy Warhol gleich fragen. Und natürlich nach dem Hintersinn von 27 provokanten pseudophilosophischen Sprüchen wie "Alles ist schön", "Ich mag langweilige Dinge" oder "In Zukunft wird jeder 15 Minuten lang weltberühmt sein". Sie standen als einzige Texte in einem 672 Seiten starken Katalog mit Werk- und Factory-Fotos, der im Frühjahr 1968 zur Warhol-Retrospektive des Stockholmer Moderna Museet erschienen war und heute bei Sammlern neben der Bibel steht.

Vor einem halben Jahr waren in diesem Raum Pistolenschüsse gefallen

33 Union Square West. Pünktlich um 15 Uhr hielt das Taxi vor dem Union Building, in dem Warhol Anfang des Jahres seine Factory neu installiert hatte, weil das Gebäude der alten abgerissen wurde. Vereinbart hatte den Interview-Termin meine Kollegin Lil Picard, damals 68. Diese vor den Nazis aus Berlin geflohene deutsche Kritikerin, Kunstjournalistin, Kolumnistin und Performance-Künstlerin war die beste Kennerin der New Yorker Szene und begleitete mich als Scout zu Underground-Zeitungen, Discos und Künstlern. Sie kannte Warhol gut, machte aber zum ersten Mal Bekanntschaft mit der neuen Factory-Etage.

Und so waren wir beide verblüfft, als uns im sechsten Stock der Lift in ein kahles, stinknormales Büro entließ. Beherrscht wurde der große Raum von zwei drei Meter breiten Schreibtischen mit gläsernen Arbeitsplatten auf verspiegelten Containern, an denen sich Warhols engste Mitarbeiter Fred Hughes und Paul Morrissey gegenübersaßen. Andy war noch nicht im Haus. Hughes telefonierte, und Morissey bedauerte, dass er uns nicht in der Factory herumführen könne: "Security – you know". Vor einem halben Jahr, am 3. Juni 1968, waren in diesem Raum Pistolenschüsse gefallen. Zwei davon hatten Warhol lebensgefährlich verletzt. Die Attentäterin Valerie Solanas, eine militante Feministin, hatte sich dafür rächen wollen, dass ihr ein eingesandtes Drehbuch von der Factory weder zurück geschickt noch bezahlt worden war.

Nach einer Weile teilten sich die Fahrstuhltüren, und mich durchfuhr ein Schauder. Eintrat Andy Warhol, 40, der einem Untoten aus Horrorfilmen glich. Er trug einen Lederhut über der weißlichen Perücke und hatte sich zwei kleine Satteltaschen wie einen Schal um den Hals gelegt. Sein Gesicht war zum Fürchten fahl – die Folge einer Pigmentstörung und von sieben Wochen im Krankenhaus. Aber als Lil Picard mich ihm vorstellte, blickte er freundlich aus tiefliegenden Augen, sagte höflich "guten Tag" zu mir und lächelte sogar. Er nahm seine Taschen von den Schultern, lud uns aber nicht zum Sitzen ein.

Ich verzichtete auf Tonband und Block und stellte ihm Fragen. Nach seinem nächsten Kinoprojekt, nach seiner nächsten Europareise, nach der von ihm gesponserten Band "The Velvet Underground", nach seiner Multimedia-Show "Exploding Plastic Inevitable" in der Disco "Dom" und danach, ob für ihn denn noch immer "alles schön" sei. Er blieb mir keine Antwort schuldig und genoss dabei seine Fähigkeit, mit wenigen Worten noch weniger zu sagen. Der nächste Film? "I don't know. I wish I knew." Neue Europareise? "Maybe." Ist wirklich alles schön? "Why not?". Das alles durchweg verbindlich, mit sanfter Stimme und unter Einschaltung von Denkpausen. Als dennoch das Gespräch kurz stockte, fasste Lil Picard sich ein Herz und erinnerte "dear Andy" an eine offene Rechnung. Sie hatte zu einem seiner Filme eine Live-Performance beigesteuert, jedoch nie ein Honorar dafür erhalten. Woraufhin ihr Warhol demonstrativ einen Scheck ausschrieb.

"Sie können mir doch die Worte sagen und wiederhole sie dann"

Betrag 35 Dollar, den Lil mit der Bemerkung quittierte, sie werde das Papier wohl nicht einlösen, sondern sich einrahmen lassen. Andys Antwort: "Really?" Bevor wir nach einer Stunde im Lift verschwanden, gab mir der Künstler die Hand und beschenkte mich mit dem einzig kompletten Satz unserer Konversation: "God bless you." Es bestand kein Zweifel, die Sache war schief gegangen. Ich hatte Warhol gesehen, erlebt – und wenig von ihm erfahren. Aber nicht, weil ich nervös oder mein Gegenüber schlechter Laune gewesen wäre. Nein, ich war nur Warhols Strategie erlegen, die zu jener Zeit darin bestand, die Verhältnisse umzukehren – statt des Befragten sollte der Interviewer sich öffnen.

Späte Gewissheit für diese Annahme lieferte mir die Einleitung eines 2004 erschienenen Buchs mit ausgewählten Warhol-Interviews. Darin preist die Kunsthistorikerin Reva Wolf Warhols "Meisterschaft des Ausweichens" als Technik, die Andy von seinem Vorbild Marcel Duchamp übernommen habe. Schwacher Trost: Auch andere Interviewer, das hatte ich nun schwarz auf weiß, verließen die Factory ohne Fakten. Es sei denn, sie befolgten Warhols absurden Rat für Reporter: "Sie können mir doch einfach die Worte sagen", hatte er vorgeschlagen, "und ich wiederhole sie dann." Mit anderen Worten: In so manchem frühen Warhol-Interview ist so manches schlicht erfunden.

Doch von den siebziger Jahren an redete Andy Warhol plötzlich Klartext. Denn der exzentrische Künstler, dem Underground längst entkommen, begriff sich fortan als kreativer Produzent und Unternehmer. Motto: "Ein gutes Business ist die faszinierendste Kunst." Nun drehte er Filme wie "Flesh" oder "Trash" nicht mehr selber, sondern machte nur noch die Reklame – auch mit ganz gewöhnlichen Interviews. Er etablierte sich als Porträtist, der die Schönen und Reichen auf Leinwand à la Warhol konterfeite, wenn sie dafür brav 25 000 Dollar bezahlten. Außerdem malte er wieder in Acryl und mischte mit Shows wie "Andy Warhol's Fifteen Minutes" das New Yorker Kabelfernsehen auf.

Flankiert wurde das Geschäft von redseligen Ghostwriter-Büchern über Andys "Philosophie" und die Factory (Titel: "Popism"), mit Warhols Fotobänden "Exposures" und "America" sowie dem 1989 postum erschienenen "Tagebuch". Den Tod des Künstlers am 22. Februar 1987 überlebte übrigens auch seine 1969 gegründete Zeitschrift "Interview" – ein Titel, der mir bis heute suspekt ist. Und den ich nicht erwähnte, als ich Warhol 1977 in der New Yorker Disco "Studio 54" und 1980 in der Münchner Galerie Schellmann & Klüser noch zwei Mal wiedertraf.

Dieser Text erschien erstmals in der art-Ausgabe 2/2007.

"Factory Girl"

Termin: Ab 6. August im Kino, der Film über Andy Warhols Muse Edie Segdwick. Mit: Guy Pearce und Sienna Miller. Ausstellung mit Porträts von Andy Warhol: "Ugo Mulas. La scena dell'arte", bis 5. Oktober, Galleria Civica d'Arte Moderna, Turin
http://www.factorygirlmovie.net/

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