Carsten Nicolai - Interview

Ich bin nicht der Jimi Hendrix auf dem Laptop

Der deutsche Sound-, Installations- und Videokünstler Carsten Nicolai war 1997 an der Documenta 10 beteiligt und auf der Biennale in Venedig (2001 und 2003) zu sehen. Unter dem Künstlernamen Alva Noto stellte er in der Hamburger Kunsthalle sein neustes Projekt "Xerrox Vol. 2" vor. Im art-Interview spricht er über seine Zeit als Gärtner, die Grenzen zwischen Kunst und Naturwissenschaft – und die Vermatschung von Tönen.
Digitale Vermatschung:Carsten Nicolai über sein "Xerrox"-Projekt

Carsten Nicolai als Alva Noto: "Xerrox", Live-Performance

Herr Nicolai, Sie haben früher einmal als Gärtner gearbeitet. Haben Sie noch manchmal Sehnsucht nach Ihrem alten Job?

Carsten Nicolai: Ich musste als Gärtner arbeiten, weil ich ausgemustert wurde. Ich durfte nicht sofort mit dem Studium beginnen und hatte noch ein Jahr Praxis vor mir. Und weil ich einen Studienplatz für Landschaftsarchitektur hatte, wollte ich etwas wählen, was damit zu tun hat. Aber der Job war unglaublich anstrengend. Ich kannte das nicht, das ganze Jahr lang draußen zu sein. Mich würde es zwar viel Energie kosten, aber ich könnte mir schon vorstellen wieder als Gärtner zu arbeiten. Aber dann mehr als eine Art Meditation.

Wie ist dann Ihr Interesse für Kunst und Musik entstanden?

Schon als Gärtner war mein Interesse an Zeichnungen, Druckgrafiken und bildender Kunst sehr groß. Ich habe auch parallel schon künstlerisch gearbeitet und Kontakte zu Untergrundgalerien geknüpft. Das war auch die Zeit, in der ich Judy Lybke von der Galerie Eigen + Art kennen gelernt habe. Und mit Freunden habe ich musiziert und Filme gedreht. Es war eine extreme Zeit des Ausprobierens. In Chemnitz gab es eine starke autodidaktische Szene. Der klassische Künstlerverband dort war einer der wenigen Verbände, die auch Künstler aufgenommen haben, die nicht unbedingt von der Hochschule kamen. Die haben manchmal sogar Kunstabgänger abgelehnt. Die Stadt hatte ein sehr avantgardistisches Gefühl mit Kunst, Theater und Musik umzugehen.

Warum haben Sie sich denn überhaupt für Landschaftsarchitektur entschieden?

Ich dachte immer, Kunst kann man nicht studieren oder erst, wenn man viel älter ist. Es war mir klar, dass eine bestimmte Art von Kunst entstanden wäre, wenn ich Kunst studiert hätte. Man kannte ja die Professoren und Formsprache – und das wollte ich nicht. Mich haben immer drei Themen besonders interessiert: Naturwissenschaft, Kunst und Architektur. Und die Landschaftsarchitektur war damals die ideale Mischung für mich.

Aber die Zeit des Experimentierens hat trotzdem nie wirklich aufgehört?

Ich habe immer versucht, eine gewisse Neugierde zu behalten und die Frechheit zu sagen, dass man alles machen kann. Malen, mal einen Film drehen oder eine Band gründen. Das ist auch eine Art Ignoranz, die daher stammt, dass ich nie eine Fahrerlaubnis für Kunst hatte. Das ist aber auch ein Resultat meiner Ost-Vergangenheit, weil dort die interessantere Kunst eben nicht an den Hochschulen gemacht wurde.

Ihre Installationen erinnern ja auch eher an einen Physiker oder Naturwissenschaftler ...

Das hat etwas mit Sehgewohnheiten zu tun. Und diese versuche ich immer in Frage zu stellen. Ich finde meine Installationen teilweise gar nicht so technisch. Für mich ist das auch ein Ausdruck dafür, in welcher Zeit wir gerade leben.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Naturwissenschaft und Kunst?

Natur ist für mich eine sehr große Inspirationsquelle. Es gibt so viele Künstler, deren Referenzquelle wieder in der Kunst liegt. Dieses Referenzsystem habe ich versucht zu verlassen und mehr in die Natur zu gehen. Wenn ich mich zum Beispiel mit Farbe beschäftige, dann will ich wissen, was Farbe genau ist. Und so sehe ich das auch in der Musik.

Was bedeuten Ihnen Töne und Klänge?

Klänge wirken ungeheuer direkt. Wir können sofort sagen, ob wir den Sound mögen oder nicht. Da gibt es nicht mehrere intellektuelle Ebenen dazwischen. Und es kann emotional etwas in uns auslösen, ohne dass wir genau wissen, warum. Ich beschreibe das immer als universelle Sprache, die jeder versteht, egal, aus welchem Kulturkreis er kommt. Das ist ein absolutes Phänomen.

Carsten Nicolai über Hörgewohnheiten und Entstehungsprozesse

Aber wenn man der Musik auf den Grund geht, indem man sie zerlegt, geht dabei die Emotionalität nicht verloren?

Nein. Das sind ja auch wieder Hörgewohnheiten. Wenn man zum Beispiel ältere Kritiken von Kraftwerk liest, dann wurde das als kühle Computermusik beschrieben. Wenn man heute einen Kraftwerksong hört, würde man nicht mehr so etwas sagen, denn die Lieder haben Melodie und Rhythmus. Die haben alles, was ein Song haben muss. Es ist eben einfach eine andere Art von Ästhetik. Es ist vielleicht mit Maschinen hergestellt, statt mit einem natürlichen Instrument, aber diese Ästhetik ist im Alltag angekommen. Heute sind Kraftwerk ja keine futuristische Band mehr, sondern fast schon wieder Retro. Daran merkt man, wie weit wir mittlerweile mit unseren Hörgewohnheiten sind. Wenn ich ein Musikstück aufnehme, wirkt das jetzt noch unterkühlt, aber in 20 Jahren klingt das für die Menschen vielleicht gar nicht mehr so. Ich empfinde viele meiner Stücke sogar selbst als hoch emotional, zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Ryuichi Sakamoto oder mein "Xerrox"-Projekt.

Können Sie uns dieses Projekt näher erklären? Eigentlich ist Xerox ja ein Kopierer.

Genau! Der Kopierer ist eine Metapher. Den Name "Xerrox" habe ich durch das doppelte r verändert, so dass "error" drinsteckt. Da hat sich sozusagen ein Fehler eingeschlichen. Und die Idee dabei ist eigentlich das digitale Kopieren. Wenn man Formate verändert, zum Beispiel, wenn ich eine MP3 aus einer CD erstelle, dann ändere ich das Datenformat, alles wird in eine andere Umgebung konvertiert und auch der Sound verändert sich. Das ist für normale Konsumenten manchmal gar nicht hörbar, aber wenn ich eine grobe Auflösung eines MP3s wähle, dann hört man das sofort. Ich begreife das Kopieren vom einen Format ins ein anderes als kreative Chance. Man macht also eine Kopie von einer Kopie und kopiert dann die Kopie. Dabei entsteht eine Unschärfe, es gibt Interpolation, Fragmentierungen und es schleichen sich Fehler ein. Im Digitalen nennt sich das "Glitch" wenn Bits vermatscht werden bis die Daten eine so geringe Auflösung haben, dass sie nicht mehr wissen, was sie eigentlich spielen sollen. Daraus wird ein Datenrauschen und trotzdem stecken noch die kopierten Melodien dahinter.

Der Sound der Platte wurde mit der CD verbessert und jetzt drücken Sie den Inversknopf?

Ja, eigentlich mache ich einen digitalen Rückschritt.

Was ist zuerst da? Die Komposition oder die Performance?

In meiner Performance arbeite ich erst mal primär an den Sounds oder den Musikstücken. Ich benutze ungern das Wort Komposition, aber im Prinzip sind sie schon komponiert. Und ich denke dann eigentlich schon innerhalb des Entstehungsprozesses darüber nach, wie ich das bei einer Aufführung visualisieren kann. Das hat damit zu tun, dass ich als elektronischer Musiker eigentlich nicht so viel zu tun habe. Das ist nicht wie beim Gitarristen, der eine Seite zupft, und es ertönt ein Klang. Die Visuals sind dabei sozusagen die Performer, darin finden die Bewegungen statt, die von den Sounds ausgelöst werden. Dadurch kann ich zurücktreten. Ich versuche nicht der Jimi Hendrix auf dem Laptop zu sein.